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„Nelha“: Ahlener feiern Stadtteilfest mal ganz anders

Das ganze Quartier als große Bühne

Ahlen

„Nelha“ – der Titel des vom Bürgerzentrum Schuhfabrik initiierten Stadtteilfests dreht nicht nur den Namen Ahlen auf links, auch das Konzept unterscheidet sich von bekannten Veranstaltungsformaten.

Von Martin Feldhaus und Dierk Hartleb

Am Stand der Aids-Hilfe lädt Paula Könning zum Stöbern und Kaufen ein, während ihr Bruder das Glücksrad kreisen lässt. Foto: Dierk Hartleb

Eine zentrale Anlaufstelle, ein durchgetaktetes Bühnenprogramm und einige wenige Stände. Das findet man bei vielen Festen. Aber muss das so sein? Nicht zwangsläufig. Dass insbesondere ein Stadtteilfest auch ganz anders sein und trotzdem oder gerade deswegen richtig viel Spaß bereiten kann, zeigt am Samstag die Premiere von „Nelha“, inszeniert vom Bürgerzentrum Schuhfabrik. Hier locken viele kleine interessante Orte und Angebote ins Quartier zwischen Werse, Konrad-Adenauer-Ring, Gerichtsstraße und Ost-/Weststraße. So können selbst alteingesessene Ahlener ihr Viertel und seine vielfältigen und bunten Bewohner mit anderen Augen sehen und intensiver kennenlernen.

“Posthalterey“-Wirt Horst Baumgartner backt Reibeplätzchen zugunsten des Forums gegen Armut. Foto: Martin Feldhaus

Wie ein roter Faden ziehen sich dabei vor allem ganz viele Flohmarktstände durch das Stadtviertel, die mit einem bunten Angebot überzeugen. Hier findet eigentlich jeder einen kleinen „Schatz“. Unterschiedlich zufrieden zeigen sich jedoch die Anwohner hinter den Ständen. „Leider ist hier in der Straße kaum Resonanz“, ist etwa Monika Michel sehr enttäuscht, dass sich in die Wandmacherstiege nur wenige Passanten verirrten. Von den Organisatoren hätte sie sich einen Hinweis gewünscht, dass sie die einzige Teilnehmerin in dieser Straße sei. Denn so lohne sich der Aufwand für sie nicht.

Helga Rohden verkauft an der Marienschule Kunsthandwerk aus Tansania. Foto: Martin Feldhaus

Ganz anders ist die Stimmung und auch die Besucherfrequenz hingegen an der Wallstraße, wo die Familien Klaus und Blind gemeinsam einen Hinterhof zum Trödelparadies umfunktioniert haben, in dem es etwa auch verschiedenes Kunsthandwerk aus Filz und Holz gibt – mit Erfolg. „Wir sind bis jetzt sehr zufrieden“, sagen sie, nachdem schon am Mittag viele Verkaufsobjekte Abnehmer gefunden haben. Positiv heben sie noch einen weiteren Aspekt hervor: „Es sind ganz viele Nachbarn vorbeikommen.“ Großer Andrang herrscht auch einige Häuser weiter, bei Familie Peilert, die hinter ihrem Haus in einer kleinen grünen Oase zu einem Ausflug nach England einlädt: Schwarzer Tee und selbst gemachte „Scones“, ein von den britischen Inseln stammendes Gebäck, kommen gut an und laden zu einer kleinen Pause und einem netten Gespräch ein. „Hier kommt man auch mal mit Fremden ins Gespräch“, findet Matthias Peilert, der den servierten Tee stilecht aus dem letzten England-Urlaub mitgebracht hat.

Matthias Peilert serviert in seinem Garten englische Scones und Tee. Foto: Martin Feldhaus

Neben Privatpersonen beteiligen sich auch zahlreiche Vereine, Unternehmen und weitere Institutionen. So öffnet sich die St. Marien-Kirche etwa wieder im Rahmen der City-Kirche. Vor der Marienschule verkauft zudem Helga Rohden kunsthandwerkliche Gegenstände aus Tansania für den guten Zweck, die Schulpartnerschaft mit der Mwambao School in Bagamoyo. „Das sind alles Dinge, die ich aus Tansania mitgebracht habe“, unterstreicht die pensionierte Schulleiterin. Auf großes Interesse stößt zudem das Torwächterhaus an der Kampstraße, durch das die Ahlener Stadtbildmacher um die 100 Gäste führen.

Stadtstrand am Bürgerzentrum

In der Königstraße reiht sich an diesem Tag Aktion an Aktion. Die Ehrenamtlichen beim Sozialdienst katholischer Frauen bieten Kinderkleidung an, die allerdings am Samstagmorgen noch keinen reißenden Absatz findet. Die kleine Stadtstrand-Oase am Bürgerzentrum mit Liegestühlen und Planschbecken bleibt den ganzen Tag ein Geheimtipp zum Atemholen und Erfrischen. Im Eingang der Schuhfabrik hat sich der Kunstverein mit einer kleinen mobilen Druckwerkstatt postiert, die von Klaus Eckhoff bedient wird. Der künstlerische Leiter Sven Henrik Olde verschwindet gelegentlich in einem Automatengestell, das bei Spendeneinwurf eine Zeichnung ausspuckt. Der Clou daran: Die Bleistiftzeichnung besteht aus einem einzigen Strich.

Ein Haus weiter erfährt Sandra Könning von der Aids-Hilfe tatkräftige Unterstützung durch ihre beiden Kinder, die das Glücksrad bedienen und den Stand mit Flohmarktartikeln betreuen. Den Platz teilen sie sich mit den Mitarbeiterinnen der Drogenberatungsstelle. Und ein Haus weiter warten allerlei Accessoires aus der Jugend auf Abgabe in wertschätzende Hände. Vor dem Pfarrhaus von St. Marien in der Nordstraße herrscht regelrecht Gewimmel, denn hier hat nicht nur der Förderkreis „Bridge of Hope“ von Pfarrer Joseph Thota seine Zelte aufgeschlagen, sondern gibt es auch zahlreiche Stände mit Kinderklamotten.

Etwas auf verlorenem Posten fühlt sich Monika Michel mit ihrem Trödelstand an der Wandmacherstiege, wohin sich nur wenige Passanten verlaufen. Foto: Martin Feldhaus

Wer aktiv werden und toben will, ist bei „Holtz physio aktiv“ an der Nordstraße richtig: Hier locken ein Bewegungsparcours und eine Hüpfburg für Kinder. Das „Nelha“-Fest nehmen auch das Forum gegen Armut und die „Posthalterey“ zum Anlass, die Nordstraße zu beleben, indem sie unabhängig vom Stadtteilfest etwas Eigenes auf die Beine stellen.

Tanja Detmar

Umrahmt wird das bunte Treiben durch verschiedene musikalische Einlagen. So zieht etwa das bekannte Duo „Blanco y Negro“ durchs Quartier, um hier und dort lateinamerikanische Klänge ertönen zu lassen. Zudem singt und spielt Jonas Künne auf der Feuertreppe der Drogenberatungsstelle an der Königstraße.

Das Echo bei den zahlreichen „Nelha“-Gästen? Überwiegend positiv. „Gut, dass in Ahlen so etwas stattfindet“, sagt etwa Tanja Detmar. Bei einer etwaigen Neuauflage im kommenden Jahr wollen sie und Tochter Anna, für die sich die zahlreichen Flohmarktstände gelohnt haben, wieder mit dabei sein. Dann sollte ihrer Ansicht nach aber noch besser kommuniziert werden, wo die einzelnen Anlaufpunkte sind. „Das ist eine super Idee“, finden auch Christiane Heuser und Thomas „Mötte“ Gerullis, die gleich einige Stationen im Quartier ansteuerten. „Im nächsten Jahr würden bestimmt noch mehr Menschen mitmachen“, sind sie sich sicher und verweisen auf das sehr heiße Wetter und darauf, dass sich das Format erst einmal etablieren müsse. Den Grundstein dafür legten am Samstag gleich über 30 Teilnehmende, die zeigten, wie bunt und vielfältig ihr Quartier ist.

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