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Familie Terhoch

Flucht nach Uruguay

Drensteinfurt

Sabine Omland hat die Geschichte der jüdischen Familie Terhoch, die im Dezember 1938 nach Uruguay emigrierte, ausgearbeitet. Zur Ehefrau des inzwischen verstorbenen Werner Terhoch, der ihr bei ihrer Recherche maßgeblich geholfen hat, hat die Drensteinfurterin noch heute Kontakt.

Stefan Kroes

Im Frühjahr 1938 hatten Simon und Sophia Terhoch mit den Vorbereitungen begonnen, um mit ihren Kindern Werner und Inge nach Südamerika zu emigrieren. Für die jüdischen Bürger hatte es keinen Sinn mehr in Drensteinfurt zu bleiben. Werner Terhoch, der die Konrad-Schlaun-Oberrealschule in Münster besuchte, wurde seit Jahren schikaniert. Für ihn wurde die Situation unerträglich. Aber nicht nur für ihn, für die ganze Familie. Ihr Vermögen war mit Beschlag belegt. Abheben durften die Terhochs, die damals an der Riether Straße, der heutigen Marienstraße, lebten, nur so viel, wie sie für die Überfahrt brauchten. Mit zehn Reichsmark pro Person flüchteten Simon und Sophia Terhoch mit ihren 15 und 17 Jahre alten Kindern im Dezember 1938 in ein neues Leben. Eigentlich wollten sie nach Paraguay, gingen aber in Uruguay an Land, weil sie dort Bekannte hatten.

All diese Fakten über die nach Uruguay emigrierten Drensteinfurter Juden hat Sabine Omland zusammengetragen. In mühsamer und beschwerlicher Kleinarbeit hat sie sich seit den 1980-er Jahren durch Archive gewühlt und Zeitzeugen befragt, um die Geschichte aufzuarbeiten. „In Drensteinfurt war damals davon fast nichts bekannt“, erinnert sich die pensionierte Lehrerin, die heute gemeinsam mit ihren Mann engagiert im Förderverein „Alte Synagoge“ tätig ist. „Die Alten wollten nichts erzählen, die Jungen wussten nichts.“

Sie selbst gehörte einem Gesprächskreis der evangelischen Kirche an, als Pastor Walter Gröne 1982 den Antrag stellte, die ehemalige Synagoge unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Der Heimatverein wollte dies nicht unterstützen. Auch der Rat war gespalten. Walter Gröne machte Druck, denn die Synagoge drohte, in eine Gastwirtschaft umgewandelt zu werden. Gerade Landsynagogen waren selten. Die meisten waren zerstört worden. Die Mitglieder des Gesprächskreises unterstützten das Anliegen des Pfarrers. Das Bemühen war von Erfolg gekrönt: Die Synagoge wurde 1995 unter Denkmalschutz gestellt. 1998 kaufte die Stadt das Gotteshaus. Die ehemalige Synagoge wurde renoviert.

„Wir haben gesagt, das Ganze macht aber nur dann Sinn, wenn wir die Geschichte der jüdischen Bewohner aufarbeiten“, erinnert sich Sabine Omland. Sie begab sich auf die Suche. Die jüdische Gemeinde Drensteinfurt war eine Untergemeinde von Werne gewesen. Dort konnte sie Akten einsehen und stieß auf viele Namen. Auch der Stuhlmacher Josef Brüning, der am Südwall ein Nachbar der Familie Salomon gewesen war, gab ihre wichtige Informationen. Über die Historie der in die Konzentrationslager deportierten Juden erfuhr sie Entscheidendes von Herta Herschcowitsch, die das KZ überlebte und nach Israel auswanderte.

Doch auf die Spur der nach Uruguay ausgewanderten Terhochs kam sie 1988 durch Tine Bennemann. Bennemann war als Kind mit Werner und Inge Terhoch befreundet gewesen und konnte nun Sabine Omland die Adresse von Werner Terhoch geben, der 1978 zu einer Stippvisite in Drensteinfurt gewesen war und sie kontaktiert hatte.

Sabine Omland schrieb Werner Terhoch und erklärte ihr Anliegen. Am 2. Januar 1989 kam die erste Antwort aus dem fernen Südamerika. Bereitwillig berichtete Terhoch über die Geschichte seiner Familie. Zunächst war der Briefwechsel rege. Später schrieb man sich zu Weihnachten. Auch als Werner Terhoch am 13. August 1998 im Alter von 75 Jahren starb, blieb der Kontakt zu seiner Frau Ellen bestehen. Die 83-Jähige meldete sich noch in dieser Woche und berichtete über ihre Familie. In ihrer Mail war auch zu lesen, dass sie regelmäßig deutsche Kreuzworträtsel löst, um die deutsche Sprache nicht zu verlernen.

Werner und Ellen Terhoch, die aus Stargard in Pommern stammte, waren im Übrigen nicht in Uruguay geblieben. Nachdem er eine Automechanikerlehre absolviert hatte, waren die beruflichen Aussichten alles andere als rosig. Gemeinsam mit seiner Frau zog er nach Buenos Aires, Argentiniens Hauptstadt. 1951 und 1956 wurde die Töchter Claudia und Sonja geboren. Simon, und Sophia Terhoch übernahmen die Bewirtung in einem Tennisheim in Montevideo. Die Eltern und Tochter Inge lebten bis zu ihrem Tod in der uruguayischen Hauptstadt.

Werner Terhoch, der ein Cousin des seit vielen Jahren wieder in Drensteinfurt lebenden Günther Udo Terhoch ist, arbeitete in Buenos Aires zunächst als Elektriker. Nebenbei besuchte er eine Abendschule und studierte Elektrotechnik. Er wurde Teilhaber der Firma und kam in der Folgezeit regelmäßig nach Deutschland, weil das Unternehmen seinen Hauptsitz in Deutschland hatte.

1991 reiste er mit seiner Frau auf Einladung des Synagogenvereins und der Stadt nochmals nach Drensteinfurt. Dabei stand auch ein Besuch seiner damaligen Schule, des heutigen Schlaun-Gymnasiums in Münster, auf dem Programm.

Seine Frau Ellen, die ebenfalls nach Montevideo geflüchtet war und die er dort kennengelernt hatte, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und machte die Buchführung für ihren Mann. Später wurde sie Sekretärin an der deutsche Goethe-Schule in Buenos Aires. Beim Vorstellungsgespräch für diese Stelle hatte sie die Vergangenheit wieder eingeholt. Sie stellte fest, dass der Vorsitzende des Schulvereins ein alter Nationalsozialist war. „Sie hat klar gesagt, dass sie nur unterschreibt, wenn ihr eine korrekte Behandlung zugesichert wird“, berichtet Sabine Omland. Es gab keine Schwierigkeiten.

Das Schicksal der jüdischen Mitbürger hat Sabine Omland in ihrem 1997 erschienenen Buch „Zur Geschichte der Juden in Drensteinfurt 1811-1941“ aufgearbeitet.

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