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Bürgermeister auf Baustellenrundgang

Der besondere Nahrath-Charme

Ahlen

Es war jahrelang ein „Lost Place“, doch jetzt tut sich was auf dem Gelände der ehemaligen Emaillefabrik mit dem markanten Topf. Die neuen Besitzer, die Familie Weber, ließen hinter die Kulissen blicken.

Gesichert ist die Außenfassade. Davor könnte eine Oldtimer-Garage entstehen. Kleines Bild: Das Kaminzimmer mit Hermann-Schweizer-Relief war ehedem die gute Stube. Foto: Stadt Ahlen

Über nicht sehr viel Fantasie muss verfügen, wer beim Streifzug über die Nahrath-Brache Bilder einer glorreichen industriellen Vergangenheit am geistigen Auge vorbeiziehen sieht. „Diese Mauern atmen Geschichte“, kann sich auch Bürgermeister Dr. Alexander Berger der Stimmung in den leeren Hallen und entkernten Räumen nicht entziehen.

Ein Jahrhundert lang rauchten die Schlote

Ein Jahrhundert lang rauchten an der Industriestraße die Schlote, bei Tag und bei Nacht hämmerten, drückten und zogen schwere Maschinen „Herdgeschirre von Nahrath aus Ahlen i./W.“, wie noch heute in verblassten Lettern an der Außenfassade zu lesen ist. Töpfe und Pfannen „made in Ahlen“ waren in der ganzen Welt nachgefragte Qualitätsprodukte und gehörten in jede gut ausgestattete Küche. Nach Ende der Produktion in den frühen 1990er-Jahren fiel das zwischen Bahndamm und Wohngebäuden eingepferchte Gelände in einen Dämmerschlaf. Als „lost place“ waren die Hallen dem Verfall preisgegeben. Jugendliche zogen sich hierhin gerne zurück, um ungestört ihre Freizeit zu verbringen, wovon farbenfrohe Graffiti an den Wänden zeugen.

„Es war wirklich eklig“, sagt Hannelore Weber-Michels, deren Söhne Jan und Dirk vor fünf Jahren die Hallen erworben haben. Schlagzeilen machte der langgezogene Gebäudekomplex nur noch, wenn mal wieder die Feuerwehr kleine Brände löschen musste oder Fassadenteile auf die Straße fielen.

Seit die Webers neue Hausherren sind, tut sich gewaltig etwas auf dem Areal in bester innerstädtischer Lage. Das Leben ist hierhin zurückgekehrt.

Auf der Außenfassade ist zu erkennen, was hier jahrzehntelang produziert worden ist Foto: Stadt Ahlen

Von außen kaum zu erkennen, ist hinter den alten Mauern eine riesige Freifläche entstanden, die von den massiven Kopfgebäuden an westlicher und östlicher Grundstücksgrenze sowie dem bewaldeten Damm im Norden begrenzt wird. Nach Süden fasst die von Stahlträgern stabilisierte historische Außenwand die mehr als Fußballfeld große Brache ein. Eine Oldtimer-Garage könnte hier entstehen, „in Retro-Kulisse“, lässt Jan Weber im Gespräch mit dem Bürgermeister Gedanken spielen. Ganz konkret wollen die Inhaber des Autohauses in den Hallen demnächst Audi- und VW-Neufahrzeuge an ihre Leasing-Großkunden ausliefern. „Da wird die Fahrzeugübergabe schon zu einem Event“, freut sich Jan Weber.

Im Backsteinbau unter dem blauen Topf seien Wohnungen oder Büros vorstellbar, „mit Industriecharme und nicht von der Stange.“

Für viele Menschen ist der blaue Topf „das“ Wahrzeichen der Stadt Ahlen. Foto: Stadt Ahlen

Die verbliebene Bausubstanz ist von allerbester Qualität, wie Architekten und Baustatiker den Eigentümern versichert haben. Die jahrzehntelange Beanspruchung sieht man ihr nicht an, jetzt wo Unmengen Müll entrümpelt und die Räume besenrein gefegt sind. Bis auf die Grundmauern zurückgebaut ist auch das frühere Kaminzimmer. Unter einem noch vorhandenen Wandrelief des Ahlener Künstlers Hermann Schweizer dürften in schweren Sesseln sitzend und Cognac schwenkend bedeutende Geschäfte im Flackern des Feuers getätigt worden sein. „Die alten Fabrikchefs waren noch echte Patriarchen, die verstanden zu repräsentieren“, ist für Hannelore Weber-Michels der Ort ein sehr symbolträchtiger. Das vornehme Ambiente soll in jedem Fall wiederhergestellt und für die Zukunft bewahrt werden.

Das Kaminzimmer mit Hermann Schweizer-Relief war ehedem die gute Stube. Foto: Stadt Ahlen

„Dieses Grundstück ist bei Ihnen in guten Händen“, zeigt sich Bürgermeister Berger nach seinem Rundgang glücklich darüber, dass mit Webers eine alteingesessene und gut vernetzte Ahlener Familie die Nahrath-Brache entwickelt und in die Zukunft führt. Beide Seiten betonen, wie sehr die Zusammenarbeit mit der Stadt auf gegenseitigem Vertrauen und Verständnis fuße. Dass noch nicht jeder Quadratmeterverplant sei, eröffne Raum für weitere kreative Ideen, von denen auch die Stadt Nutzen haben könne.

Bernd Döding vor ausgedienten Antriebsrädern. Foto: Stadt Ahlen

Zum blauen Topf, der weithin sichtbar für viele Menschen in Ahlen und Umland „das“ Wahrzeichen der Industriestadt im Grünen ist, hat Jan Weber eine frohe Botschaft. „Wir waren mit dem Kran dran und er sieht aus der Nähe relativ gut aus.“ Bis endgültig der Deckel drauf ist für ein Gesamtkonzept „Nahrath“, wird allerdings noch etwas Zeit ins Land gehen. Bis dahin werden Hannelore, Dirk und Jan Weber das eine oder andere Mal in die geschichtsträchtige Kulisse eintauchen und sich von der großen Vergangenheit dieses Stücks Ahlen inspirieren lassen.

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