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Das Evangeliar und der Umbau

Geschichtlicher Abriss zum kostbaresten Exponat des Museums Abtei Liesborn

Kreis Warendorf

Eine zusätzliche halbe Million Euro will der Kreis Warendorf für den Umbau des Museums Abtei Liesborn bereitstellen. Das sollte per Dringlichkeitsentscheidung geschehen. Dafür kommt der Kreisausschuss am heutigen Freitag (13. August) in einer Sondersitzung zusammen. Dabei geht es vor allem um das Liesborner Evangeliar. Der emeritierte Geschichtsprofessor und ehemalige Leiter des Kreisarchivs, Paul Leidinger aus Warendorf, schätzt die Lage aus seiner Sicht ein.

Von Paul Leidinger

Das Liesborner Evangeliar ist ein kostbarer Schatz. Foto: dpa

Am heutigen Freitag (13. August) debattieren Politiker und Fachexperten in einer Sondersitzung des Kreisausschusses darüber, warum der Umbau des Museums Abtei Liesborn so viel teurer werden soll, als ursprünglich veranschlagt (ausführlicher Bericht in der morgigen Ausgabe). Der Museumsumbau war notwendig geworden, um das für 3,5 Millionen Euro angekauften Liesborner Evangeliar adäquat ausstellen zu können. Die folgenden Punkte sind dabei zu hinterfragen.

1. Es handelt sich bei dem Liesborner Evangeliar um eine 337 Seiten umfassende spätkarolingische Handschrift auf Schweinsleder, die in den Jahren kurz vor oder nach 1000 entstanden ist und in einer schlichten Ausstattung ohne Miniaturen oder Federzeichnungen die vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lucas und Johannes in Latein für den Gebrauch in Gottesdiensten enthält.

Ein besonderes Buch

Geschenkt wurde das Evangeliar dem Kloster Liesborn von der dort vor dem Ende des 11. Jahrhunderts amtierenden Äbtissin Berthildis, die dieses aus Privatbesitz ihrer Familie besaß. Diese führt in die Nähe der damals in Westfalen führenden Grafen von Werl, deren Vorgänger, die Ekbertiner, das adlige Damenstift Liesborn um 860 begründeten. Mit der Umwandlung des Damenstifts um 1130 in ein Benediktinerkloster wurde das Evangeliar vor 1500 mit einem neuen spätgotischen Einband versehen, der die Besonderheit des Buches hervorhebt.

Über den großen Teich und zurück

Mit der Klosteraufhebung 1803 gelangte das Evangeliar zunächst an die Universitätsbibliothek in Münster, seit 1826 aber in Privatbesitz und in die USA, wo es 1987 zur Versteigerung in London freigegeben wurde. Hier bemühte sich auch der Kreis Warendorf mit einem Gebot bis 700 000 DM um den Erwerb, doch wurde es für rund 1,14 Millionen DM nach Norwegen versteigert, konnte aber durch das Entgegenkommen des Käufers sechs Wochen lang in der Abtei Liesborn ausgestellt werden.

In dieser Zeit konnte das Museum Abtei Liesborn ein Faksimile von zwölf Hauptseiten des Evangeliars sowie eine Einleitung dazu mit wissenschaftlichen Erklärungen auf insgesamt 41 Seiten mit einer Kopie des Einbands in Originalgröße erstellen. Diese verkürzte Heftausgabe des Evangeliars fand bei den Besuchern des Museums trotz eines günstigen Preises wenig Anklang. Die Mehrzahl der Exemplare kam den Heimatvereinen zur Verteilung zu.

Zwei Seiten aus dem Liesborne Evangeliar Foto: Museum Abtei Liesborn

2. Dem Schätzwert nach gehört das Liesborner Evangeliar zu der vierten und niedrigsten Gruppe karolingischer Handschriften, so dass der Kreis Warendorf 1987 zu Recht sein Kaufinteresse auf damals maximal 700 000 DM (350 000 Euro) begrenzt hatte. Das hätte den Kreis bewegen können, auf den jüngsten Erwerb des Evangeliars für 3,5 Mio Euro zu verzichten. Doch ist es ihm gelungen, die entsprechenden Finanzmittel – auch aus Bundesmitteln – für den Kauf des Evangeliars einzuwerben.

3. Als eine Fehlentscheidung ist aber das derzeitige Präsentationsvorhaben des Evangeliars im Museum Abtei Liesborn zu bezeichnen, für das durch den Abbruch einer Zwischendecke in dem ehemaligen Schulgebäude des Museums ein zweistöckiger Saal geschaffen wurde, um das Evangeliars mit heute digitalen Techniken an den Wänden des Raumes vergrößert zu projizieren.

Kritik am Umbau

Zu einer solchen Hervorhebung – mit einem erheblichen Raumverlust für bisherige, weit bedeutendere Kunstobjekte - bietet das Evangeliar keinen Anlass. Es ist kein Kunstwerk wie andere Evangeliare, die durch ihren farbigen Bildreichtum berühmt geworden sind, wie etwa der kurz vor 1000 in Köln etwa zeitnah entstandene Hitda-Codex des Klosters Meschede, der der Werler Grafenfamilie zuzuordnen ist.

Ein zeitgleiches Evangeliar, den Emma-Codex, bewahrt das Stiftsmuseum Freckenhorst als Vermächtnis des früheren adligen Damenstifts – ebenfalls wie Liesborn eine ekbertinisch-werler Stiftsgründung – in der dortigen Petri-Kapelle auf. Dies ist mit Farbbildern geschmückt und rangiert damit kunsthistorisch vor dem Liesborner Evangeliar. Es ist daher wenig fachkompetent, dies zu einem zentralen Anschauungsobjekt des Museums mit hohen Umbaukosten von über drei Millionen Euro hoch zu stilisieren.

4. Die Bedeutung des Liesborner Museums wird nicht von dem neu erworbenen Liesborner Evangeliar bestimmt, sondern von den zum Teil einzigartigen Kunstwerken vom Mittelalter bis zur Moderne, die das Haus besitzt und seit seiner Begründung zunächst in zwei Räumen der alten Abtei 1966 durch sehr kompetente und erfolgreiche Museumsleiter gewonnen werden konnten.

Personeller Wechsel

Es ist zu bedauern, dass die fachlich inkompetente Durchsetzung der dargelegten Präsentation des Liesborner Evangeliars im Museum Liesborn die dort seit 2012 erfolgreich wirkende Museumsleiterin, die vordem in den großen Dresdener Kunstmuseen gearbeitet hat, zum Rücktritt in Liesborn und zu einem Wechsel in die Leitung eines Bielefelder Museums bewogen hat.

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