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Dorfschreiber besucht Evangelische Frauenhilfe

Erinnerungen an den Neubeginn

Everswinkel

Zum Ende seiner Residenzzeit galt Hermann Mensings letzter Besuch der Evangelischen Frauenhilfe. Deren Sprecherin Annemarie Korf hatte ihn zum monatlichen Treffen in das Evangelische Gemeindehaus eingeladen.

Letzte Station für den Dorfschreiber war die Evangelische Frauenhilfe. Foto: sme

Zum Ende seiner Residenzzeit galt Hermann Mensings letzter Besuch der Evangelischen Frauenhilfe. Deren Sprecherin Annemarie Korf hatte ihn zum monatlichen Treffen in das Evangelische Gemeindehaus eingeladen. „Es ist mir ein Anliegen, heute diejenigen in den Mittelpunkt zu stellen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in ein bis dahin nahezu ausschließlich katholisches Dorf gezogen sind.“ Die Menschen evangelisch-lutherischen oder Augsburgischen Bekenntnisses stellen mit heute etwa 16 Prozent der Bevölkerung in beiden Ortsteilen noch immer eine, wenn auch nicht ganz kleine, vor allem aber nicht unbedeutende, Minderheit dar.

Die Geflüchteten und Vertriebenen stammten überwiegend aus deutschen Ostgebieten und kamen in Everswinkel häufig zunächst auf Bauernhöfen unter, weil ihre Arbeitskraft und ihre Kenntnisse in Land- und Viehwirtschaft dort geschätzt und begehrt waren. Später, als der Bedarf nach eigenem Wohnraum wegen des Zuzugs weiterer Menschen deutlich wurde, entstand am Ortsausgang Richtung Bahnhof Raestrup die Horstsiedlung, zu jenen Zeiten gelegentlich sachlich falsch und wenig wohlmeinend „Polacken-Siedlung“ genannt.

Die knapp zwei Dutzend Teilnehmer nutzten an diesem Nachmittag bei Kaffee und Kuchen (letzterer gespendet von Ruth Dust) die Gelegenheit, ihre durchaus unterschiedlichen Wege und Erlebnisse auf der Flucht zu schildern. Einig waren sie sich jedoch in der Erinnerung an den damaligen unverbrüchlichen Zusammenhalt der Menschen ähnlichen Schicksals.

Hier konnte der Dorfschreiber zu einem großen Bogen ansetzen, indem er kurz aus seinem eigenen Leben erzählte, auf die heutigen Flüchtlinge weltweit verwies und einen kurzen Abriss aus seinem Buch „Mein Prinz“ vortrug. Es geht darin um das Schicksal eines aus Afrika verschleppten dunkelhäutigen Sklaven, der sich in einer ihm völlig fremden Umgebung zurechtfinden muss. In heutiger Diktion könnte man sein Leben in Roxel um 1800 als Beispiel für „gelungene Integration“ bezeichnen: Er erhält Musikunterricht, bekommt eine Stelle als Kirchenorganist in Sankt Pantaleon, heiratet eine Einheimische und bekommt mit ihr fünf Kinder.

Harald Steinebel, dessen Familie ebenfalls zu den ersten Zugezogenen zählt, hatte – dem Thema geschuldet – die Frauengruppe verstärkt. Er steuerte eine Anekdote bei, die beispielhaft für die Zufälle ist, die oft zu schicksalhaften Wendungen im Leben der Menschen führen. „Die Familie wollte eigentlich zu Verwandten in Telgte und bog mit ihrem Pferdewagen versehentlich am Bahnhof Raestrup links ab. So landeten wir in Everswinkel.“ Bereut haben sie es wohl nicht, denn noch immer wohnen Nachkommen im Ort.

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