1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Kreisseite-warendorf
  6. >
  7. Joachim Fahnemann: „Das übersteigt alles bislang Dagewesene“

  8. >

Interview mit dem Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster

Joachim Fahnemann: „Das übersteigt alles bislang Dagewesene“

Kreis Warendorf

Die Corona-Pandemie wirbelt das Leben der Menschen und mit ihr auch den Arbeitsmarkt durcheinander. Wie wirkt sich all das aus? Joachim Fahnemann, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Ahlen-Münster, begibt sich auf die Suche nach Antworten.

wn

Joachim Fahnemann sieht die Betriebe im Kreis Warendorf und in Münster verhältnismäßig gut aufgestellt. Foto: WN

Das Corona-Virus bestimmt weiterhin in vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens die Politik und das Arbeitsleben der Menschen. Über die Folgen des Shutdowns der Wirtschaft sprach unsere Zeitung mit dem Geschäftsführer der Arbeitsagentur Ahlen-Münster, Joachim Fahnemann.

Herr Fahnemann, alle volkswirtschaftlichen Indikatoren stehen auf Rezession. Wie sehen Sie die Situation im Kreis Warendorf und in Münster?

Fahnemann: Laut den aktuellen Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) dürfte die Corona-Pandemie zur schwersten Rezession in der Nachkriegsgeschichte führen. Nicht alle Regionen werden gleichermaßen betroffen sein. Wirtschaftsregionen, die bereits vor der Pandemie strukturelle Probleme hatten, werden es besonders schwer haben. Die Stadt Münster und der Kreis Warendorf stehen aber wirtschaftlich auf einer soliden Basis und gehören zu den strukturstarken Regionen. Das wird uns in der jetzigen Situation helfen. Dennoch sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt auch hier bereits jetzt schon enorm. Die Zahl der Betriebe, die Kurzarbeit angemeldet haben, übersteigt alles bislang Dagewesene. Die Corona-Krise betrifft alle Branchen, von der Gastronomie über Friseursalons bis hin zu Reisebüros oder Taxibetrieben. Neu ist, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auch Unternehmen getroffen haben, die bislang noch nie mit Kurzarbeit zu tun hatten und auch noch nicht von konjunkturellen Einbrüchen betroffen waren.

Hatten Sie bei den Arbeitsmarktzahlen für April schon einen so klaren Abwärtstrend bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen erwartet?

Fahnemann: Wir haben natürlich damit gerechnet, dass die Arbeitslosenzahlen wachsen. Dass der Anstieg so deutlich ausfällt, zeichnete sich erst wenige Tage vor Veröffentlichung der Zahlen ab. Die Arbeitslosenquote stieg im Kreis Warendorf innerhalb eines Monats um 0,4 Prozentpunkte an. Der Grund ist allerdings aktuell noch nicht so sehr, dass sich viele Menschen nach einer Kündigung neu arbeitslos gemeldet haben. Die Zahl der neu gemeldeten Arbeitslosen stieg im Kreisgebiet gegenüber dem Vormonat eher moderat um nur 130 Personen. Hieran sehen wir, dass Kurzarbeit ein wichtiges Instrument ist, mit dem Unternehmen ihr Personal halten können. Allerdings stellen die Arbeitgeber bei weitem nicht in dem Maße ein, wie sie das üblicherweise im Frühjahr tun. So haben sich 840 Menschen weniger aus der Arbeitslosigkeit wieder abgemeldet, als das im April des letzten Jahres der Fall war.

Wie sehr hilft allen Beteiligten das Kurzarbeitergeld? Auch die Kassen der Bundesagentur sind bei der jetzigen Inanspruchnahme ja nicht unbegrenzt gefüllt.

Fahnemann: Kurzarbeitergeld ist ein sehr wichtiges Instrument, um Betriebe zu entlasten. Es ermöglicht ihnen, bei vorübergehenden wirtschaftlichen Einbrüchen ihr Personal weiter zu beschäftigen. Das hat sich bereits in der Finanzkrise bewährt. Für Betriebe ist es deutlich einfacher geworden, Kurzarbeit in Anspruch zu nehmen. Mit den neuen Regelungen, die aufgrund der Corona-Pandemie in Kraft getreten sind, können Arbeitgeber bereits Kurzarbeit anzeigen, wenn für zehn Prozent der Beschäftigten ein Arbeitsausfall von mindestens zehn Prozent vorliegt. Das hilft den Unternehmen sehr und viele haben bereits von Kurzarbeit Gebrauch gemacht. Seit Anfang März bis zum 26. April haben insgesamt 2 141 Unternehmen im Kreis Warendorf für 27 701 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Wie viele Arbeitnehmer in welchem Umfang konkret betroffen sind, wissen wir allerdings erst, wenn die Kurzarbeit auch tatsächlich abgerechnet wird. Viele Entlassungen konnten jedoch bislang durch den Einsatz von Kurzarbeit verhindert werden. Die Bundesagentur für Arbeit hat glücklicherweise durch ihr sehr wirtschaftliches Handeln in den letzten Jahren aktuell eine Rücklage von 26 Milliarden Euro und damit erst mal ein solides Fundament. Wie viel wir am Ende des Jahres für Kurzarbeitergeld ausgegeben haben werden, können wir aktuell noch nicht abschätzen. Denn noch wissen wir nicht, wie lange die Betriebe in Kurzarbeit bleiben werden und auch nicht, wann der Höhepunkt erreicht ist. Das Kurzarbeitergeld ist aber eine Pflichtleistung, sie wird bei Anspruch immer gezahlt. Niemand muss sich also um die Zahlung sorgen.

Am meisten muss man sich um die Situation im Gaststätten- und Hotelgewerbe sorgen. Muss man nicht befürchten, dass einige Betriebe gleich in die Insolvenz und damit Arbeitsplätze verloren gehen?

Fahnemann: Diese Sorge kann man leider nicht ganz von der Hand weisen. Die Branche ist sicher besonders hart von der Corona-Pandemie betroffen. Aktuell haben knapp 40 Betriebe im Kreisgebiet für rund 320 Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet. Das hilft, die Personalkosten zu verringern. Miete oder andere Kosten fallen jedoch weiterhin an. Deshalb hängt für die Betriebe selbstverständlich vieles davon ab, welche Maßnahmen die politischen Entscheidungsträger beschließen. Das betrifft sowohl die Frage, wann Gaststätten, Restaurants oder Hotels wieder Gäste empfangen können, als auch welche möglichen wirtschaftlichen Unterstützungsmaßnahmen es geben wird. Gleichzeitig sind viele Betriebe sehr kreativ, bieten Außer-Haus-Verkauf an, verlagern Musik-Veranstaltungen ins Internet oder vermieten Zimmer für die Nutzung als Homeoffice.

Wie beurteilen Sie die Chancen, dass die Wirtschaft insgesamt wieder auf die Beine kommt? Bis wann rechnen Sie mit einer Erholung des Arbeitsmarktes?

Fahnemann: Bevor wir eine Entspannung am Arbeitsmarkt erwarten können, ist zunächst sicher mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Denn für manche Kündigung, die bereits ausgesprochen wurde, gelten Kündigungsfristen, so dass sich die Menschen erst in den kommenden Wochen arbeitslos melden. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass für einzelne Betriebe trotz verschiedener Maßnahmen wie beispielsweise das Kurzarbeitergeld eine Insolvenz unvermeidbar sein wird. Die Auswirkungen der Corona-Krise am Arbeitsmarkt haben ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Grundsätzlich gehört der Kreis Warendorf aber zu den strukturstarken Regionen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Viele Unternehmen kommen aus Branchen, wie dem Gesundheitswesen oder dem Handel, die nicht extrem stark von konjunkturellen Veränderungen abhängig sind. In einigen dieser Betriebe wird derzeit sogar verstärkt Personal gesucht. Generell sind damit die Voraussetzungen dafür, dass sich der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft trotz der Einbrüche wieder erholen können, gut. Das gibt in dieser schwierigen Zeit durchaus Anlass zu Hoffnung und Zuversicht. Vieles hängt aber selbstverständlich davon ab, wie sich die Corona-Krise weiterentwickelt. Für eine Prognose darüber, wann sich Wirtschaft und Arbeitsmarkt wieder erholt haben werden, ist es daher noch zu früh.

Startseite