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Pfarrer Ludger Kaulig zu Geschehnissen in Afghanistan

Ein Spielball der Großmächte

Ahlen

Was ist Islam und was Islamismus? Der Ahlener Stadtpfarrer Dr. Ludger Kaulig ist Islambeauftragter des Bistums Münster und verweist auf die notwendige Trennung dieser Begrifflichkeiten.

Von und

Der Ahlener Stadtpfarrer Foto: Bistum Münster

In Afghanistan haben die radikal-islamischen Taliban nach dem Abzug der internationalen Truppen die Macht übernommen. Die Sicherheitslage in dem Land am Hindukusch hat sich in den vergangenen Tagen dramatisch verschlechtert. Doch wer oder was sind die Taliban eigentlich und was ist der Unterschied zwischen Islam und Islamismus? Der Ahlener Pfarrer Dr. Ludger Kaulig ist Islambeauftragter im Bistum Münster und hat Antworten.

„Die Taliban sind eine islamisch-fundamentalistische Bewegung, die der Gruppe der Paschtunen entstammen“, erklärt Kaulig. Der Name sei der Plural des arabischen Wortes Talib, das Schüler oder Suchender bedeutet. Bei den Taliban handele es sich um eine heterogene Gruppe: „Längst nicht alle kommen aus Afghanistan selbst, deshalb müssen sie auch immer wieder um Akzeptanz werben“, beschreibt der Ahlener Pfarrer, „teilweise kann man sich die Gruppe wie ein Sammelbecken für ‚Gotteskrieger‘, wie sie sich selbst nennen, vorstellen.“ Die Taliban kennzeichne eine radikal-fundamentalistische Auslegung des Islam, sie wollen einen „Staat nach den Gesetzen der Scharia“.

Differenzierung von „Scharia“

Auch bei letzterem Begriff bedürfe es einer Differenzierung, sagt Kaulig: „Viele reduzieren die Scharia, was wörtlich übersetzt ‚der Weg zur Wasserstelle‘ bedeutet, auf eine Lebensordnung, die auf göttlicher Basis beruht“, erklärt der Islambeauftragte. In Wirklichkeit aber sei das islamische Recht vor allem ein komplexes und flexibles System von Vorschriften, Regelungen und Traditionen, das sich ständig weiter entwickle. Es handele sich somit nicht wie vielfach angenommen um ein kodifiziertes Gesetzbuch. „Die Scharia lässt sich besser als eine vom Glauben geprägte Lebensform bezeichnen“, erklärt Ludger Kaulig. Diese werde in verschiedenen Texten, auch im Koran, also der heiligen Schrift der Muslime, beschrieben.

Einfacher lasse sich eine weitere Unklarheit, die nicht selten zu Missverständnissen führe, aufklären, sagt der Islamexperte mit Blick auf den Unterschied zwischen dem Islam als Religion mit etwa 1,7 Milliarden Menschen und dem Islamismus in seinen extremistischen Strömungen. „Islamismus ist ein von unserer westlichen Welt geprägter Begriff, der einen bestimmten Umgang mit dem Islam beschreibt“, erklärt Kaulig. Innerhalb des sunnitischen Islam gebe es einige extreme Strömungen, die jede Form von Modernisierung ablehnen und sich als Verfechter eines „unverfälschten Glaubens“ wie zu Zeiten Mohammeds sehen. Weil teilweise nicht klar getrennt werde zwischen den Begriffen, kämpfe der Islam bisweilen um Akzeptanz in der Gesellschaft, bedauert der Pfarrer.

Entscheidungen aus strategischem Interesse

Mit Blick auf die sich zuspitzende Situation in Afghanistan ist sich Kaulig sicher: „Einige Faktoren des aktuellen Problems haben wir selbst erzeugt.“ Entscheidungen rein aus strategischem Interesse seien nicht nur in den zurückliegenden 20 Jahren, sondern schon weit davor getroffen worden. „Erst wollte Russland sich im 19. Jahrhundert den Zugang zum Indischen Ozean sichern, dann wollte England sein Reich vergrößern, schließlich der Einzug der Sowjetunion 1979, der für Unruhen gesorgt hat“, zählt der Islambeauftragte auf. Kein anderes Land sei so oft Spielball der Großmächte gewesen. „Es war immer spürbar, dass es Afghanistan an politischem Zusammenhalt fehlt“, sagt Kaulig.

Die stets anvisierte „Hilfe zur Selbsthilfe“ nennt er als weiteres Problem. Milliarden an Entwicklungshilfe seien nach Afghanistan geflossen. Doch Millionen Menschen hätten nicht genug zu essen und Schulen seien gebaut worden, die nie einer besucht habe. „Zu viele der Gelder sind nicht bei den Menschen angekommen, die sie wirklich benötigen“, kritisiert Kaulig. Dennoch gelte es in der derzeitigen Situation dranzubleiben: „Die Bundesregierung muss weiter verhandeln. Deutschland muss den Menschen in diesem Land helfen.“

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