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Mitmach-Museum „Up’n Hoff“

Geschichte der Landwirtschaft live

Everswinkel

Jahrtausende wurde der Ackerbau mit einer sehr überschaubaren Zahl an Geräten betrieben. Es war Hand- und Knochenarbeit. Doch das änderte sich fast schlagartig mit der allgemeinen Technisierung im 19. Jahrhundert. Die einsetzenden Veränderungen auch in der Landwirtschaft waren revolutionär. Ein wesentlicher Teil dieser Entwicklung lässt sich im Mitmach-Museum „Up’n Hoff“ nachvollziehen. Dieses Museum ist mit seiner umfassenden Sammlung, der Gestaltung sowie der im Laufe der Jahre immer wieder erweiterten Präsentation und nicht zuletzt der aktiven Einbeziehung seiner Besucher bei Führungen einzigartig weit und breit.

Von Klaus Meyer

Bei einem Eröffnungsfest Foto: Klaus Meyer

Bis es vor 17 Jahren soweit war, war es ein steiniger Weg. Man hätte diesen Ankerplatz historischer bäuerlicher Gerätschaften auch guten Gewissens „Ewald Stumpes Bauern-Museum“ nennen können, so akribisch und ausdauernd der frühere Vorsitzende des Heimatvereins über viele Jahre Dreschmaschinen, Ernte- und Verarbeitungsgeräte und vieles mehr vor dem Verfall oder einer Verschrottung rettete. Auf dem Hof Schulze Kelling fand sich der nötige Platz, um alle diese Erwerbungen unterzubringen. Aber irgendwann wurde es zu eng, die offene Feldscheune bot keine Zukunftsperspektive. 1998 gibt es mit dem damaligen Bürgermeister Hermann Walter die ersten Überlegungen zur Konzeption einer dauerhaften Schausammlung, getragen vom Bürgerschützen- und Heimatverein. Die Idee: Ein leichtes Gebäude, das sich dem Hof anpasst. Ein Ort der Bildung und Freizeitgestaltung, an dem bäuerliche Geschichte erlebbar wird. Der Arbeitsname: zunächst „Vom Korn zum Brot“, später „Bauernhof Lif(v)e“. Das Projekt wird mit Zähigkeit verfolgt. Und es wird Geld kosten.

Nur eine Wand bleibt stehen nach dem Abbruch der alten Remise auf dem Hof Schulze Kelling – so sieht es am 30. September 2003 aus. Foto: Klaus Meyer

Für einen ziemlich großen Baustein sorgt frühzeitig die damalige Sparkasse Warendorf, die im Zuge der Eröffnung ihrer umgebauten Zweigstelle Everswinkel der Gemeinde und dem BSHV ein üppiges Geschenk über 100 000 D-Mark für das angepeilte Museum macht. Der Gedanke, mit öffentlichen Fördergeldern dem Ziel noch ein Stück näher zu rücken, führt dazu, dass die Gemeinde das Museum 2001 als Projekt für die Regionale 2004 anmeldet. Die Hoffnung stirbt im Herbst. Der Lenkungsausschuss der Regionale streicht das Projekt von seiner Liste, es fehle ihm an „Strahlkraft“ und „spezifischer Profilierung“. Für den BSHV ist indes klar: Man-Power will man gerne leisten, aber für finanzielle Defizite einstehen – nein.

Im Frühjahr 2001 ist der Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Gerhard Papke, zu Gast und lässt sich den Maschinenpark ebenso vorführen wie später der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Reinhard Schultz. Beide signalisieren ihre Unterstützung, machen sich für eine Förderung in Düsseldorf stark. Im März 2002 folgt die frohe Botschaft: 179 000 Euro stehen bereit. Die Planung: eine zwölf mal 25 Meter große Feldscheune.

Am 10. Juli 2002 – ein Datum, das entscheidend sein wird im späteren Verlauf – fasst der Gemeinderat den Durchführungs- und Finanzierungsbeschluss. Die Grünen sind dagegen, bemängeln ein Gesamtkonzept und unüberschaubare Folgekosten. Ihr Versuch, das Projekt bei den Haushaltsberatungen im Herbst zu kippen, scheitert. Bürgermeister Ludger Banken peilt das Museum für 2004 an mit einer Investition von 400 000 Euro; neben dem Landeszuschuss rechnet er mit 140 000 Euro an Spenden. Vertragspartner sind Gemeinde, BSHV, Waldorfschule und Verkehrsverein.

Am 8. Oktober 2003 übergibt die Bürgerinitiative gegen das Museum ihre gesammelten Unterschriften im Rathaus an Kämmerer Johannes Hobbeling. Der Widerstand scheitert aber – weil er zu spät kommt. Foto: Klaus Meyer

Die Grünen lassen nicht locker, wollen das Museum verhindern. Eine Bürgerinitiative wird am 16. September 2003 gegründet mit Parteiführer Hans-Jürgen Hunke-Riffert an der Spitze sowie Frank Winkler und Thomas Günther in vorderster Reihe. Ein Bürgerbegehren ist das Ziel. 737 Unterschriften müssen bis zum 10. Oktober gesammelt werden. Kritik wird laut, weil die Bürgerinitiative mit falschen Zahlen und Behauptungen arbeite und Bürger zur Unterschrift dränge. Aber die Museums-Gegner haben sich ohne verspekuliert: Als sie am 8. Oktober 803 gültige Unterschriften übergeben, erklärt der Gemeinderat am 9. Oktober das Bürgerbegehren wegen Verfristung für unzulässig. Denn: Während die Bürgerinitiative den Hauptausschuss-Beschluss zur Freigabe der Verpflichtungsermächtigung vom 10. Juli 2003 als Fristbeginn ansehen, gilt aber jener Ratsbeschluss vom 10. Juli 2002. Das Aufbegehren kommt ein Jahr zu spät. Der Widerspruch der Bürgerinitiative wird ebenfalls vom Rat abgeschmettert. Spätestens diese gescheiterte Museums-Revolution macht das Projekt so richtig bekannt.

Aufnahme aus dem März 2004. Der Rohbau samt Dach ist in der finalen Bauphase. Foto: Klaus Meyer

Das Museum wird Wirklichkeit. Im September 2003 erfolgt der Abriss der maroden Remise, am 2. November der erste Spatenstich fürs Projekt. Aus 900 Vereinsmitgliedern sucht sich der BSHV die Spezialisten heraus, die Eigenleistungen im Wert von 30 000 Euro sicherstellen können. Am 6. März 2004 wird Richtfest gefeiert, und wenig später steht auch der endgültige Name fest, nachdem der Sprach-Mischmasch „Bauernhof lif(v)e“ auch in den Reihen des Vereins auf Kritik gestoßen ist. Der inzwischen verstorbene Heimatforscher Erwin Buntenkötter liefert mit „Up’n Hoff“ die bodenständige Bezeichnung. Nach acht Monaten Bauzeit und etwa 4800 ehrenamtlichen Arbeitsstunden von mehr als 200 BSHV-Mitgliedern schlägt am 17. Juli 2004 die Feierstunde der Eröffnung. Auch damals schon gibt es Starkregenereignisse: Das Sturmtief „Elke“ platzt mit ergiebigen Regengüssen in die Feierstunde mit zahlreichen geladenen Gästen. Architekt Theo Altefrohne übergibt den symbolischen Schlüssel. Landrat Dr. Wolfgang Kirsch lobt den Macher und Motor des Projekts, Ewald Stumpe („Ganz toll, was Sie hier geleistet haben.“), lobt den neuen Museums-Namen (mit Blick auf Bauernhof lif(v)e: „Wir sind doch hier nicht in Texas.“) und freut sich, dass das Museum vor allem Kindern – die oftmals keinen Bezug mehr zu den Lebensgrundlagen hätten - die Augen über die Landwirtschaft öffne.

Everswinkels Museum, einzigartig und unverwechselbar für den landwirtschaftlichen Geschichtsunterricht mit Erlebnisfaktor, wurde in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Mit dem alten Speicher kam 2008 ein weiterer Edelstein hinzu. In den flossen neben weiteren 800 Arbeitsstunden der BSHV-Mitglieder 200 000 Euro. 141 000 Euro gab’s als Landeszuschuss, die Kulturstiftung der Sparkasse Warendorf legte weitere 30 000 Euro dazu. Letzter Baustein war 2020 die alte Feldscheune aus Alverskirchen, die auf der freien Fläche hinter dem Museumsgebäude neu aufgebaut und mit 300 Jahre alten Dachziegeln aus dem Besitz von Gut Brückhausen eingedeckt wurde.

Eröffnung des neuen Mitmach-Museums „Up‘n Hoff“ am 17. Juli 2004 mit dem Verkehrsvereins-Vorsitzenden Fred Heinemann, dem BSHV-Vorsitzenden Reinhard Schulze-Tertilt, Architekt Theo Altefrohne, Bürgermeister Ludger Banken, Jessica Ziegler für die Waldorfschule und dem Heimatvereins-Vorsitzenden Ewald Stumpe (v.l.). Foto: Klaus Meyer

„Up’n Hoff“ litt natürlich unter Pandemie und Lockdown wie alle anderen Museen auch. Anfang Juli waren die ersten Besucher nach 15 Monaten Leerlauf da. Was dieser Sommer noch bringt? Ungewiss. „Einen Aktionstag würde ich gerne machen, zum Weben“, sagt Heimatvereins-Chef Josef Beuck. Und zum Saisonschluss, Anfang Oktober, einmal backen. Aber das ist alles noch offen. Generelle, regelmäßige Öffnungszeiten für Radtouristen oder Kurzentschlossene sind derzeit kein Thema. „Vor ein paar Jahren haben wir das mal probiert, den ganzen Sonntag in den Ferien zu öffnen. Da ist keine Handvoll Leute dagewesen“, so Beuck. Das Museum in der öffentlichen Wahrnehmung zu halten – auch und gerade über die Grenzen Everswinkels hinaus – bleibt eine dauerhafte Aufgabe.

Alle Dreschmaschinen und Geräte in Aktion erleben können die Besucher beim Eröffnungsfest am 18. Juli 2004. Foto: Klaus Meyer
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