1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Everswinkel
  6. >
  7. Der durchdringende Ruf des „Telgter Töters“

  8. >

Dorfschreiber Hermann Mensing hinterlässt umfangreichen Blog

Der durchdringende Ruf des „Telgter Töters“

Everswinkel

Die Zeit des Dorfschreibers ist abgelaufen. Mit Pauken und Trompeten wurde Hermann Mensing verabschiedet. Was bleibt sind seine Aufzeichnungen. Die literarische Verarbeitung seiner Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen in zwei Monaten Everswinkel. Veröffentlicht in einem Blog mit Einträgen, die einen dreistelligen Bereich erreicht haben. Das Themenspektrum ist breit – bis hin zum „Telgter Töter“.

Auch mit der Eurobahn – sprich dem „Warendorfer“ – beschäftigte sich Everswinkels Dorfschreiber Hermann Mensing im Rahmen seiner literarischen Aufarbeitung von Eindrücken, Erlebnissen und Begegnungen. Foto: Klaus Meyer

Eigentlich war sein Besuch schon fürs vergangene Jahr vorgesehen, doch die Corona-Pandemie machte ihm und dem Kulturkreis Everswinkel seinerzeit einen dicken Strich durch die geplante Rechnung. Was blieb, war zunächst lediglich ein Home-Office-Kapitel. Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben: Hermann Mensing als auserkorener Dorfschreiber bezog im Mai diesen Jahres verspätet sein Quartier in Everswinkel und betrachtete zwei Monate lang Leben und Menschen der Vitus-Gemeinde, bis er am vergangenen Sonntag mit Pauken und Trompeten (des Blasorchesters Everswinkel) verabschiedet wurde. Seine vielfältigen Begegnungen hat Dorfschreiber Mensing literarisch verarbeitet. Ein umfangreicher Blog kündet von seinen Eindrücken.

Die reichen sogar weit übers Dorf hinaus. Bis nach Raestrup etwa. Von dort schickt nämlich der „Warendorfer“ – oder sachlich ausgedrückt: die Eurobahn – täglich ein unüberhörbares Lebenszeichen des Öffentlichen Personennahverkehrs in die Weiten des östlichen Münsterlandes. Für den Dorfschreiber war auch dies und der Ruf des Zuges einen Blog-Eintrag wert:

„Er ist Tag und Nacht unterwegs. Er scheut kein Wetter. Manchmal hört man seinen das Mark durchdringenden Ruf. Die Bahn nennt ihn den ,Warendorfer‘, aber die Einheimischen wissen es besser. Bei ihnen heißt er ,der Telgter Töter‘. Er steht auf keinem Fahndungsplakat, ist aber gefährlich. Vielleicht wäre er nur halb so gefährlich, wenn die Bauern auf ihre privaten Zufahrten von der B64 zu ihren Höfen verzichten würden, aber das tun sie nicht, denn dann müssten sie Umwege fahren, un da hebt se kien tied vöör.

So gibt es also auf der Strecke Münster – Bielefeld unzählige kleine, nur mit dem Andreaskreuz gesicherte Bahnübergänge, die, hat man den Zug, der ein Bummelzug ist und ununterbrochen Signale gibt, überhört, kaum Platz lassen für ein Auto und seinen unachtsamen Fahrer. Er hat keine Alternative. Er hat den Zug überhört, vielleicht hat er geträumt, jetzt hat er den Salat und wird entweder vom Telgter Töter gerammt, oder vom fließenden Verkehr der B64.

Das passiert immer wieder, und hat oft schrecklich Folgen. Hätte ich nicht heute Abend kurz vor Toresschluss beim Abendessen bei meiner Vermieterin mit Käse, Brot, Oliven, Wurst, Wein, Williamsbirne, Caipirinha, Aquavit mit Pflaume vom Telgter Töter erfahren, wäre der Zug mir nur mit seinem bei entsprechendem Wind als fernes akustisches hörbares Signal in Erinnerung geblieben. So reise ich ab, und weiß, dass es ihn gibt, und dass man ihn den Telgter Töter nennt. Da kann auch die schwarze Madonna nicht helfen.“

Mensing war literarisch überaus produktiv. In den zwei Monaten spiegelte und verarbeitete er seine Eindrücke und Erlebnisse in insgesamt 108 Blog-Einträgen. Dazu kommen 63 weitere aus der Home-Office-Zeit 2020. Hineinzuschauen lohnt sich. Auch für Auswärtige. „Die Welt, der Ort Everswinkel und seine von Heimatforschern beschriebene Geschichte, war schon immer da, der Dorfschreiber hat ein wenig am Firnis gekratzt, hat hier und da ein paar Ausrufezeichen gesetzt, und macht sich am Sonntag aus dem Staub“, heißt es in seinem letzten Eintrag, der eine Art persönliche Bilanz ist und in der er auch eine Portion Wehmut bei sich ausmacht, „nicht nur, weil der Dorfschreiber Abschied nimmt, und wieder dahin zurückkehrt, wo er hergekommen ist, sondern auch, weil das Gefühl, dass alles, was er hier getan hat, auf immaterielle Weise verpufft.“ Am Ende ist für Mensing aber alles gut. „Es war eine gute Zeit. Eine sehr gute Zeit. Ich bedanke mich beim Kulturverein, bei den Menschen, beim Dorf und seinem wundervollen Umland. Hasta la vista, Baby, oder, wie der Westfale sagt: Guad goahn.“

Startseite