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Jugendforum reinigte Stolpersteine

„Wir müssen aus der Geschichte lernen“

Ahlen

Fast schon nicht mehr lesbar waren einige Stolpersteine auf der Klosterstraße. Sie wurden jetzt wieder gereinigt.

Von Reinhard Baldauf

Vollen Einsatz zeigten Sarah Paul, Noemi Kalbhenn und Christopher Loegel (v. l.) beim Reinigen der Stolpersteine. Foto: Reinhard Baldauf

Schon 1933 wanderte die Familie Pomeranc nach Palästina aus – also lange vor der Gründung des Landes Israel. Daher ist über das weitere Schicksal der meisten Familienmitglieder nichts bekannt. Lediglich von Simon Pomeranc gibt es Daten: Er wurde am 16. Februar 1929 in Ahlen geboren und sein letzter bekannter Aufenthaltsort war Ramat Gan in Israel. Von Riwa Pomeranc, Jahrgang 1916, ist nur bekannt, dass er ebenfalls 1933 nach Palästina floh.

Am Samstagnachmittag säuberten Mitglieder vom Jugendforum „Demokratie leben – Eine Idee vom Glück“ die Stolpersteine. Anlass war der „Tag der Befreiung“ am gestrigen 8. Mai. Beteiligt war Justine Dziaduch von der Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie. Sie ist beschäftigt bei der Arbeiterwohlfahrt Ruhr-Lippe-Ems. Ebenso dabei: Theo Heming vom Bürgerzentrum.

Die Stolpersteine sind eine Idee des Kölner Künstlers Gunter Deming, die dabei im öffentlichen Raum an Vertreibung und Vernichtung von Juden sowie Sinti und Roma erinnern. Aber auch an andere Verfolgte, wie Homosexuelle und Zeugen Jehovas. Dazu kamen die vielen Euthanasieopfer. Demnig, der auch persönlich zahlreiche Stolpersteine in Ahlen verlegte, bekam 2005 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Erinnern und Gedenken

Bei der Suche nach geeigneten Verlegungsorten stützt sich das Ahlener Organisationsteam im Wesentlichen auf Hinweise aus der Bevölkerung und Recherchen von Dr. Hans-Werner Gummersbach. Dabei gilt die Suche nach Menschen, denen die Flucht bzw. Emigration nach Palästina gelungen ist, als sehr schwierig.

Nach der erfolgreichen Suche nach Lilly Loewy und Hans Sänger, die mit anderen Überlebenden im November 1985 die Wersestadt besuchten, gab es keine weiteren Erfolge. Der auffällige Familienname Pomeranc scheint aus dem Hebräischen zu kommen. „Die Vornamen der Kinder deuten auf einen polnisch-jüdischen Hintergrund“, so Theo Heming. Er und Justine Dziaduch betonten: „Neben dem konkreten Erinnern und Gedenken an die beiden jungen Menschen, die bis 1933 in Ahlen lebten, will das Jugendforum auch allen heutigen Opfern von Krieg und Verfolgung gedenken und dazu aufrufen, sich für die demokratischen Werte, Frieden und Verständigung einzusetzen.“ Sie verwiesen auf die jetzige Situation, die zeige, dass dies nicht selbstverständlich sei. „Wir müssen aus der Geschichte lernen.“

Keine chemischen Reinigungsmittel kamen bei der Aktion am Samstag zum Einsatz. Noemi Kalbhenn, Sarah Paul und Christopher Loegel gingen mit vollem Körpereinsatz zur Sache. Sie knieten vor den Stolpersteinen und rücken mit Schwamm, verdünnten Essig und Mineralwasser den Messingblöcken zu Leibe. „Das war dringend nötig“, meinten die jungen Akteure. Schließlich waren die Stolpersteine vor Schmutz nicht mehr lesbar.

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