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Fitnessstudio im Dauerlockdown

Ein einziges großes Dilemma

Sendenhorst

Seit einem Jahr befindet sich der Everswinkeler Tom Nürnberg mit seinem Sendenhorster Fitnessstudio quasi im Dauerlockdown. Das macht mürbe, und wirtschaftlich ist das eine Katastrophe. Nürnberg ist sauer auf die Politik, die seine Branche vergessen habe.

Josef Thesing

Tom Nürnberg sitzt alleine in seinem Fitnessstudio. Es gibt nichts zu tun. Foto: Josef Thesing

An diesem frühen Morgen schaut Tom Nürnberg wieder einmal in seinem Fitnessstudio in der Alten Molkerei vorbei. Nürnberg ist Frühaufsteher, was in dieser Branche durchaus kein Nachteil ist. Doch eigentlich könnte der Everswinkeler, der das „Power-Loft“ betreibt, auch zu Hause bleiben, denn in seinem Fitnessstudio gibt es außer Putzen nichts zu tun. Der Laden ist coronabedingt dicht – und das seit Monaten. Nürnberg geht, finanziell gesehen, am Stock. „Wenn jemand kommen würde, der das alles kaufen will, würde ich wahrscheinlich sagen: Mach mal.“

Nürnberg ist sauer, vor allem auf die Politik, die die Öffnung der Fitnessstudios in NRW seit Monaten verbietet. Im Winter, Hochsaison der Einrichtungen, war nichts. Und im Sommer, der ja bald kommt, würden Fitnessstudios traditionell weniger frequentiert, sagt Nürnberg. „Da machst du keine neuen Mitglieder.“ Und das ist das grundsätzliche Dilemma. Bisherige Mitglieder sind abgesprungen, weil das „Power-Loft“ im vergangenen Jahr nur ein paar Wochen geöffnet hatte, und neue kommen nicht hinzu.

„Die Studios in Deutschland haben im vergangenen Jahr 1,35 Millionen Mitglieder verloren“, hat Nürnberg gelesen. Manche Aussagen aus Reihen der Politik ärgern Nürnberg besonders, etwa wenn gesagt werde, dass Menschen ihren Bewegungsdrang auf dem eigenen Fahrrad statt im Fitnessstudio ausleben sollten. „Das ist wie ein Tritt in den Hintern. Da steht dir das Wasser bis zum Hals, und dann musst du dir noch solche Sprüche anhören“, ärgert er sich.

Auch im Untergeschoss, wo sonst Kurse stattfinden, tut sich derzeit nichts. Foto: Josef Thesing

Er geht davon aus, dass diese Branche, wie auch die der Veranstaltungsorganisation und die Gastronomie, einfach ignoriert werde. „Alles ist seit Monaten geschlossen, und dennoch steigen die Infektionszahlen. An uns kann es also nicht liegen.“ Von der zugesagten Überbrückungshilfe habe er in diesem Jahr auch noch nichts gesehen. „Wir werden jeden Tag verarscht.“

Geräte werden auch nach Hause gebracht

Dabei versucht Nürnberg einiges, um die Mitglieder bei der Stange zu halten, etwa, indem er ihnen Geräte in die Wohnung stellt. „Was sollen die hier ungenutzt rumstehen“, meint der Studio-Betreiber. Die fehlenden Monate würden den Mitgliedern, die an Bord bleiben, weiter gutgeschrieben. Doch auch hierbei verschiebe er das Problem fehlender Einnahmen nur in die Zukunft. „Ich habe ja keine Gelddruckmaschine im Keller.“ Einen Zweitjob, mit dem er die Ausfälle kompensieren könne, habe er auch nicht. Folge: „Viele schlaflose Nächte“.

Die Geräte stehen ungenutzt herum. Foto: Josef Thesing

Wie die Zukunft aussieht, kann Nürnberg derzeit nur schwer prognostizieren. Die Einbußen seien in der gesamten Branche gewaltig. „Wenn ein großes Studio, das seit 30 Jahren am Markt ist, schließen muss, dann macht einen das schon ziemlich nachdenklich“, erklärt er. Verstörend findet er es auch, dass jedes Bundesland bislang „sein eigenes Ding“ machte. Beispiel: „In Hessen waren die Studios geöffnet.“ Möglicherweise gebe es im Kreis Warendorf ja bald die Perspektive, mit einem negativen Schnelltest trainieren zu können.

Nürnberg ist froh, dass er keine festen Mitarbeiter hat. Doch neben Mitgliedern sind ihm auch Teilzeit-Trainer abhanden gekommen. Falls er wieder öffnen könne, müsse er neue suchen. „Aber dann kommt erstmal das Sommerloch“, blickt der 55-Jährige in eine ungewisse Zukunft. „Ich habe keine Lösung.“

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