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Aufgeblättert: Das Buch des Dorfschreibers

Ohne „Eingeborene“ geht‘s nicht

Everswinkel

Hermann Mensing ist Schriftsteller und hat im vergangenen Sommer auf Einladung des Kulturkreises drei Monate in Everswinkel verbracht, um über die „Eingeborenen“ und die Gegend zu schreiben. Daraus ist jetzt ein Buch entstaden.

Von Marion Bulla

„Das gelbe Krokodil“ – so lautet der Titel des Buchs, in dem Dorfschreiber Hermann Mensing nach seinem dreimonatigen Aufenthalt in der Gemeinde die vielfältigen Begegnungen und Eindrücke verarbeitet hat. Foto: Marion Bulla

Allein der Titel des Werks macht neugierig: „Das gelbe Krokodil“. Doch was hat es damit auf sich? Gibt es etwa so ein exotisches Fabelwesen im Vitus-Dorf? Beim Lesen der 183 Seiten wird klar: Ja, es gibt ein gelbes Krokodil in Everswinkel. Wenn auch ganz anders und weniger spektakulär, als gedacht.

Klar wird auch, Mensing ist ehrlich. Er beschönigt nichts. Sagt, wenn er keine Lust hat und betont mehrfach, wie sehr ihm Corona auf den Geist geht. Der Dorfschreiber ist aber auch neugierig. Es reizt ihn, das Dorf und seine Umgebung mit seinem 30 Jahre alten motorisierten Zweirad zu erkunden. Mensing spricht mit den Leuten, kitzelt Informationen über ihr Leben und Gedanken zu eben jenem aus ihnen heraus. Er schätzt die Menschen und lässt sie sein, wie sie sind.

Poesie lädt zum Schmunzeln ein

Neben seinen Impressionen gibt es im Buch auch jede Menge Poesie. Er fragt nach: „Worüber soll ich Gedichte schreiben?“. Schüler und Schülerinnen der Verbundschule wünschen sich unter anderem Gedichte über Jogginghosen (sein Kommentar dazu: „Hmm“) und über die Abschaffung von Hausaufgaben. „Gut, das lässt sich machen“, bemerkt er und fügt an, aber nicht als Sonett und auch nicht als Vierzeiler, sondern in offener Form. Das Ergebnis findet sich übrigens auch im Buch. Ein anderes Gedicht, „Vorhin auf der Vitusstraße“, ist ebenfalls besonders originell und lässt wohl jeden zumindest schmunzeln. Ebenso wie die „Ode an die FFP2-Maske“.

Der Dorfschreiber tummelt sich in Everswinkel und Alverskirchen und saugt alles auf, was er für interessant hält. So schlendert er beispielsweise über den Markt, um den Leuten vorzulesen. Das möchten die Everswinkeler in diesem Moment nicht. „Ok“, sieht er ein, „die wollen Lebensmittel kaufen und gerade sonst nichts. “ Also setzt sich Mensing auf eine Bank und hört nur zu. Zu jedem Satz wie etwa, „Da muss Marinade drauf“ oder „Mein Gott, gar nicht erkannt. War das letztes Jahr?“, könne er eine Geschichte schreiben, bemerkt der Autor. „Eine gute Suppe braucht Fleisch, ein Dorfschreiber braucht „Eingeborene“. Sonst hängt er in der Luft“, ist sich Mensing sicher.

Hermann Mensing

Natürlich zieht es ihn auch nach Alverskirchen. Gerne benutzt er die plattdeutsche Variante Alvinskerken. Dort spürt er eine tamilische Detektivin auf, die ihm ihr Leben offenbart. Auch Annette von Droste-Hülshoff ist in dem Buch zu finden, deren familiäre Wurzeln bekanntlich in Everswinkel sind. „Bis bald, Kollegin. Wir sehen uns“, schreibt Mensing am Schluss eines fiktiven Briefes an die berühmte Schriftstellerin. Sein Notizbuch, das er immer mit sich führt, und das sich schnell füllt mit den Leben, Marotten und Gedanken der Menschen, die in seiner temporären Heimat leben, ist früh voll mit Anekdoten und Geschichten. Alle sind nicht niedergeschrieben worden. Wie auch.

Musikalischer Abschied für den musikaffinen Autoren

Hermann Mensing hat neben dem Schreiben eine weitere Leidenschaft. Die Musik. Er spielt Klavier und Schlagzeug. „Sie hatten es endlich kapiert, dass man einem Dorfschreiber zum Abschied etwas bieten muss, das ihn in seiner Eitelkeit stärkt und ihm suggeriert, dass sein Aufenthalt Eindruck hinterlassen hat“, schreibt der Roxeler. Für seinen letzten Tag ist ihm vom Kulturkreis eine Überraschung angekündigt worden. Eine, die es in sich haben sollte. Das Blasorchester Everswinkel spielt dem Dorfschreiber, der sich über drei Monate in Everswinkel aufgehalten hatte, den Westfalenmarsch. Er darf über eine roten Teppich schreiten und sich später am Schlagzeug beweisen. Das macht er unter großem Applaus mit Bravour. Am Ende dirigiert Mensing das Orchester sogar. „Feine Sache das. Ein schöner Schlusspunkt. Als ich das Vitus-Dorf verließ, zog eine Gewitterfront heran. Zwischen Wolbeck und Angelmodde begann es zu gießen. Ich wurde klatschnass. Und war glücklich“, heißt es auf den letzten Seiten. Dann schreibt Hermann Mensing noch, er habe sein Herz an Everswinkel verloren. Wie wunderbar. Und das „gelbe Krokodil“? Das ist irgendwo um Seite 80 herum zu entdecken . . .

Das Buch „Das gelbe Krokodil“ von Hermann Mensing ist im Schreib- und Spielwarengeschäft Föllen sowie im Buchhandel erhältlich zum Preis von 14 Euro.

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