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Schatz des Monats in St. Agatha

Die Seiten noch aus Holzspänen

Alverskirchen

Ein historisches Hausbuch mit dem Titel „Leben und Leiden Jesu und Maria“ war der „Schatz des Monats“ im August. Bei der Vorstellung ging Referentin Franziska von Twickel auch auf die Geschichte des Drucks ein.

Franziska von Twickel stellte das Hausbuch von 1873 aus dem Bestand der Schatzkammer St. Agatha vor. Foto: Schatzkammerverein

In der Reihe „Schatz des Monats“ präsentierte der Schatzkammerverein im August ein historisches Hausbuch mit dem Titel „Leben und Leiden Jesu und Maria“ von 1873. Den Einband dieses Buches ziert eine prachtvolle vergoldete Mariendarstellung.

Sogenannte „Hausbücher“ dienten um 1900 zur „religiösen Erbauung“ ganzer Familien. Franziska von Twickel erläuterte als Referentin die näheren Umstände der Entstehung dieses Buches und schlug einen weiten Bogen von den Anfängen der Schrift bis zum gedruckten Erzeugnis: „Bücher sind gespeichertes Wissen und waren jahrhundertelang neben der mündlichen Überlieferung die einzige und beste Form, Tradiertes und Neues an folgende Generationen weiter zu geben.“

Gedrucktes Wissen erscheint heute selbstverständlich und frei verfügbar – das war es aber die längste Zeit nicht. Detailliert schilderte von Twickel, wie mühsam und zeitaufwendig die Herrichtung einer Schreibunterlage aus Schilf, Leder oder Lumpen gewesen sei. Und es dauerte sogar noch bis etwa zum Jahr 1850, bis in Europa größere Mengen von Papier hergestellt werden konnten.

Lettern mit der Hand gesetzt

Auch die Art der Aufzeichnung wandelte sich radikal: Von zirka 4000 Jahre alten Ritzungen in Stein oder Ton bis zu handschriftlichen Zeichen aus Farben und Tinte war es eine langer Weg, der nur wenigen Schreib- und Lesekundigen vorbehalten gewesen sei. Erst die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern ermöglichte ab dem Beginn der Neuzeit einer breiteren Öffentlichkeit, Bücher und ihre Inhalte zu nutzen.

In dem vorgestellten Hausbuch aus Alverskirchen sind die Seiten noch aus Holzspänen hergestellt und die einzelnen Lettern mit der Hand gesetzt. Erst ab 1884 gab es eine Setzmaschine, die wiederum die Druckwelt revolutionierte. „Schließlich scheint uns der Zweck dieses Hausbuches heute fast fremd.“ Nach dem Kulturkampf zwischen der preußischen Obrigkeit und der katholischen Kirche in Westfalen versuchte der Klerus als Herausgeber mit frommen Bildern und Texten die Erziehung der Menschen zu beeinflussen. Wenn man so will, also eine frühe Form des „Influencertums“.

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