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Eines der ersten Freizeitbäder

Das Vitus-Bad war ein Musterbeispiel fürs Land

Everswinkel

Die Vitus-Gemeinde war damals ganz weit vorne mit dabei. 1982 war das. Frei- und Hallenbäder gab‘s seinerzeit schon reichlich, aber neu war der Gedanke, aus den reichlich langweiligen Wasserbecken Spaß- und Familienbäder zu machen mit echtem Aufenthaltscharakter. Das Vitus-Bad wurde mit landesweiter Aufmerksamkeit eröffnet, galt es doch als Musterbeispiel für neuartiges Badevergnügen im ländlichen Raum.

Von Klaus Meyer

Bild aus der fortgeschrittenen Bauphase: Per Kran wird die Glaskuppel auf das Dach gehievt und montiert. Am 3. Dezember 1982 erfolgt die feierliche Einweihung mit zahlreichen geladenen Gästen. Foto: WN-Archiv

Die Vitus-Gemeinde war damals ganz weit vorne mit dabei. 1982 war das. Frei- und Hallenbäder gab‘s seinerzeit schon reichlich, aber neu war der Gedanke, aus den reichlich langweiligen Wasserbecken Spaß- und Familienbäder zu machen mit echtem Aufenthaltscharakter. In einigen größeren Städten erblühten in den 80er-Jahren die ersten bunten Bad-Blumen – und in der kleinen Gemeinde Everswinkel. Doch während andere Bäder von damals vom Zahn der Zeit zernagt wurden – wie beispielsweise das ebenfalls 1982 eröffnete Frankfurter„Rebstockbad“, bei dem sich die Politik für einen gegenüber einer Sanierung „billigeren“ Neubau für 86 Millionen Euro entschieden hat – lebt das 39 Jahre alte Everswinkeler Freizeitbad noch immer. Auch, weil immer wieder investiert und saniert wurde.

In der Everswinkeler Bevölkerung gab es schon in den 70er-Jahren den immer wieder geäußerten Wunsch nach einem eigenen Hallenbad, um nicht immer in die Nachbarkommunen fahren zu müssen. Wunsch und Wirklichkeit klafften damals zunächst weit auseinander. Einerseits hatte Everswinkel gemäß „Goldenem Plan“ aus den 60er-Jahren nur „Anspruch“ auf ein wenig spannendes Lehrschwimmbecken, andererseits befürchtete man unübersehbare Folgekosten. Eine Haushaltsbefragung bestätigte den Bürgerwunsch und diente als Grundlage, um kommunale Zielvorstellungen zu erarbeiten. Die beinhalteten eine Erweiterung des schon bestehenden Freizeit- und Sportangebotes wie auch das Ziel, durch ein freizeitorientiertes Konzept Besucherkreise von auswärts anzusprechen. Als Modell-Anlage wollte man sich zudem besondere Zuschüsse sichern. Die erste Planungen wurden 1977 erstellt, zwei Jahre später wurde der Förderantrag gestellt.

Großer Bahnhof beim ersten Spatenstich am 10. April 1980. Foto: WN-Archiv

Großer Bahnhof beim ersten Spatenstich am 10. April 1980. Zahlreiche Zaungäste verfolgten auf der Wiese den Start für das Bauprojekt. Das Bad – eine fünfseitige Pyramide mit heruntergezogenem Dach und insgesamt 500 Quadratmetern Wasserfläche verteilt auf Mehrzweckbecken mit Hubboden sowie Abenteuer, Baby- und kleinem Außenbecken plus einer Sauna – wurde in den Schul- und Freizeitkomplex mit zwei Turnhallen, Festhalle, Tennisanlage und Reithalle eingefügt, und die ebenfalls seinerzeit zu errichtende Tennishalle (heute Vitus-Sportcenter) wurde in einer mit dem Vitus-Bad abgestimmten Gebäude-Architektur realisiert. Mit zum Konzept gehörte damals auch noch die Option, auf dem Areal ein Hotel anzusiedeln. Daraus wurde bekanntlich nie etwas. Für das Freizeitbad war das erforderliche Bevölkerungspotenzial zwar vorhanden, allerdings hatte man später zwei Konkurrenten in der Nachbarschaft im Nacken.

Am 3. Dezember 1982 dann die Einweihung, unter anderem mit NRW-Kultusminister Jürgen Girgensohn, Regierungspräsident Erwin Schleberger, Landrat Josef Predeick und weiteren geladenen Ehrengästen. Einschließlich der 1989 vorgenommenen Erweiterung im Umkleide- und Gastronomiebereich mit einem Flächenzuwachs von 500 auf nun 2308 Quadratmeter wurden 8,5 Millionen D-Mark in den Bau und die Einrichtung des Freizeitbades investiert, davon 2,8 Millionen D-Mark aus Zuschüssen. Im Laufe der Jahre kamen immer wieder Ausgaben für technische Sanierungen und Attraktivierungsmaßnahmen hinzu. Sehr tief in die Schatulle greifen mussten die Gemeindewerke zuletzt 2016, als das nach offenbar verpfuschten Dacharbeiten 1998 marode gewordene Dach aufwendig erneuert und die hintere Glasfassade ebenfalls ersetzt wurde. Gesamtaufwand rund 1,1 Millionen Euro inklusive KfW-Kredit von 800 000 Euro.

Feier zum 20-jährigen Bestehen 2002: Bürgermeister Ludger Banken und Vorgänger Hermann Walter schneiden die Geburtstagstorte an. Foto: Klaus Meyer

Naturgemäß ist ein öffentliches Bad in der Regel defizitär. Lag der Kostendeckungsgrad in den ersten zehn Jahren noch bei aus heutiger Sicht phänomenalen 90 Prozent, rutsche er später durch substanzerhaltende Maßnahmen und Schließungsphasen auf Werte um 64 Prozent. Das bedeutete in den 90er Jahren schon eine Deckungslücke von rund 500 000 D-Mark zwischen Betriebskosten und Einnahmen. Überhaupt waren die 80er-Jahre die Boom-Jahre fürs Bad. 1988 wurden 170 000 Besucher gezählt. Es gab Tage mit 1200 Besuchern – „im Becken waren da allerdings nur noch Stehplätze zu haben“, und die 327 Umkleideschränke waren von bis zu drei Personen belegt, erinnerte sich der frühere Bademeister Ulrich Lauxtermann. Der Besucherrückgang in den 90er-Jahren war dann vor allem der Tatsache geschuldet, dass dem Vitus-Bad mit dem Freizeit-Bad Berliner Park in Ahlen und der neue Standards für Freizeit setzenden Germania Therme in Münster zwei Konkurrenten im Nacken saßen, die weniger als 20 Kilometer entfernt lagen.

Ein Spaß- und Familienbad im ländlichen Raum – das war das Konzept für das Everswinkeler Vitus-Bad, das damit eines der ersten seiner Art in Deutschland war. Foto: Klaus Meyer

Dennoch: Das Vitus-Bad hat sich behauptet, natürlich mit der nötigen Rückendeckung durch Gemeinde und Kommunalpolitik. Als Freizeit- und Familienbad war es damals eines der Pioniere in der bundesdeutschen Bäderlandschaft. Nicht nur als Spaßbad und Freizeit-Treffpunkt, sondern auch als Einrichtung, um etwas für die Gesundheit zu tun, um schwimmen zu lernen, und fürs Schulschwimmen erscheint es unverzichtbar. Kultusminister Girgensohn formulierte es 1982 in seiner Eröffnungsrede für diese neue Bad-Generation, die in ländlichen Gebieten neue Möglichkeiten eröffnen sollte, so: „Die Umsetzung der Pläne hat die damals recht positiven Erwartungen über das Sport- und Freizeitbad der Gemeinde Everswinkel noch weit übertroffen. Der hier aufgebaute Angebotsfächer umfasst die Aktivitäten, die nach heutigen Erkenntnissen in unseren Bädern für unterschiedliche Benutzergruppen vorhanden sein sollten. Hier wurde eine kleine Badelandschaft geschaffen, die vielen Ansprüchen gerecht werden kann.“ Und am Ende betonte er: „Die Erfahrungen dieses Bades sollten für das Land Nordrhein-Westfalen gesammelt und ausgewertet werden.“

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