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Kundgebung des „Ahlener Appells“ setzt Zeichen

Die Mehrheit meldet sich zu Wort

Ahlen

„Meine Freiheit endet, wo die des anderen beginnt.“ Mit diesen Worten beschrieb Benedikt Ruhmöller am Montagabend die Überzeugung der großen Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kundgebung unter dem Motto „Corona ist kein Spaziergang“, zu der der „Ahlener Appell“ die Stadtgesellschaft eingeladen hatte.

Von Dierk Hartleb

Ein eisiger Wind fegte zu Beginn der Versammlung über den Marienplatz, so dass die Teilnehmer Mühe hatten, ihre Regenschirme im Griff zu behalten. Foto: Ulrich Gösmann

Trotz des kurz vorher einsetzenden Regens hatten sich um 18 Uhr rund 100 Menschen auf dem Marienplatz versammelt. Die sogenannten „Spaziergänger“, die ansonsten seit Wochen regelmäßig montagabends den Platz in Beschlag nehmen, um sich zu versammeln, hielten sich im Schutz der gegenüberliegenden Geschäftshäuser auf und beobachteten die Gegendemonstranten eine Weile, ehe sie loszogen.

Mit dem Verklingen des Angelusläutens ergriff Maria Kessing als Moderatorin das Wort, die die Rednerinnen und Redner vorstellte und darauf hinwies, dass die Demonstration ordentlich angemeldet worden sei. Es sei wichtig und richtig, „hier und heute ein Zeichen gegen Impfgegner und Coronaleugner zu setzen“, sagte sie.

Ruhmöller wirft „Spaziergängern“ Rücksichtslosigkeit vor

Als erster Redner zitierte Benedikt Ruhmöller, der die Anwesenden als „Geradeausdenkende“ begrüßte, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit den Worten: „Der Spaziergang hat seine Unschuld verloren. Die Teilnehmer bedrohen den sozialen Frieden in unserem Land.“ Die Bekämpfung der Pandemie aber, so der ehemalige Bürgermeister, sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Wir können sie nur gemeinsam bewältigen“, sagte Ruhmöller, der den „Spaziergängern“ rücksichtsloses Verhalten vorwarf, während Pflegepersonal und Ärzteschaft in den Krankenhäusern, die Menschen in Arztpraxen, Alten- und Pflegeheimen, Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer und die Beschäftigten in der kritischen Infrastruktur bereits am Limit arbeiteten. Der abschließend von Ruhmöller erhobene Vorwurf, dass sich die „Spaziergänger“ gemein machten mit rechtsex­tremen Feinden der Demokratie und Nazis, wurde auch in den folgenden Redebeiträgen aufgegriffen.

Der Treppenaufgang zur Marienkirche diente als Rednertribüne für (v.l.) Lara Hanses, Sandra Lang, Sven Hanses, Maria Kessing, Benedikt Ruhmöller und Frederik Werning. Foto: Ulrich Gösmann

Nachdem sich keine Vertreter des Krankenhauses oder der Ahlener Ärzteschaft bereiterklärt hatten, auf der Veranstaltung zu sprechen, vertrat Lara Hanses die medizinische Seite und räumte mit einigen Mythen bezüglich der Impfung gründlich auf. Die Studentin der Biotechnologie erläuterte, wie die auf mRNA beruhenden neu entwickelten Impfstoffe von Biontech und Moderna wirken. „Die mRNA hat keine Möglichkeit, auch nur in die Nähe des (genetischen) Gutes zu kommen“, unterstrich sie, noch würde die Ribonukleinsäure die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Rein fachlich wurde es, als Lara Hanses die Wirkung der sogenannten Spike-Proteine beschrieb, ge­gen die das menschliche Immunsystem Antikörper entwickle, die wiederum gegen das Coronavirus schützen. Die Rednerin sprach sich allerdings ähnlich wie später Sandra Lang klar gegen eine Impfpflicht aus, sondern setzte sich für eine umfassende Aufklärung ein. Leider trügen die sozialen Medien zur Verbreitung von Verschwörungsmythen bei.

Eintreten für Demokratie und Rechtsstaat

Mit dieser Kundgebung bekunde eine Mehrheit, dass sie sich nicht nur für Demokratie und Rechtsstaat, sondern auch für Solidarität ausspreche und der Wissenschaft den Rücken stärke, sagte Frederik Werning. „Wohin der andere Weg führen kann, haben wir in unserer Geschichte schon mehrfach erleben müssen“, betonte der SPD-Ratsherr, der damit auf die nationalsozialistische Machtergreifung am 30. Januar 1933 anspielte. Scharf ins Gericht ging der Landtagskandidat mit dem ehemaligen Investmentbanker Thorsten Schulte, der unter dem Pseudonym „Silberjunge“ Bücher schreibt und zu der aufgewiegelten Gruppe gehörte, die 2020 den Bundestag stürmte.

Die Polizei bilanzierte, die Kundgebung auf dem Marienplatz sei „störungsfrei“ verlaufen. Foto: Ulrich Gösmann

Sven Hanses, einer der Sprecher des „Ahlener Appells“, beschäftigte sich ausführlich mit der Ahlener Telegramgruppe, die 230 Mitglieder umfasse. Die Erfinder des Internets hätten sich nicht vorgestellt, dass das World Wide Web einmal für die Verbreitung von Fakenews und zum Austausch von kruden Verschwörungstheorien missbraucht werden könnte. „Fakenews verbreiten all diese Akteure. Noch schlimmer aber ist, was noch geteilt wird“, sagte Sven Hanses.

Konkret hielt Hanses den Telegram-Nutzern vor, Diktatoren wie Putin in Russland und Lukaschenko in Belarus zu verehren, die sich indes klar für das Impfen ausgesprochen hätten. Ebenso übrigens wie der frühere US-Präsident Donald Trump, der seine Parteikollegen, die ihre Impfung verschwiegen, als „feige“ bezeichnet habe.

Sandra Lang

Als letzte Rednerin wandte sich Sandra Lang an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der klaren Aufforderung „Mit Nazis geht man nicht spazieren. Nie!“ Die Mutter von fünf Kindern bekannte sich zu Demokratie und Rechtsstaat, in dem es möglich sei, seine Meinung frei zu äußern, ohne Gefahr zu laufen, dafür im Gefängnis zu landen.

Moderatorin Maria Kessing wünschte sich abschließend eine unter Federführung des Bürgermeisters von allen Ratsfraktionen getragene Erklärung für Demokratie und Zusammenhalt, wie sie andere Städte wie zum Beispiel Dülmen bereits verabschiedet hätten.

Die Wortgefechte zwischen Befürwortern der Corona-Impfung und Gegnern, die sich vereinzelt unter die Teilnehmenden der Kundgebung gemischt hatten, blieben am Montagabend eine Randerscheinung.

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