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Bundesweites Pilotprojekt

Das Haus der 1000 Rundungen: Beckumer Bau entstand per 3D-Druck

Beckum

Die Wände geschwungen, es gibt großzügige Kurven statt kantiger Ecken: Das Gebäude, das am Montag in Beckum vorgestellt wurde, ist nicht gemauert, sondern wurde mit einer Art Riesen-Sahnespritzbeutel gegossen. „3D-Druck“ heißt die Technik, die die Baubranche revolutionieren soll.

Von Gunnar A. Pier

Rundungen statt Ecken und Kanten: Am 26. Juli 2021 wird in Beckum das erste Wohnhaus eingeweiht, das per 3D-Druck erstellt wurde. Foto: Gunnar A. Pier

Diese Rundungen dürften den gemeinen Maurer mit seinen eckigen Klinkern staunend starren lassen: Das neue Haus, das am Montag in Beckum präsentiert wurde, hat Kurven, wo andere Häuser Ecken zeigen. Und das sind nur die Äußerlichkeiten – das Besondere steckt im Verborgenen: Der Bau wurde nicht gemauert, sondern mit einem riesigen 3D-Drucker gegossen. Das erste Spritzguss-Haus überhaupt. Mit dieser neuen Technik möchten die Initiatoren nicht weniger als die Baubranche revolutionieren.

Es ist viel passiert, seit das Bauprojekt Ende September vorgestellt wurde. Damals war das künftige Haus erst hüfthoch. Eine große Düse schwebte an einer Traverse hängend über die Baustelle und schichtete Zentimeter für Zentimeter die Mauern auf. Statt Maurer mit Kelle und Speis waren hier also Betontechniker und Programmierer am Zug. Ein Projekt: Die Technik sollte getestet werden, die Abläufe und der eigens entwickelte Beton Der hält vom ersten Moment an die Form und verbindet sich dennoch mit der jeweils vorangegangenen Schicht chemisch so, dass eine nahtlose Wand entsteht. Das soll, so die Idee, Arbeitskräfte sparen, aber auch effizienter sein, schneller und vielleicht einmal preiswerter.

Jetzt, zehn Monate später, strahlt der Rasen grün, die Lampen sind aufgehängt und Bücher in den Regalen drapiert. „Es ist fertig“, rief die sichtlich erfreute NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach am Montagvormittag und sprach von einer „echten Innovation aus Nordrhein-Westfalen für Deutschland“. Ihr Ministerium hatte das Projekt mit 200 000 Euro unterstützt. Es ist das erste Haus, das mit dieser Technik gebaut wurde und „durchgenehmigt“ ist, wie es so schön heißt. Bauherren, Baufirmen und die Behörden, darunter die Beckumer Stadtverwaltung, marschierten Hand und Hand durch den Regularienwald, um ein Haus aufs Grundstück zu bringen, das tatsächlich betreten und bewohnt werden darf.

Kein Forschungs-Thema - sondern Realität

Entstanden ist ein Einfamilienhaus mit 160 Quadratmetern Wohnfläche und gehobener Ausstattung. Das Ambiente ist sehr charakteristisch. Das liegt zum einen daran, dass die aufgeschichteten Betonwände nicht verputzt oder anders versteckt wurden, sondern extra zu sehen sind. Zum anderen bieten sich dem Architekten durch die ungewöhnliche Technik neue Möglichkeiten: Der betonspendende Riesen-Sahnespritzbeutel kann viel besser Kurven ziehen als Ecken aufschichten. Deshalb sind die Wände im neuen Bau geschwungen, selbst die Badewanne steht in einem halbrunden Erker. „Schwierige konstruktive Details“ seien möglich gewesen, betonte Waldemar Korte, der das Haus entworfen hat und bauen ließ. „Nun sind die Pläne gedruckte Realität“, erklärte er und ist sicher: „Der Betondruck ist aus der Baubranche nicht mehr wegzudenken.“

Und das schon jetzt, wo alles noch so neu ist. Aber die süddeutsche Firma Peri, die hinter der Technik steckt, hat inzwischen auch ein Mehrfamilienhaus in Bayern ausgedruckt und ein Einfamilienhaus in Tempe, Arizona. „Das ist hier kein Forschungs-Thema mehr“, betonte Bauleiter Fabian Meyer-Brötz. „Es ist in der Realität angekommen.“

Das Haus in Beckum soll für bis zu anderthalb Jahre ein Musterhaus bleiben, ein Modell, das die Baubranche bestaunen kann. Danach zieht die künftige Eigentümerin ein. Wie teuer es war, bleibt ein Geheimnis. Aber künftig, hieß es am Rande, würde ein Bau dieser Art etwa 450 000 Euro kosten.

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