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Hat die katholische Kirche Zukunft?

„Austritt kann Zeichen des Glaubens sein“

Ahlen

Hat die katholische Kirche noch eine Zukunft? Das fragten die Diskutanten beim VHS-Talk am Donnerstag. Klar wurde dabei: Leicht wird es die Kirche nicht haben.

Von Lisa Voß-Loermann

Kamen zusammen zum Talk am Donnerstag zum Thema „Hat die katholische Kirche eine Zukunft?“: Stefan Braunsmann, Nadine Köttendorf, Maria Dückinghaus, Dierk Hartleb, Bernd Mönkebüscher und Dr. Ludger Kaulig. Foto: Lisa Voß-Loermann

Mindestens ein bisschen Unbehagen an seiner Kirche spürt in diesen Tagen wohl fast jeder Katholik. „Hat die katholische Kirche eine Zukunft? Zwischen Missbrauch und Maria 2.0“ war der VHS-Talk am Donnerstag überschrieben. Beim Moderatorenteam Nadine Köttendorf und Dierk Hartleb hatten sich dazu im Alten Rathaus Pfarrer Dr. Ludger Kaulig, der Hammer Geistliche Bernd Mönkebüscher, die Maria-2.0-Aktivistin Maria Dückinghaus und Stefan Braunsmann eingefunden.

Missbrauchsfälle und Frauendiskriminierung

Braunsmann, katholisch sozialisiert, hadert derzeit mit der Institution, die ihn seit Kindheit positiv prägte, wie er bekannte. Besonders der sexuelle Missbrauch durch Priester und der Umgang der Amtskirche damit sowie die Diskriminierung der Frauen hat den Familienvater ins Nachdenken gebracht. Einfach austreten, möchte er nicht, das sei zu einfach und zu folgenlos. Deshalb sammelt er gerade mit seiner Frau Argumente für und gegen einen Verbleib, um die Entscheidung fundiert fällen zu können. Aufgewachsen in St. Josef, habe ihm Pfarrer Lenfers ein Heimatgefühl in der Gemeinde gegeben. „Als Jugendlicher war die Kirche für mich toll, ich habe im Gottesdienst Gitarre gespielt, mich zuhause gefühlt.“

Katholik Stefan Braunsmann

Auch bei Maria Dückinghaus ist das Heimatgefühl längst passé. Ein Missbrauchsfall vor Jahren in der eigenen Familie habe sie in ihrer Loyalität komplett aus der Bahn geworfen, „weil da einfach nichts passierte“. Gläubig sei sie, die Gottesdienste habe sie aber jahrelang gemieden. „Ich habe früher stets kritiklos hingenommen, was die Kirche gesagt hat, das ist vorbei“, so die Katholikin, die inzwischen sowohl in der KFD als auch bei Maria 2.0 aktiv ist. Was sie stört? „Wir leben im 21. Jahrhundert, nicht in der Steinzeit.“ Letzteres wirft sie der Institution vor.

Verhalten der Kirche konträr zu ihrem Innersten

Bernd Mönkebüscher, queerer Pfarrer, ist sich sicher: „Manchmal kann ein Austritt ein größeres Zeichen des Glaubens sein, als in der Kirche zu bleiben.“ Er steht ein für seine Homosexualität und sagt zum Verhalten von „Mutter Kirche“: „Auch 1000 Suppenküchen machen keinen Missbrauch wett.“

Pfarrer Dr. Ludger Kaulig beklagt das Verhalten der Kirche im Missbrauchsskandal, das „so konträr zu unserem Innersten steht. Dabei hat die Institution mit ihren Hierarchien eine klasse Struktur, das zu verfolgen. Dass die Möglichkeiten nicht genutzt wurden, ärgert mich auch.“ Er setzt nun auf Prävention. Daran arbeite man gerade. Doch Prävention ohne Aufarbeitung des Geschehenen, ohne Ursachenforschung? Aus dem Auditorium kommt da mehr als ein Murren. „Warum können die Bischöfe sich nicht laut und deutlich vom Missbrauch distanzieren?“, fragt einer. Mönkebüscher lenkt ein. „Es haben auch früher schon Menschen aus ihrem Glauben heraus versagt. Es ist eine Frage der Haltung, wie die Kirche dazu steht.“

Frustration und Wut

Frustration, ja Wut meinen die Moderatoren beim Publikum herauszuhören. Eine engagierte Katholikin spricht von Versklavung, aus der man sich lösen müsse. „Immer sind es die Frauen, die sich auf den Weg machen“, sagt sie, und ein anderer Besucher fragt: „Warum kann die Kirche nicht signalisieren: Wir haben Euch verstanden?“

Wünsche gibt es am Ende viele. Stefan Braunsmann wünscht sich Transparenz, ein Aufräumen, Maria Dückinghaus Gleichberechtigung und eine Begrenzung der Dienstzeit bei Papst und Bischöfen auf acht Jahre, Bernd Mönkebüscher wünscht, dass sich alle von Jesus inspirieren lassen, das reiche, und Ludger Kaulig die Fragestellung „Was würde Jesus tun unter der Voraussetzung, die Wahrheit zu suchen?“

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