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Willkommenskultur

Wohltuende Normalität erleben

Westerkappeln

Es ist der erste Kreativabend, zu dem der Verein am Mittwoch Flüchtlingsfrauen und deutsche Frauen ins Dietrich-Bonhoeffer-Haus eingeladen hat, und schon nach wenigen Minuten ist klar, was das Angebot ausmacht: sich treffen, kennenlernen, Normalität erleben.

Dietlind Ellerich

In der Gruppe Spaß haben:  Die stellvertretende Vereinsvorsitzende Frauke Hellmich hat den Überblick und leistet Hilfestellung im Umgang mit Papierstreifen, Glanzpapier, Schere, Kleber & Co. Foto: Dietlind Ellerich

„Wer möchte so einen Stern basteln“, fragt Frauke Hellmich in die Runde. Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Wabe Westerkappeln“ hält weißes Papier hoch und setzt gerade an zu erklären, wie aus den Streifen Sterne werden, als eine leise Stimme fragt, was das sei. Die junge Frau zur Stimme zeigt auf eine Schere und erfährt das deutsche Wort für das Werkzeug, das zum Basteln unerlässlich ist.

Es ist der erste Kreativabend, zu dem der Verein am Mittwoch Flüchtlingsfrauen und deutsche Frauen ins Dietrich-Bonhoeffer-Haus eingeladen hat, und schon nach wenigen Minuten ist klar, was das Angebot ausmacht.

20 Frauen im Alter zwischen 17 und Ende 40 drängeln sich um Tische voller Papierstreifen, buntem Glanzpapier, Klebstoff, Scheren, Teetassen und Schalen mit Plätzchen und Schokolade. Sie reden, lachen, versuchen sich an den Sternen. Warm und gemütlich ist es, auf dem Teppich in einer Ecke des Raumes spielen drei Kinder, mittendrin liegt ein Baby, an dem jeder mal herum zupft.

Ankommen bedeutet der Abend für die Flüchtlingsfrauen aus Eritrea, Russland, Serbien und Syrien, ankommen in einem Land, das vielleicht ihre neue Heimat wird. Zusammenkommen mit den Frauen aus dem Land, das sie aufgenommen hat, und mit Frauen aus anderen Nationen. Aber es geht auch darum herauszukommen, aus den oft beengten Unterkünften, einmal etwas ohne Ehemänner oder Kinder zu unternehmen. Und nicht zuletzt möchten sie weiterkommen, ihren Horizont erweitern, die deutsche Sprache erlernen, und das gelingt ihnen am besten, wenn sie mittendrin sind.

Es wird Englisch gesprochen, zumindest einige von ihnen. „Warum eigentlich“, fragt Kerstin Kramme, Vorstandsmitglied des Vereins, und lacht. „Schließlich sprechen die meisten gar kein Englisch“, weiß die Westerkappelnerin und schnappt sich das Baby, das zwischen dem munteren Trio unruhig wird. Es ist eine besondere Beziehung zu dem Kleinen, bei dessen Geburt sie dabei war.

In der Zwischenzeit gesellen sich zwei weitere Kinder auf den Teppich. Sie spielen und zanken – Alltag eben, und ein Stück Normalität, für die Kids wie für ihre Mütter, von denen sich einige über erste Erfolge beim Schneiden, Falten, Legen und Kleben von Weihnachtssternen freuen.

Es ist nicht nur eine Gemeinschaft von verschiedenen Nationen und Generationen, die beim Basteln entsteht, auch verschiedene Religionen sitzen gemeinsam am Tisch und gestalten Sterne. Sterne kennen alle, wenn auch nicht im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest. „Egal, macht nichts, sie sehen hübsch aus und man kann sie zu Hause aufhängen“, sagt Kramme ganz pragmatisch und gibt das Baby an seine Mutter ab. Schaukeln und Schnuller reichen nicht mehr, und die Mama zieht sich mit dem Kleinen zurück.

Es ist eine lebhafte Gruppe, die am Mittwochabend im Dietrich-Bonhoeffer-Haus zusammensitzt. Man bastelt, redet, in verschiedenen Sprachen, über dies und das oder die Sterne, miteinander, durcheinander oder auch aneinander vorbei: wohltuende Normalität eben.

Die ersten Sterne sind fertig. Kleine und große, weiße, gelb-orangene oder lila-blaue Exemplare, die den anderen stolz präsentiert werden. Mutter und Sohn kehren zurück in die Runde, dem Kleinen fallen die Augen zu. Die Frauen, die auf den Geschmack gekommen sind, fangen mit den Fröbel-Sternen an, die anderen quatschen, trinken Tee, lachen. Herrlich normal!

An jedem ersten Mittwoch im Monat will die „Wabe Westerkappeln“ auch in Zukunft Flüchtlingsfrauen und deutsche Frauen zum Kreativabend einladen. Gemeinsames Häkeln, Stricken und Nähen soll auf dem Programm, eine Nähmaschine zur Verfügung stehen, damit „sie auch mal etwas Ausbessern können“, kündigt Kerstin Kramme ein weiteres Stück Normalität für die Frauen aus Eritrea, Russland, Serbien oder Syrien an.

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