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Papst Franziskus hat sich bei den Ureinwohnern Kanadas entschuldigt

Joe Martin fordert finanzielle Unterstützung

Ahlen

Der kanadische Indianerführer Joe Martin ist in Ahlen gut bekannt. Er hielt auf Einladung der VHS nicht nur Vorträge über seine Herkunft, sondern feierte auch zusammen mit Willi Stroband einen deutsch-indianischen Gottesdienst. Jetzt hat er sich zu den Verschleppungen indianischer Kinder unter den Augen der Kirche geäußert.

Indianerführer Joe Martin versteckte sich damals im Regenwald, mehrere seiner Geschwister wurden in die Christie Residential School auf der Insel Meares Island in Westkanada gezwungen. Foto: Rudolf Blauth

Mit großem Interesse hat Pfarrer Willi Stroband von der katholischen Kirchengemeinde St. Bartholomäus die Berichterstattung über den Besuch einer großen Delegation der Ureinwohner Kanadas bei Papst Franziskus in Rom verfolgt. Willi Stroband setzt sich bereits seit seiner Jugend mit den Indianern Nordamerikas auseinander, ist Mitglied der Karl-May-Gesellschaft und feierte 2019 erstmals mit Indianerführer Joe Martin aus Tofino (Vancouver Island/Kanada) vor voller Kirche in Ahlen einen deutsch-indianischen Gottesdienst.

Rudolf Blauth, ehemaliger Leiter der Volkshochschule, hat mit Willi Stroband über die Entdeckung von 1300 bislang unbekannten Gräbern indianischer Kinder in Kanada gesprochen. Die Kinder, so Blauth, waren mit Billigung der Katholischen Kirche gewaltsam in Missionsschulen (Residential Schools) verschleppt worden. 60 Prozent der Schulen standen unter der Trägerschaft der Katholischen Kirche, die restlichen Schulen wurden von protestantischen Pfarrern geleitet. Die bis heute traumatisierten Ureinwohner setzen inzwischen sogar Bodenradargeräte und Drohnen ein, um die Gräber ihrer verschollenen Kinder zu finden.

Mehr als 150.000 Kinder

Es waren insgesamt mehr als 150.000 Kinder, die ihren Familien zwischen 1874 und den 1990er-Jahren weggenommen worden waren, um sie in den Internaten zur Übernahme der Kultur der eingewanderten Europäer zu zwingen. Die Minderjährigen, so Rudolf Blauth in seinem Bericht, hatten oft jahrelang keinen Kontakt zu ihren Angehörigen, durften unter Strafandrohung nicht ihre eigene Sprache sprechen, bekamen europäische Namen und wurden vielfach geschlagen und sexuell missbraucht. Tausende starben auch an Krankheiten wie Tuberkulose oder an den Folgen der Misshandlungen.

Wie für viele Indianer- und Kanadafreunde in Deutschland ist es auch für Stroband unfassbar, dass es noch keine 30 Jahre her ist, seit die letzte Missionsschule geschlossen wurde. Eine öffentliche Entschuldigung und damit ein Eingeständnis der eigenen Verbrechen hat der Vatikan im Gegensatz zur kanadischen Regierung, die bereits 230 Millionen Euro für die Suche nach Gräbern und für die Unterstützung von Überlebenden und ihren Angehörigen zur Verfügung gestellt hat, noch bis vor wenigen Tagen strikt abgelehnt. Eine Haltung, die Pfarrer Stroband im vergangenen Jahr kritisierte.

Internationale Proteste

Erst nachdem der Druck aus Kanada und die internationalen Proteste immer größer geworden waren, entschuldigte sich Papst Franziskus vor zwei Wochen in Rom vor einer 150-köpfigen Delegation der Ureinwohner Kanadas und der kanadischen Bischofskonferenz und kündigte an, dies auch vor Ort in Kanada tun zu wollen. Mit seiner Reise wird nun bereits im Sommer 2022 gerechnet.

Für Indianerführer Joe Martin aus Tofino (Vancouver Island), der bereits acht Mal auf Einladung der VHS Ahlen nach Deutschland gekommen ist und viele Vorträge in Ahlener Schulen gehalten hat, geschieht dies alles viel zu spät. Auch mehrere seiner Geschwister wurden in die Residential Schools gezwungen, er selbst versteckte sich damals im Regenwald. „Nicht Worte, sondern Taten zählen“, sagt Joe Martin zur Entschuldigung des Papstes und fordert von der Kirche eine angemessene finanzielle Unterstützung indianischer Gemeinschaften, die – verteilt auf viele kleine Reservate – oft unter ärmlichen Bedingungen leben.

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