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Walsteddes Schulleiterin im Interview

„Wir müssen Antworten entwickeln“

Walstedde

Ihr 50-jähriges Bestehen feiert die Lambertusschule am 6. Juli mit einem großen Fest. Im Interview berichtet Schulleiterin Birgitta von Rosenstiel über den Lehrermangel, den gestiegenen Anspruch der Eltern und wie man an der Einrichtung schon seit Jahren die Digitalisierung vorantreibt.

Simon Beckmann

Birgitta von Rosenstiel leitet die Walstedder Grundschule seit 18 Jahren. Was dort in Sachen Inklusion und Digitalisierung bereits gelebter Alltag ist, kann sich sehen lassen. Foto: Simon Beckmann

Seit mittlerweile 18 Jahren ist Birgitta von Rosenstiel als Schulleiterin an der Lambertusschule tätig. Zu deren 50-jährigem Bestehen spricht sie im Interview mit WN-Mitarbeiter Simon Beckmann über Veränderungen, den Lehrermangel, Inklusion und über ihre Vision für die Schule in den nächsten zehn Jahren.

Sie sind seit 2001 als Schulleiterin an der Lambertusschule tätig. Was hat sich in der Zeit verändert?

Birgitta von Rosenstiel: Dem Rektor wurden in den vergangenen Jahren zunehmend mehr Aufgaben der Schulaufsicht übertragen. Die Rolle des Schulleiters erfuhr einen deutlichen Wandel vom „Hauptlehrer“ mit Verwaltungsaufgaben hin zum Dienstvorgesetzten und Verwalter der Schule mit dem Schwerpunkt Schulentwicklung und Personalbewirtschaftung. Auch das Aufgabenfeld des Lehrers hat sich gewandelt – vom Lehrenden zum Lernberater oder Lerncoach. Die Beratungsarbeit mit Eltern, Psychologen und Jugendämtern nimmt ebenso stetig zu und erfordert einen sehr hohen Arbeits- und Zeitaufwand.

Welchen Herausforderungen müssen Sie sich stellen?

von Rosenstiel: Waren die Vorgaben für Unterricht und Lehrer früher stark reglementiert, ist es heute gewollt, dass die Schulen über Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum verfügen, um ihrem Standort und der Schülerschaft entsprechend agieren zu können. Früher deckten sich auch noch die Vorstellungen über Erziehung in Elternhaus und Schule großflächig. Heute gehen die Auffassungen häufig deutlich auseinander.

Wie wirkt sich das auf die Schule aus?

von Rosenstiel: Man merkt beispielsweise, dass das Interesse an Brauchtum und Traditionen abnimmt. Auch die Beteiligung der Familien bei schulischen Aktivitäten hat sich deutlich gewandelt. Es wird immer schwieriger, Helfer für Veranstaltungen zu finden. Meist wird die Arbeit von wenigen Aktiven durchgeführt. Die Übernahme von Verantwortung in den schulischen Gremien erschwert sich von Jahr zu Jahr. Gleichwohl steigt aber der Anspruch vieler Eltern. Man möchte immer über jedes Detail informiert sein. Das eigene Kind gerät derart in den Fokus, dass die Gemeinschaft dabei häufig kaum noch Beachtung findet.

In der Schullandschaft ist immer wieder vom Mangel an Lehrkräften zu hören. Ist Walstedde auch von diesem Problem betroffen?

von Rosenstiel: An der Lambertusschule sind – anders als an vielen Schulen in NRW – alle Lehrerstellen besetzt. Um den gestiegen Anforderungen gerecht zu werden, setzen wir jedoch nicht ausschließlich auf Lehrer. An unserer Schule haben wir erkannt, dass die Notwendigkeit der Differenzierung, strukturelle und pädagogisch-konzeptionelle Veränderungen und die damit verbundenen vielfältigen Aufgaben nur in gemeinsamer Verantwortung von multiprofessionellen Teams geleistet werden können.

Beugen Sie dadurch auch Unterrichtsausfall und häufigem Vertretungsunterricht vor?

von Rosenstiel: Ja. Eine hohe Arbeitsmotivation, eine sinnvolle Aufgabenverteilung, der Austausch in den unterschiedlichen Jahrgangsteams und die gelebte Mitverantwortung für das Funktionieren des Gesamtsystems führen dazu, dass der Krankenstand gering bleibt. Wesentlich ist aber, dass der „Vertretungsunterricht“ durch das Jahrgangsteam organisiert ist. Dies hat den Vorteil, dass bei Abwesenheit eines Lehrers für die Schüler weder ein räumlicher noch ein personeller Wechsel stattfindet. Auch in schwierigen Situationen schafft dies für alle Beteiligten Verlässlichkeit und Sicherheit. So kann regulärer Unterricht und nicht nur die „Betreuung“ von Schülergruppen stattfinden.

Sie verfolgen an der Schule ein außergewöhnliches IT-Konzept. Wie kam es dazu?

von Rosenstiel: Ich sehe unser Vorhaben im IT-Bereich nicht als außergewöhnlich, sondern als konsequent an. Wir leben nicht auf einer Insel. Die Gesellschaft stellt die Aufgaben – als Schule haben wir die Pflicht, Antworten zu entwickeln. Wir wollen eigenverantwortlich zu Lösungen und Konzepten finden, die zu unserer Schule passen. Die Mitarbeiter sind seit vielen Jahren mit der sinnvollen Nutzung der Möglichkeiten in diesem Bereich beschäftigt. Dabei beschränken wir uns nicht auf Präsentationsmedien, sondern sehen unseren Schwerpunkt in der didaktischen und methodischen Arbeit mit digitalen Medien und Programmen.

Kommen die Schüler mit dieser Form des Unterrichts zurecht?

von Rosenstiel: Die Schülerinnen und Schüler gehen – wie so häufig – offen, neugierig und wissbegierig mit den Möglichkeiten der Digitalisierung um. Bei uns lernen sie die Vielseitigkeit in der Nutzung. Sie lernen aber auch vom ersten Jahrgang an die Grenzen und die Verantwortung im Umgang mit den Medien.

Inklusion wird an der Schule ebenfalls groß geschrieben. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen diese Thematik an?

von Rosenstiel: Die „besonderen Unterstützungsbedarfe“ reichen von einer anspruchsvollen medizinischen Versorgung über einfache Assistenzleistungen und Hilfen bis zu einer umfassenden psycho- oder familientherapeutischen Unterstützung. Durch unseren schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrag sind wir in die Gesamtverantwortung eingebunden. Viele Unterstützungs- und Beratungsaufgaben werden von den Mitarbeitern der Schule durchgeführt. Hier zeigt sich wieder die Notwendigkeit der Multiprofessionalität durch Lehrer, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Erzieher, medizinisches Personal und vielen mehr. Da, wo das nicht reicht, binden wir außerschulische Stellen wie Jugend- und Sozialämter, Kinder- und Jugendpsychologen oder andere Fachstellen ein. Bei uns gibt es ein umfangreiches Netzwerk.

Wo sehen Sie die Schule in zehn Jahren?

von Rosenstiel: Eine so weite Vorausschau ist kaum möglich. Ich bleibe aber zuversichtlich: Ich gehe davon aus, dass die Lambertusschule weiterhin die Unterstützung durch die Verantwortlichen im Kreis und in der Kommune erfährt. Ich setze auf die Fortführung der aufgeschlossenen, fachlich guten und innovativen Arbeit der Mitarbeiter und hoffe auf die Offenheit und die Unterstützung durch die Eltern unserer Kinder. Vor diesem Hintergrund wird die Lambertusschule auch weiterhin ihren Weg gehen, Antworten finden und sich den Herausforderungen erfolgreich stellen können.

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