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Besondere Objekte der Schatzkammer St. Agatha

Der Löwe als „Aufsteh-Hilfe“

Alverskirchen

Auf die Spuren des Löwen begibt sich die zweite Präsentation der Reihe „Schatz des Monats“. Dabei werden spannende Fragen gestellt: Warum findet man oft Löwen in einem Chorgestühl in den Kirchen? Die Antwort darauf ist verblüffend und hat ganz praktische Gründe.

Dr. Hans-Joachim Hubrich während seines Vortrages zu den Löwen des Chorgestühls. Rechts und links auf den Wangen die etwa 25 Zentimeter langen Originale. Foto: privat

Ein bisher wenig beachtetes Detail des Chorgestühls in der St.-Agatha-Kirche stand bei der zweiten Präsentation im Rahmen der Reihe „Schatz des Monats“ nach der Messe im Mittelpunkt des Interesses: „Die vier Löwen des Chorgestühls von 1544“ präsentierte der Schatzkammerverein als Objekt des Monats März.

Der Vereinsvorsitzende Dr. Hans-Joachim Hubrich suchte und belegte die Wurzeln der Löwen-Darstellung mit bildlichen Beispielen bereits in der Antike und auf mehreren Kontinenten, „wo das Besiegen eines wilden Tieres die Macht des Herrschenden versinnbildlichte“. Kurios mutete dagegen die früheste Darstellung eines „Löwen-Menschen“ an – vermutlich ein Schamane mit Fellumhang – die bereits 35 000 Jahre alt ist.

Weitere vorchristliche Löwen-Skulpturen aus Kleinasien wurden später von den Christen abgewandelt und symbolisierten zunächst die Überwindung böser Mächte – man denke an „Daniel in der Löwengrube“. Später wandelte sich der Löwe zu einer schützenden und repräsentativen Macht, machte Hubrich deutlich. So fungieren bereits seit etwa 800 n. Chr. mächtige Löwen-Köpfe an den Türen der Aachener Pfalzkapelle als Türzieher und damit als Öffner und gleichzeitig Beschützer des Kirchenraums. „Im Mittelalter setzte dann ein regelrechter ,Run‘ auf den Löwen als Repräsentant ein – noch heute ist er das beliebteste Wappentier.“ So etwa auch im Wappen von Queen Elisabeth der II. von England.

Stuhlreihen für Ordensangehörige

Warum aber findet man oft Löwen auf einem Chorgestühl? „Diese Stuhlreihen im Altarraum einer Kirche waren früher nur Ordensangehörigen und Kanonikern vorbehalten.“ Hier verrichteten sie stehend ihre Stundengebete. Bekannt sind die oft unterhalb der Klappsitze angebrachten „Misericordien“, (kleine Barmherzigkeiten), das heißt kleine Schnitzereien mit drolligem Aussehen, an die man sich anlehnen konnte, um die Beine zu entlasten.

Hilfe beim „Wiederaufrichten“

Auf den Wangen bot die leicht schräg angebrachte Figur des liegenden Löwen mit seinem langgestreckten Leib eine willkommene Hilfe beim „Wiederaufrichten“. So sind diese Figuren gleichzeitig Symbole der kirchlichen Macht, wie auch Schmuck und praktische „Aufsteh-Hilfe“. Dass die Löwen dabei oft – wie in Alverskirchen – menschliche Züge zeigen, lag einerseits in der künstlerischen Freiheit des Bildschnitzers, der ja auch die „Misericordien“ schuf; andererseits sicherlich in der Tatsache, dass wohl kaum ein Bildhauer um 1500 jemals einen echten Löwen gesehen haben mag. Man kopierte einfach immer wieder – und immer wieder ein wenig anders – bekannte Vorlagen.

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