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Feinkost Dahlhoff schließt zum 1. August

Brötchen, Milch und Breaking News

Ahlen

Die Nachricht war für viele ein regelrechter Schock: Feinkost Dahlhoff – das „Ka-De-We“ Ahlens – macht dicht. Vielen langjährige Kunden konnten das gar nicht glauben. Aber Inhaberin Herlinde Dahlhoff hat gute Gründe, diesen Schritt zu gehen.

Von Sabine Tegeler

Die Ladengründer Herlinde und Josef Dahlhoff mit Tochter Herlinde. Foto: privat

Eine Ära geht zu Ende. Ein Satz, der immer gerne benutzt wird, wenn jemand in Ruhestand geht oder wenn ein Geschäft schließt. Ein Satz, der allerdings auch gerne mal überstrapaziert wird. Eine ganze Ära – sind das wirklich diese 30, 40 Jahre eines Berufslebens? Oder die vielleicht 25 Jahre, die ein Ladenlokal an einem Standort war? Eigentlich bedarf es doch mehr, um von einer Ära sprechen zu können, oder? Es bedarf eines jahre- und jahrzehntelangen Einflusses auf Menschen und ihr Umfeld. Oder einer dauernden Präsenz und eines besonderen Erscheinungsbilds.

Schluss nach 64 Jahren

All das trifft auf das „Ka-De-We“ – das „Kaufhaus des Westens“ von Herlinde Dahlhoff – zu. Und deswegen ist es mehr als legitim, vom Ende einer Ära zu sprechen, wenn Feinkost Dahlhoff an der Eschenbachstraße am 31. Juli den Letzten macht – nach 64 Jahren mit Backwaren, Milchprodukten, Lebensmitteln.

Es ist der 15. Juni 1957, als Josef Dahlhoff den Betrieb eines Milchwagens als Gewerbe anmeldet – der Tag, an dem auch seine Tochter geboren wird. Sie wird nach ihrer Mutter benannt: Herlinde. Kein Wunder also, dass sie sich später berufen fühlt, in das Geschäft mit einzusteigen.

Herlinde Dahlhoff sen. im ersten Laden - einer Bäckerei - an der Nordstraße 34. Foto: privat

An der Nordstraße haben die Dahlhoffs dann ihren ersten Laden eröffnet, eine Bäckerei: „Mein Vater fuhr die Bauernhöfe ab und bekam dort Eier gegen Lebensmittel“, erzählt Herlinde Dahlhoff. Das Haus an der Nordstraße stammt von Mutters Seite, Vater aber kommt aus dem Westen. Und deswegen kauft er auch ein Grundstück an der Ecke Eschenbach-/Straußstraße.

Neuer Laden an der Eschenbachstraße

Dort starten 1963 die Bauarbeiten für einen neuen Laden, ein knappes Jahr später wird dort Eröffnung gefeiert. Der Tante-Emma-Laden mit einem mittlerweile reichhaltigen Lebensmittelangebot mausert sich schnell zu dem Treffpunkt im Westen schlechthin. Hier bekommt man neben Brot und Brötchen, Käse und Wurst, Milch und Joghurt auch noch die „Breaking News“ aus der Nachbarschaft.

1975 startet Herlinde junior ihre Lehre im Geschäft der Eltern, 1976 wird sie selbst Mutter. Ihre Tochter Christine bekommt die Einzelhandelsgene mit in die Wiege gelegt – auch sie arbeitet später mit im „Ka-De-We“.

Josef Dahlhoff 1972 Foto: privat

1997 übernimmt die damals 40-jährige Herlinde Dahlhoff den Laden von den Eltern. Und sie hat was vor: Sie will umgestalten.

„Das war ein Umbau – Mannomann!“, schaut sie heute zurück auf die Zeit, als die Doppelgaragen neben dem Laden kurzerhand per Kran hochgehoben und versetzt wurden. Der Eingang – vorher zur Straußstraße – wandert an die Ecke zur Eschenbachstraße. Dort, wo Käse und Fleischtheke standen, richtet sich Herlinde eine Wohnung ein, die großen Schaufenster, die mal weiß und mal rot verkleidet waren, weichen normalen Wohnzimmerfenstern.

Ein Jahr Gefühlsachterbahn

Das Jahr 2000 bringt für Herlinde Dahlhoff ein Auf und Ab der Gefühle. Die Wiedereröffnung nach dem Umbau wird groß gefeiert, aber im Frühsommer stirbt Vater Josef. Er hätte nicht gewollt, dass seine Enkelin deswegen ihre Hochzeit verschiebt. Und so wird im September 2000 wieder gefeiert, als Christine ihren Thomas (Krieter) heiratet.

Herlinde Dahlhoffs Arbeitstag beginnt von jeher früh: Als sie noch jeden Morgen die Brötchen von der Bäckerei Haake abholt, fährt sie um viertel vor fünf los. Mit der Anschaffung eines eigenen Backautomaten wird‘s noch etwas früher: 3.15 Uhr klingelt der Wecker.

Urlaub macht die Geschäftsfrau nur, wenn jemand für den Laden da ist, auf den Verlass ist: Das sind erst die Eltern, später Tochter Christine. Dann gönnt sich Herlinde Dahlhoff aber auch etwas: Irland, USA, Ägypten und die Türkei hat sie zusammen mit ihren liebsten Freunden bereist.

Eröffnung eines Fischgeschäfts

2005 wagt sie noch mal was und eröffnet an der Nordstraße, wo früher der erste Laden war, ein Fischgeschäft. „Etwa zwei Jahre“, sagt Herlinde Dahlhoff heute, sei das gegangen. Aber es habe an zuverlässigem Personal gemangelt. Und beide Läden immer im Auge haben – das ist selbst für eine so umtriebige Frau wie Herlinde Dahlhoff zu viel. Kurzerhand schließt sie an der Nordstraße wieder und bietet Backfisch und Kibbeling an der Eschenbachstraße an. Dafür kommen die Ahlener aus allen Stadtteilen in den Westen.

Christine und Herlinde Dahlhoff Foto: Sabine Tegeler

Ihre Stammkunden, die weinen schon jetzt, sagt die 64-Jährige: „Die sagen zum Beispiel: ,Sie können doch nicht zumachen. Ich bin doch schon als Kindergartenkind hier gewesen.‘ Aber was soll ich denn machen?“ Sie antworte dann immer: „Denken Sie doch mal an mich. Ich bin noch nie einkaufen gegangen. Ich möchte auch mal irgendwo einfach einen Liter Milch kaufen.“

Das Leben will genossen werden

Geschäftspartner, Anwälte, Steuerberater hätten alle gleich reagiert: „Tragen Sie hier die Geschäftsnachfolge ein.“ Nein, keine Nachfolge. Aufgabe. „Aufgabe? Das haben Sie gerade nicht gesagt, oder?“

Das Leben, das noch vor ihr liegt, will genossen werden: „Deswegen haben wir Mama auch eine Flusskreuzfahrt zum Geburtstag geschenkt“, sagt Tochter Christine. Wenn der Laden dicht ist, soll Herlinde sich gemeinsam mit ihrer Schwägerin mal auf den Weg machen, Sehenswürdigkeiten bestaunen und sich bedienen lassen. Christine und Herlinde Dahlhoff sind sich einig: Ab August steht nur noch das Familienleben an erster Stelle.

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