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Lesung zum Leben und Wirken der Autorin Jenny Aloni

Beeindruckende Literatin

Ahlen

Erst spät erfuhr Jenny Aloni die Wertschätzung, die sie als Literatin verdient hatte. Eine dialogische Lesung gab nun einen Einblick in das Werk der jüdischen Autorin, die die Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur selbst miterlebt hat.

Von Martin Feldhaus

Foto: Martin Feldhaus

Tagebücher spiegeln die innerste Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Verfasser wider. Werden sie über ein ganzes Leben geführt, enthalten sie unweigerlich die ganze Palette menschlicher Emotionen. So ist es auch bei Jenny Aloni. Doch im Falle der 1993 verstorbenen deutsch-israelischen Schriftstellerin, die als eine der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Literatur Israels gilt, sind ihre Tagebuchaufzeichnungen noch mehr: nämlich eine wichtige historische Quelle.

Das wurde am Donnerstagabend im Heimatmuseum bei einer von der Volkshochschule und dem Forum Brüderlichkeit organisierten dialogischen Lesung deutlich. Im Rahmen der eineinhalbstündigen Veranstaltung führten der Literaturwissenschaftler Walter Gödden und der Schauspieler, Produzent und Rezitator Carsten Bender in das Leben und das literarische Wirken der 1917 in Paderborn geborenen Jüdin Aloni ein, deren gesammelte Werke aus Tagebucheinträgen aus insgesamt 58 Jahren, Erzählungen, aber auch Gedichten und Romanen, erst spät in ihrem Leben gebührende Anerkennung erfuhren.

Künftigen Generationen Bericht geben

„Sie wollte aufklären und künftigen Generationen Bericht geben“, fasste Gödden prägnant zusammen, was im Zentrum des literarischen Wirkens der Exilautorin stand: Die Auseinandersetzung mit den an den Juden verübten Verbrechen während der nationalsozialistischen Diktatur. Äußerst anschaulich und in klarer, einprägsamer Sprache schildert Aloni ihre Kindheits- und Jugenderfahrungen im Dritten Reich. Den zunehmenden Antisemitismus in der Gesellschaft und die Schikanen gegen jüdische Geschäfte, die in der Reichspogromnacht gipfelten, erlebte Aloni selbst in Berlin. Als sie am Tag danach in ihre Heimatstadt zurückkehrte, erlebte sie das zerstörte Elternhaus als Symbol der Heimatlosigkeit. Erfahrungen, die sie in ihrer Erzählung „Kristall und Schäferhund“ aus dem Jahr 1963 verarbeitete. Erschaudern lassen den Leser hier Schilderungen, in denen Aloni etwa das gleichförmige Marschieren von schwarzen Stiefeln detailliert beschreibt und die Gefühle ausdrückt, die das bei ihr hervorrief.

Ergänzende Informationen aus der Biografie

Bei ihrer dialogischen Lesung verknüpften Gödden und Bender immer wieder Ausschnitte aus den literarischen Werken und Tagebucheintragungen Alonis mit ergänzenden Informationen zu ihrer Biografie. In der markierte das Jahr 1939 eine tiefgreifende Zäsur: Die Auswanderung nach Palästina. Hiernach studierte sie an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Gefühl, ihre Familie im Stich gelassen zu haben, für Aloni zum Trauma. Aus dieser Zeit stammen auch Schilderungen eines Besuches des Konzentrationslagers in Dachau, die den Zuhörern den Atem stocken ließen und für absolute Stille im Raum sorgten. Sehr intensiv beschreibt Aloni hier die örtlichen Gegebenheiten und ihre Gefühle. Die stürzten sie nach diesem einschneidenden Erlebnis in eine tiefe Krise („Millionen andere, aber ich nicht?“).

Größere Beachtung erst 1961

Größere Beachtung fand sie erstmals durch einen im Jahr 1961 erschienenen autobiografischen Roman mit dem Titel „Zypressen zerbrechen nicht“. Zu jener Zeit bestand in Deutschland in Folge des Eichmann-Prozesses erstmals ein breites öffentliches Interesse an deutschsprachiger Literatur aus Israel, die sich mit der NS-Zeit auseinandersetzt. Es folgten einige andere Werke wie der Roman „Der Wartesaal“ (1969), welches sogar das Interesse von Heinrich Böll auf sich zog. Für diese Erzählung griff die Autorin auf ihre Erfahrungen in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen zurück.

Andauernde Wertschätzung erfuhren die Texte Alonis erst spät: Ein im Jahr 1987 veröffentlichter Auswahlband, der Werke aus 40 Jahren beinhaltete, rückte sie in den Fokus vieler Literaturbeobachter. Sie wurde im Jahr 1991 mit dem Meersburger Droste-Preis und dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis ausgezeichnet. „Die Werke wurden in den 90er Jahren wiederentdeckt“, erklärte Gödden zum Ende der Lesung, die von der LWL-Kulturstiftung gefördert wurde.

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