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Serie (Teil 5): Pfarrer Niermann - Bespitzelung im Westen

„Emanuel“ bleibt bis in die 1980er-Jahre im Visier der Stasi

Tecklenburger Land

Klemens Niermann stand noch bis in die 1980er-Jahre im Visier des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Seine Akte wird unter dem Namen „Emanuel“ ab Oktober 1978 weiter geführt.

Günter Benning

Klemens Niermann stand noch bis in die 1980er-Jahre im Visier des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Foto: dpa

„Wieso tut so einer so was ?“ Gabriele Gerecke hat sich das tausend Mal gefragt, als sie im Gefängnis saß. Die 30-jährige DDR-Lehrerin war am 25. März 1977 mit Klemens Niermann verhaftet worden. Sie wollte aus der DDR fliehen. Sie lag im Kofferraum seines Wagens. Gerecke wurde wegen Republikflucht verurteilt, befand sich noch in Haft, als der Ibbenbürener Pfarrer längst von seinem Bischof freigekauft war. Als Niermann 70 Jahre wurde, hatte die langjährige Lebensgefährtin des Regisseurs Einar Schleef eine Antwort auf ihre Frage: „Weil ich noch nie jemanden kennengelernt habe, der sein Priestertum so ernst genommen hat. Er sucht sich immer das Schwerste aus.“

Akte wird unter dem Namen „Emanuel“

Bei den Verhandlungen mit der DDR-Regierung über die Freilassung von Klemens Niermann ging es auch um die Frau, die er in den Westen holen wollte. Der Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel war dabei im Geschäft. Er war Organisator des ersten Agentenausschusses im Kalten Krieg und Unterhändler der DDR beim sogenannten Häftlingsfreikauf. Weihnachten 1977 versprach er, stehe sie auf der Austauschliste. „Die Preise“, sagte Niermann dem Regisseur Schleef am Telefon, „sind gestiegen“. Niermann stand noch bis in die 80er-Jahre im Visier des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Seine Akte wird unter dem Namen „Emanuel“ ab Oktober 1978 weiter geführt.

IM Schwalbe müsse überprüft werden

Er soll als IMF gewonnen werden. IMF steht für Informeller Mitarbeiter mit Feindverbindung ins Operationsgebiet. Die Stasi erhofft sich von ihm Aufklärung über „feindlich-klerikale Kräfte der katholischen Kirche“. Bis 1984 liefert ein IM „Schwalbe“ regelmäßig Berichte über den Pfarrer aus Ibbenbüren. Offenbar ist er der Ost-Anwalt, der ihn bei Gericht vertreten hat. „Schwalbe“ berichtet allerdings ziemlich unbedeutende Dinge, sodass die Akte geschlossen wird. Der „Kandidat“, heißt es zur Begründung, sei „unehrlich“. Der IM Schwalbe müsse überprüft werden.

Jahrelanger Kontakt mit Ost-Anwalt

Klemens Niermann hatte über Jahre den Kontakt mit seinem Ost-Anwalt gepflegt. Einmal – und das ist typisch für den Pastor – bat er ihn, seinen Stasi-Vernehmern und der Wachmannschaft im Gefängnis Weihnachtsgeschenke zu bringen. Daraus wurde allerdings nichts. Wie der Ibbenbürener Pastoralreferent Hermann Poggemann berichtet, habe Niermann seinem Stasi-Beschatter später die Sterbesakramente gebracht. Auch am Grab von Einar Schleef im Jahr 2001 spricht der Pfarrer aus Ibbenbüren. „Wer bin ich eigentlich“, sei die ewige Frage des Künstlers gewesen, sagte Niermann laut Bericht der Berliner Zeitung.

Einar Schleef, der Niermann 1965 beim Trampen in der DDR kennengelernt hatte, wusste kurz vor seinem Tod eine Antwort: „Dass sich meine Arbeiten veränderten, dass sich ihr tragischer, religiöser Charakter immer mehr durchsetzte, ist nicht nur gelebte Biografie, sondern Ausdruck einer Begegnung vor 30 Jahren, die für Fahrer und Tramp nicht folgenlos blieb.“

► Am 10. November wird der Platz zwischen Caritas und Rathaus nach ihm benannt: Klemens Niermann, vor fünf Jahren verstorbener Krankenhauspfarrer, hat vielen Menschen geholfen. 1977 geriet er in DDR-Haft, weil er versucht hatte, eine junge Frau über die Zonengrenze zu schleusen. Das Material dazu haben Dechant Martin Weber und andere Freunde Niermanns zusammengetragen, unter anderem auch die Stasi-Akten zum Fall.

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