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Führungen durch Westerkappeln

Hochburg der Schneiderkunst

Westerkappeln

Aufschriften auf Kleiderbügel waren in früheren Zeiten ein Hinweis darauf, wo ein Kleidungsstück genäht worden war. Horst Meyer hat jetzt die Westerkappelner aufgerufen, ihm alte Kleiderbügel zur Verfügung zu stellen. Sie sollen Basis für Führungen durch die Gemeinde sein.

Katja Niemeyer

An den Aufschriften verschiedenen Kleiderbügeln orientiert Horst Meyer seine Führungen durch den Ort. Nach seiner Ansicht könnte Westerkappeln vor vielen Jahrzehnten einmal eine Hochburg der Schneiderkunst gewesen sein. Foto: Katja Niemeyer

Ortsführer Horst Meyer freut sich an diesem sonnigen Vormittag geradezu diebisch. „Irre. So viele neue Kleiderbügel“, sagt der frühere Leiter der Grundschule am Bullerdiek, stellt seine Tasche ab und atmet erst einmal durch.

Die Bügel hat er von Westerkappelnern bekommen, nachdem er vor einiger Zeit bei der Mitgliederversammlung des Kultur- und Heimatvereins Westerkappeln für seine neue Ortsführung geworben hat, die er – wie auch sonst – mit „Kleiderbügel-Führung“ getitelt hat.

Die Bügel, die seine bisherige Sammlung um Einiges vergrößerten, haben Horst Meyer jetzt zu einer interessanten These geführt: Weil nämlich auf jedem Bügel ein anderer Name eingraviert ist, geht der Ortsführer davon aus, wie er sagt, dass früher eine ganze Reihe von Schneidermeistern in der Gemeinde gewirkt haben. So haben sich auf den Exemplaren folgende Schneidermeister mit Namen verewigt: Wilhelm Hövelmeyer, August Windmöller, Willy Hindersmann (aus Seeste), Wilhelm Brüning (Metten) und August Windmann (Metten).

Als Einleitung in seinen Rundgang führt Horst Meyer einen Auszug aus seinem Kleiderbügel-Arsenal vor. Darunter ein umhäkeltes Unikat, für das der ehemalige Lehrer eigens ein Gedicht („Umhäkelte Kleiderbügel“ von Christina Dittwald) herausgesucht hat, in dem an einer Stelle von den Vorzügen der Häkelbügel die Rede ist: „(...) weil von Blusen aus Seide keine mehr rutschen tut.“

Nach diesem launigen und zugleich informativen Einstieg in das Thema steuert Horst Meyer die Standorte von früheren Bekleidungsgeschäften im Westerkappelner Ortskern an. Da wären zum Beispiel Kleine-Möller und Müller, deren Läden sich an der Großen Straße gegenüberlagen und an die sich die älteren Westerkappelner wohl noch gut erinnern können. Das Kleine-Möller-Haus ist längst abgerissen und einem neuen Geschäftskomplex gewichen. Wie der Ortsführer weiter ausführt, hatte es darüber hinaus ein weiteres Bekleidungsgeschäft in der Großen Straße gegeben, das bis wenige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg im Besitz des Juden Hermann David van Esso war.

Zum Schmunzeln dürfte die Anekdote über einen Ausbildungsvertrag sein, den der Textilkaufmann Heinrich Kleine-Möller und der Vater eines angehenden Lehrlings im Jahr 1903 abschlossen. Darin verpflichtet sich der Vater unter anderem, seinen Sohn während der dreijährigen Lehrzeit mit „Kleidung, Wäsche und in allem, was zu den standardmäßigen Bedürfnissen gehört“, auszustatten. Außerdem dürfte der Auszubildende „kein Geld bei sich führen“. Kleine-Möller hingegen verpflichtete sich, den ihm anvertrauten Lehrling „die nötige Unterweisung in den Handwerkswissenschaften zu geben, denselben zu allem Guten anzuhalten und – soweit es in seiner Macht steht –, das Beste des Jünglings zu fördern und ihn zu einem brauchbaren jungen Mann heranzubilden.“

Zwischen einer halben und einer Dreiviertelstunde dauert die „Kleiderbügel-Führung“, die, so verspricht es Horst Meyer, sowohl heiter als auch nachdenklich stimmt.

Über Buchungen seiner Führung würde sich der pensionierte Lehrer freuen. Derweil will er sich aber in die Recherche über die Vielzahl der Schneidermeister stürzen. Westerkappeln, resümiert er, „muss einer Hochburg der Schneiderkunst gewesen sein“.

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