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Sachbuch „Ich würde Jesus meinen Hamster zeigen“

Impulse für ein achtsameres Leben

Everswinkel

Zu Beginn lag „in der Entfernung die Wahrheit“, dann lautete die Erkenntnis, „Verliebt, aber verheiratet“. Unter dem Pseudonym Lene Steening veröffentlichte Christine Schniedermann 2015 und 2017 ihre beiden ersten, im Münsterland angesiedelten romantischen Romane. Familien- und Beziehungsgeschichten für entspannte Lesestunden. Um Familie geht’s der Wahl-Münchenerin, die in Everswinkel aufgewachsen ist, auch in ihrem dritten Werk – aber bei dem ist alles anders.

Christine Schniedermann hat ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit ihren Kindern zum Thema Glauben in einem Sachbuch verarbeitet, das in seiner Gliederung durchs Kirchenjahr führt. Foto: privat

„Ich würde Jesus meinen Hamster zeigen“ lautet der Titel, und dahinter verbirgt sich – Überraschung – ein Sachbuch. Besser noch: ein Erfahrungsbuch. Die Autorin vermittelt nämlich mit mehr als einem Augenzwinkern ihre Erlebnisse „aus dem Glaubensalltag mit unseren Kindern“ (Untertitel des Werks). Aus Erlebnissen und Erfahrungen erwachsen Erkenntnisse, die wiederum in Tipps und Ratschlägen für andere münden. Fragen, ob das eigene Kind getauft werden soll, wie man mit Kindern beten kann, ob Knirpse auf der Kirchenbank krabbeln dürfen, was es eigentlich mit Weihnachten und Ostern auf sich hat oder nach dem Sinn der Fastenzeit beantwortet sie aus der Situation der eigenen Familie heraus – ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Es ist eine Entdeckungsreise durchs Kirchenjahr, die – so zeigen es die vielen kleinen Geschichten und Anekdoten – zu einer Herausforderung und Bereicherung gleichermaßen werden kann. Für Kinder und Eltern. WN-Redakteur Klaus Meyer sprach mit Christine Schniedermann über diesen Alltag, die Entstehung des Buches, über Tischgebete und Tod, über Religion und die Kirche.

„In der Entfernung liegt die Wahrheit“ 2015, „Verliebt, aber verheiratet“ 2017 - und jetzt, 2021, ein Sachbuch über den Glaubensalltag mit Kindern: Ist die Zeit der romantischen Beziehungsgeschichten im Münsterland vorbei?

Schniedermann: Oh nein! Die Zeit der Romantik ist noch nicht vorbei. Derzeit arbeite ich an zwei Romanen; die eine oder andere Kurzgeschichte habe ich auch geschrieben. Es wird romantisch weitergehen.

Was war Ihre Motivation, sich dem Thema Glauben und Religion im Hinblick auf Kinder zu widmen und wie verstehen Sie Ihr Buch? Als Ratgeber?

Schniedermann: Über Jahre schrieb ich eine Familienkolumne für „Kirche+Leben“. Darin kamen viele Themen und Anekdoten der Kinder mit und ohne Kirche vor. Es gab dann einen Kontakt zum Herder-Verlag. Dabei entstand die Idee zum Buch. Ich denke eher an einen Hinweisgeber. Jede Familie, der Glauben wichtig ist, lebt es ein bisschen anders. Da will ich nicht sagen, welcher Weg richtig ist. Aber ich möchte Impulse geben, wie man es machen könnte.

Sie spannen eine großen Bogen. Thematisch ein dickes Paket, das einen Umfang fast in der Größenordnung der Bibel erwarten lassen könnte. Es sind aber gut zu bewältigende 175 Taschenbuch-Seiten. Mussten Sie sich selbst bremsen?

Schniedermann: Ein paar Seiten mehr hatte mein Manuskript tatsächlich. Meine Lektorin hat dort sehr gut gestrafft, wo ich etwas ausufernd wurde. Aber wir fanden beispielsweise auch, dass wir Feste, die Kindern nicht viel sagen und Erwachsenen nicht mehr so wichtig erscheinen, nicht detailliert beschreiben müssen. Es ist ja irgendwie auch eine Art Familienbuch, das sich an Themen orientiert, die in Familien diskutiert oder erlebt werden.

Im Buch schildern Sie amüsant Erlebnisse mit Ihren Kindern im Alltag. Haben Sie da eine Art Tagebuch für all die Erinnerungen geführt?

Schniedermann: Die Sprüche und Erlebnisse kommen vorwiegend aus der Kindergarten- und Grundschulzeit. So ewig lang her ist das noch nicht, weshalb ich mir Gesagtes ganz gut merken konnte. Manches wiederholt man im Familienkreis auch: „Wisst Ihr noch wie xy meinte, dass . . .“ Ebenso waren meine Kolumnen ein guter Stichwortgeber. Und Rituale wie Gebete oder der Ablauf an Weihnachten finden ja regelmäßig so statt.

Sie als Journalistin wissen natürlich, dass Leser vor allem über die Schlagzeile in einen Artikel gezogen werden. Was hat es mit Ihrer „Schlagzeile“, „Ich würde Jesus meinen Hamster zeigen“, auf sich?

Schniedermann: Tja, Kinder haben eben lustige Ideen. In einer Gruppenstunde zur Vorbereitung auf die Erstkommunion stellte ich die Frage, was die Kinder tun würden, wenn Jesus sie heute besuchen würde. Spontane Antworten: mit ihm Playstation spielen, Kuchen backen, Hamster zeigen.

Wie wichtig ist Ihnen persönlich Religion, was bedeutet für Sie „Glauben“?

Schniedermann: Glaube heißt aktuell für mich: (Rück-)Halt, eine Art Wertekompass, philosophische Ideen, Hinterfragen, Impulse für ein achtsameres Leben. Beispiel: Als Jesus in der Wüste, wo er fastete, vom Teufel in Versuchung geführt werden soll, erklärt Jesus, dass der Mensch nicht vom Brot allein, sondern auch vom Wort Gottes lebt. Für mich kann das heißen, darüber nachzudenken: Was braucht man wirklich? Wo tut Verzicht gut? Oder: Von was lasse ich mich leicht „verführen“, vielleicht vom Konsum? Im Bilderbuch „Frederick“ sammeln die Mäuse Korn und Nüsse; Frederick sammelt stattdessen Wörter, Farben und Sonnenstrahlen. Und die Mäuse merken, sie brauchen beides: handfeste Nahrung und Unsichtbares für den Geist. Diese Fragen finde ich spannend: Was macht den Menschen aus? Was erfüllt uns, macht glücklich?

Sie schildern, wie Sie als Jugendliche wegen Ihrer Kirchenbesuche von Mitschülern aufgezogen wurden, und dass Kirche bei den meisten Ihrer Altersgenossen uncool war. Kann oder muss Kirche heute „cool“ sein?

Schniedermann: Ich habe mich gefragt, warum ich mich für meinen Glauben rechtfertigen musste. Ich finde, das sollte keiner müssen. Wir leben glücklicherweise in einem freien Land. „Cool“ muss die Kirche vielleicht nicht werden. Aber manchmal kommen die echt guten Botschaften – Liebe, Frieden, Hilfe – vor lauter „Förmlichkeiten“, manchmal auch Inkompetenz, nicht an. Dabei haben die Menschen Fragen, Neugierde, Interesse – wie Besteller von Pater Anselm Grün oder Richard David Precht belegen.

Breiten Raum nimmt die Advents- und Weihnachtszeit im Buch ein. Für Kinder eine besonders faszinierende Zeit. Auch die beste Zeit, mit Kindern religiöse Themen zu besprechen?

Schniedermann: Meine Kinder wissen, dass Ostern für Christen das wichtigere Fest ist, aber sie finden Advent und Weihnachten einfach schöner! Wer könnte es Kindern verdenken? Es ist eine großartige Zeit! Es kann eine sehr gute Familienzeit mit backen, lesen, kuscheln, basteln sein. Und ja, diese Zeit bietet Gelegenheiten, über Jesus, Gott, Besinnlichkeit und Nächstenliebe zu sprechen.

Sie schreiben, wie Ihre damals fünfjährige Tochter laut überlegte: „Wir sind Weihnachten immer mit Papa im Zimmer. Aber ohne Mama. Dann gehen wir ins Wohnzimmer und plötzlich sind Geschenke da. Also ist Mama das Christkind.“ Eine entwaffnende Logik. Ist der Glaubensalltag mit Kindern nicht ein ständiger Wechsel zwischen vermittelten Bildern und deren späterer Relativierung?

Schniedermann: Ja, absolut. Das finde ich aber nicht schlimm. Wenn meine Kinder als Erwachsene denken würden, Gott sei ein alter Mann mit weißem Bart auf der Wolke, fände ich es komisch. Meine Tochter findet übrigens jetzt schon, dass Gott eine Frau sein kann.

Aus Ihren Erzählungen über Tischgebete, Gottesdienstbesuche oder Adventszeiten klingt sehr viel Gelassenheit. Haben Sie sich diese Gelassenheit erst erarbeiten müssen?

Schniedermann: Doch, durchaus. Bei Eltern geschieht vieles das erste Mal, und in alles muss man sich neu reinfinden. Eine unserer frühen Adventszeiten mit kleinen Kindern war auch alles andere als entspannt, sondern extrem stressig, weil ich alles gewollt hatte: Plätzchen, Karten schreiben, Nikolausfest in der Kita, Weihnachtsmarkt, besondere Schleifen für Geschenke. Das war Quatsch! Die folgenden Adventszeiten haben wir entschlackt.

Die Katholische Kirche steht durch Missbrauchsfälle und als antiquiert angesehene Positionen im Kreuzfeuer der Kritik. Wie kritisch nehmen Sie die Katholische Kirche wahr?

Schniedermann: Momentan ziemlich kritisch. Über jede Form von Missbrauch braucht man nicht zu reden: Das darf nicht passieren! Keine Diskussion! Dass die Aufarbeitung schleppend verläuft, tut sehr weh. Ebenso muss Prävention stattfinden! Kindern darf nichts geschehen, weder in Kirche, noch in Sportverein, Schule oder Familie. Nie. Da bin ich sehr klar. Und ja, ich kann auch nicht verstehen, warum Frauen nicht alle Ämter in der katholischen Kirche haben dürfen.

Bekommen Kinder die öffentlichen Diskussionen zum Bild der Katholischen Kirche nach Ihrem Empfinden schon mit? Wie können Eltern mit Fragen danach umgehen?

Schniedermann: Schwer zu sagen, ob Kinder allgemein dies in den Nachrichten konkret mitbekommen. In unserer Kita und Grundschule gab es grundsätzlich kindgerechte Besprechungen zu Missbrauch oder Verschleppung: Steige zu niemandem ins Auto. Nein heißt nein. Niemand darf dich anfassen, wenn du es nicht willst. Es gibt gute Kinderbücher dazu. Eltern können sich an den Bundesbeauftragten wenden. Kinder stark machen, ihnen aufzeigen, wie sie sich wehren können, darüber altersgerecht sprechen, halte ich für sehr wichtig.

Man hätte vermuten können, dass das letzte Kapitel dem Thema Tod gewidmet ist. Es folgen aber noch zwei andere Kapitel. War Ihnen das Ende des irdischen Daseins für das Ende des Buches zu heikel?

Schniedermann: Zu heikel würde ich nicht sagen. Als Christ geht man davon aus, dass mit dem körperlichen Ende nicht alles vorbei ist. Gleichzeitig gehen Kinder weniger dramatisch mit diesem Thema um, weshalb es nicht das Schlusskapitel hätte sein müssen. Der Verlag und ich fanden die Abendrituale und Überlegungen dazu einfach als schönen Schluss.

Wie Sie in dem Kapitel schreiben, glauben Sie grundsätzlich daran, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Für Kinder ist das aber eine sehr abstrakte Vorstellung, oder?

Schniedermann: Schon, aber sie stellen‘s sich manchmal auch sehr bildlich vor. Da sitzen sie dann auf Wolken, haben den Überblick, sehen die Familie auf der Erde herumlaufen oder freuen sich, ein verstorbenes Lieblingstier oder die Oma im Himmel wiederzusehen.

Ihr Buch beinhaltet Rezepte – im übertragenen Sinne und auch echte wie etwa für Engelsaugen oder ein Osterlamm. Wie lautet denn Ihr „Rezept“, damit aus Kindern mündige Christen werden?

Schniedermann: Reden, diskutieren, zuhören. Sprechen Sie mit Kindern über Feste oder Bibelgeschichten. Fragen Sie, was sie davon halten, was sie denken. Eine Beziehung zu Gott ist veränderlich, mal ist man sich näher, mal ferner. Reden, zuhören bringt einen immer weiter. Welche Gedanken macht sich der andere? Welche Perspektive nimmt er ein?

Die Autorin Christine Schniedermann

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