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Stark beachtete Rede von Prof. Peter Longerich bei der Gedenkfeier zum 9. November

Wann wird der Nachbar zum Feind?

Ahlen

Mit Nachdruck stellten die Rednerinnen und Redner im Rahmen des Pogromgedenkens klar, dass Jüdinnen und Juden heute wieder Angst haben vor antisemitischen Übergriffen. Ein erschreckender Umstand, der nicht geduldet werden dürfe.

Von Dierk Hartleb

Anna Stöckmann (Jüdische Gemeinde Münster), Bürgermeister Dr. Alexander Berger und Prof. Peter Longerich legten bei der Gedenkfeier von Forum Brüderlichkeit, VHS und Familienbildungsstätte am Mahnmal an der Klosterstraße einen Kranz nieder. Foto: Dierk Hartleb

„Wann beginnt der Punkt, dass der Andere zum Feind wird?“ Diese Frage stellte Anna Stöckmann am Mittwochabend bei der Kundgebung zum Pogromgedenken am 9. November. Sie berichtete als Vertreterin der Jüdischen Gemeinde Münster, wie sie vor 27 Jahren aus Weißrussland nach Deutschland gekommen war – in der Hoffnung, dem dortigen Antisemitismus zu entkommen und hier in Frieden und angstfrei leben zu können.

Leider habe sich diese Vorstellung nicht erfüllt, wie die Zahl von 2738 antisemitischen Vorfällen allein 2021 zeige. Sie wisse heute nicht mehr, ob sie ihrer Tochter raten könne, sich in der Öffentlichkeit als Jüdin zu erkennenzugeben. Ihr Urgroßvater sei seinerzeit von seinen Nachbarn und Freunden verraten und den Nazis ans Messer geliefert worden.

Wurzeln des Antisemitismus

Professor Peter Longerich suchte in seinem Vortrag nach den Wurzeln des Antisemitismus und richtete den Fokus dabei auf das 19. und 20. Jahrhundert. „Die ,Judenpolitik´ der Nationalsozialisten hat eine lange Vorgeschichte, dazu gehört eine lange Kette öffentlich ausgeübter Gewalt gegen Juden.“ Das Wiederaufflammen antijüdischer Ausschreitungen verlegte der Historiker auf das Jahr 1819, als sich die „Wut der Emanzipationsgegner“ in einer gewalttätige Kampagne Luft gemacht habe. Die neue antijüdische Gewalt habe sich nicht gegen die Juden als fremde Religion gerichtet, „sondern gegen den Anspruch der Juden, gleichberechtigte Bürger zu werden“. Diese Ablehnung habe sich durch alle Bevölkerungsschichten und Parteien gezogen.

Prof. Peter Longerich Foto: Dierk Hartleb

Ausführlich beschäftigte sich Peter Longerich, der als Sprecher des ersten unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus des Deutschen Bundestags tätig war, mit der Verfolgung der Juden im NS-Staat. Den heutigen Antisemitismus erklärte Longerich mit der Beschämung und Belastung der Menschen durch den millionenfachen Mord, sich nicht unbefangen zu seiner deutschen Identität bekennen zu können. Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Antisemitismus kranke an zu geringem Datenmaterial, unzureichender Medienbeobachtung und der latenten Tradierung des Antisemitismus in Familien, Cliquen, Vereinen, die auch Zuwandererfamilien einschließe.

Schülerinnen und Schülern des Städtischen Gymnasiums erinnerten an jüdische Schicksale in Ahlen. Foto: Dierk Hartleb

Bürgermeister Dr. Alexander Berger hatte zuvor an das Leid der Juden in den Ländern erinnert, in denen der deutsche Vernichtungskrieg tobte und zog Parallelen zum völkerrechtswidrigen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Nach acht Jahrzehnten seien heute Juden in der Ukraine wieder auf der Flucht. Hart kritisierte er sogenannte „Israelkritik“, die darauf abziele, die Legitimation des jüdischen Staates infrage zu stellen. Juden in Deutschland dürften keinen Anlass haben, zum Schutz vor antisemitischen Angriffen auswandern zu müssen. „Die Geschichte würde es uns Deutschen nicht verzeihen, wenn wir zum wiederholten Male unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern durch Gleichgültigkeit und Wegsehen das Recht auf Heimat entzögen.“

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