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Von wegen „Freund und Helfer“

Frau fühlt sich von Polizei im Stich gelassen

Beckum

Helga Rehmsen kann es immer noch nicht fassen. Ein angeblicher Neffe ruft sie vor einigen Tagen an und fordert 20.000 Euro in bar für ein Immobiliengeschäft. Die 65-jährige Beckumerin wittert Betrug und tut das, wozu die Polizei rät: Sie ruft die Polizei. Doch die kann nicht helfen.

Beate Kopmann

Mit dem so genannten Enkeltrick wollte ein Anrufer bei einer 65-jährigen Frau aus Beckum 20 000 Euro erbeuten. Foto: dpa

Helga Rehmsen wählt die 110.  Vom Handy – und weil der Betrüger sich in dem Moment erneut per Festnetz meldete, kann der Beamte in der Leitstelle das Telefonat sogar mithören. Anschließend gibt er der Frau den Tipp, zur Dienststelle in Beckum zu fahren.

Das tut sie auch. Aber der   Mann, der dort ihre Anzeige aufnimmt, kann ihr nicht weiterhelfen. Er ist allein in der Wache, ein Kripo-Beamter fühlt sich nicht zuständig,  und andere Einsatzkräfte beseitigen gerade eine Ölspur oder klären einen massiven Familienstreit.

Helga Rehmsen

„Ich hatte aber einer Geldübergabe zugestimmt. Deswegen habe ich dem Polizisten gesagt: Sie glauben doch wohl nicht, dass ich jetzt alleine wieder nach Hause gehe.“ Der Beamte verweist darauf, dass die Polizei unterbesetzt sei, überlegt dann aber doch, die Wache abzuschließen und die Frau zu begleiten. Im letzten Moment kann ihm das ein anderer Kollege abnehmen.

Zur verabredeten Geldübergabe ist Helga Rehmsen aber nicht pünktlich zurück.  Ihr Mann berichtet, dass der mutmaßliche Betrüger bereits drei Mal wieder angerufen habe. Kein Grund für den Polizisten zu bleiben.  Als der Beamte außer Haus ist, meldet sich erneut der „Neffe“. Nachdem Rehmsen aufgelegt hat, ruft sie erneut bei der Polizei an und erhält in den Leitstelle einen unglaublichen Hinweis:            Sie solle wieder anrufen, sobald der Mann bei ihr schellt. „Wir sind dann blitzschnell da“. Doch darauf will die Beckumerin sich lieber nicht mehr verlassen. Die Polizei als „Freund und Helfer“ ist ihr inzwischen nicht mehr geheuer.

Polizeisprecherin Susanne Dirkorte-Kukuk  informiert auf Nachfrage unserer Zeitung, dass ihre Behörde inzwischen ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Betruges gegen Unbekannt eingeleitet hat.

Ferner weist die Sprecherin darauf hin, dass die Personalsituation bei der Kreispolizei seit Jahren angespannt ist. „In diesem Fall war es jedoch die konkrete Einsatzlage, die zu dieser Situation geführt hat. Es kann aufgrund von mehreren gleichzeitig stattfindenden oder kräfteintensiven Einsätzen zu Wartezeiten kommen. Die Bearbeitung von Einsätzen, bei denen es um Leib und Leben geht, hat dabei immer Vorrang.“

Deswegen habe sich der Polizist in Beckum vor Ort überzeugt, dass keine Gefahr für das Ehepaar drohte. Nach Rücksprache sei ein weiterer Verbleib des Beamten nicht notwendig erschienen.

Ein Kommentar zum Thema

Das ist übel gelaufen. Seit Jahren wirbt die Polizei dafür, die Bürger sollten vorsichtig sein und im Zweifel lieber einmal zu viel als zu wenig bei der Polizei anrufen. Geradezu vorbildlich hat die Beckumerin diesen Rat umgesetzt, aber sie wurde von der Polizei im Stich gelassen. Die Behörde muss jetzt klären, ob die Wachen – wie von den Polizeibeamten behauptet – unterbesetzt sind. Dann wäre das Land gefordert, mehr Personal zur Verfügung zu stellen. Leider verstärkt der Fall den Eindruck, dass die Polizei oft erst kommt, wenn es schon zu spät ist. Und dass Kripobeamte sich in einer Notsituation nicht zuständig fühlen, ist unglaublich und kaum nachzuvollziehen. - Beate Kopmann

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