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Diskussionsveranstaltung zum Thema Sterbehilfe

Bis zum Ende selbstbestimmt ?

Walstedde

Unter dem Titel „Das Recht auf Sterben – mit Hilfe anderer?“ ging es bei der jüngsten Veranstaltung der „Akademie Gegenwart“ in Walstedde um ein durchaus sensibles Thema. Zu Gast dazu waren Dr. Michael de Ridder, Wolfgang Putz, Anne Schneider und Dr. Nikolaus Schneider.

Von Angelika Knöpker

Das Thema Sterbehilfe bestimmte die zweite Vortragsveranstaltung des Vereins „Akademie Gegenwart“ am Gesundheitszentrum Haus Walstedde. Als Referenten konnten Dagmar Spelsberg-Sühling (3.v.r.) und Professor Dr. Dr. Josef Weglage (r.) dabei Dr. Michael de Ridder (v.l.), Anne Schneider, Wolfgang Putz und Dr. Nikolaus Schneider begrüßen. Foto: Angelika Knöpker

Das Recht auf Sterben – mit Hilfe anderer? Über dieses Thema diskutierten am Sonntagabend im vollbesetzten Saal des Hotels „Leib & Seele“ am Gesundheitszentrum Haus Walstedde vier fachkundige Referenten. Für den veranstaltenden Verein „Akademie Gegenwart“ stellte Vorstandsmitglied Dagmar Spelsberg-Sühling die Gäste Dr. Michael de Ridder, Wolfgang Putz, Anne Schneider und Dr. Nikolaus Schneider vor.

Nach einer musikalischen Einstimmung durch Simon Wiesrecker am Klavier ergriff Dr. Michael de Ridder das Wort. Gemeinsam mit Rechtsanwalt Wolfgang Putz und anderen hatte er erfolgreich vor dem Bundesverfassungsgericht für die Abschaffung des Paragrafen 217 gekämpft. Demnach hat jetzt jeder Mensch das Recht, auch mit Hilfe anderer seinem Leben ein Ende zu setzen, auch dann, wenn es nicht um eine unheilbare Krankheit geht. Assistierter Suizid war seit 2015 verboten, mit dem Urteil vom Juni des vergangenen Jahres wurde dies aufgehoben.

De Ridder ist Gründer eines Hospizes und war mehr als 30 Jahre lang als leitender Internist in Berlin tätig. Seine Haltung zur Sterbehilfe ist dem Titel eines von ihm geschriebenen Buches zu entnehmen: „Wer sterben will, muss sterben dürfen.“ Extreme Leidenswege für Patienten angesichts intensiver Medizinbehandlungen seien wenig verantwortungsbewusst, sondern schlicht unmenschlich.

Als Voraussetzung für die Beihilfe zum Suizid nannte er aussichtslose Krankheiten, übermäßiges Leiden und die Freiverantwortlichkeit des Suizidwilligen.

Rechtsanwalt Wolfgang Putz beleuchtete das Thema aus juristischer Sicht. „Ich bin stolz, dass das Bundesverfassungsgericht als höchste deutsche Staatsgewalt den Paragrafen 217 gekippt hat.“ Er machte deutlich, dass der Suizident den letzten Akt des Tötens selbst vornehmen müsse. Das Sterbefasten, der Verzicht auf das Essen und Trinken, sei auch ein Weg der Selbsttötung.

Aus theologischer Sicht ging Dr. Nikolaus Schneider auf das Thema ein. Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland und Präses der Rheinischen Landeskirche vertrat die Meinung, dass Gott allein über Tod und Leben zu entscheiden habe. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ gelte in allen Fällen – auch für die Selbsttötung. Eine Ausnahme sei etwa sicherlich Dietrich Bonhoeffer, der sich mit seiner Frau und Tochter das Leben genommen hatte, weil er von der Gestapo zum Verrat an Juden gezwungen werden sollte. Man dürfe nicht die Augen vor verzweifelten Lebenssituationen verschließen, in denen Menschen ihrem Leben ein Ende setzen wollten.

Die Beihilfe zum Suizid dürfe aber nicht zur Normalität werden, sagte er und setzt dabei auf die menschliche Seelsorge und medizinische Begleitung, die das Sterben erleichtern. In diesem Zusammenhang forderte er die gesellschaftliche Anerkennung und finanzielle Förderung durch den Staat für die stationäre und ambulante Hospizarbeit.

Seine Ehefrau Anne Schneider, die ihren Mann 1968 während des Theologiestudiums kennenlernte, kommt zu einer anderen Sichtweise. „Es gibt keine direkten Gottes-Offenbarungen, es ist immer eine Mischung von Menschen- und Gottesgeist“ , sagte sie und kritisierte, dass die Kirche seit 2000 Jahren von „Männerwort“ und „Männergeist“ geprägt sei. Der Krebstod ihrer Tochter im Alter von 22 Jahren lasse an einem liebenden und allmächtigen Gott zweifeln, auch angesichts von Leid und Elend in der Welt. Hilflos Maschinen ausgesetzt zu sein, kratze an der Menschenwürde. „Ich möchte nicht gestorben werden“, fand sie deutliche Worte und forderte Selbstbestimmung auch am Lebensende ein.

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