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Oelder Brauereichef über die Branchensituation und Corona-Konzepte

„So etwas hat es noch nie gegeben“

Oelde.

Man könnte von einer historischen Durststrecke sprechen: Seit 1769 hat eine Krise wie Corona noch kein Chef der Oelder Pott‘s-Brauerei erlebt. Chef Jörg Pott spricht über „extreme Einschnitte“, Konzepte – und die Fußball-EM.

wn

Gut lachen hat Jörg Pott zurzeit nicht. Der Geschäftsführer der Pott‘s Brauerei sieht die Branche in einer einmaligen Lage und hofft, dass das Geschäft bald wieder anläuft. Foto: Pott's Brauerei

Gastwirte schütten ihr abgelaufenes Bier aus, Tauben bevölkern die leeren Stühle und Tische der Außengastronomie, Zapfanlagenverleih fällt aus. Wie lange geht das für die noch gut, die vom Brauen leben? WN-Redaktionsmitglied Jörg Pastoor fragte Diplom-Biersommelier Jörg Pott, Geschäftsführer der Pott‘s Brauerei in Oelde.

Seit einem Jahr geht niemand zu Schützenfesten, Hochzeitsfeiern, Karnevalssitzungen. Wie ernst ist die Lage Ihrer Einschätzung nach?

Pott: Für die Brauereien und alle sonstigen Branchen, die damit verbunden sind, ist die lange Zeit ohne Umsätze im Gastronomie- und Veranstaltungsgeschäft ein extremer Einschnitt. Gerade die kleinen und mittleren Brauereien haben eine starke lokale und regionale Verankerung und sind ein fester und wichtiger Partner der Gemeinden, der lokalen Gastronomie und Veranstaltungswirtschaft. Deshalb haben die mittelständischen Brauereien in der Regel einen höheren Fassbieranteil als die großen Industriebrauereien und sind besonders stark von der Krise betroffen.

Kleine und mittlere Brauereien stark in der Region verankert

Sie haben die Lockdown-Zeit überbrücken können, aber kürzlich gesagt, dass es langsam eng wird…

Pott: Irgendwann muss das Geschäft wieder losgehen. Je länger der Lockdown anhält, desto größer ist die Gefahr, dass Gastronomie- und Veranstaltungsbetriebe von der Bildfläche verschwinden. Damit wären unsere Absätze in diesen Bereichen nicht nur temporär verloren, sondern zu großen Teilen sicher auch langfristig, da nicht davon auszugehen ist, dass die Schließungen durch zahlreiche Neueröffnungen kompensiert werden. Leider gibt das derzeitige Stufenmodell mit den einzelnen Öffnungsschritten auch keine echte Perspektive. Dies ist umso bedauerlicher wenn man bedenkt, dass dort die Hygienemaßnahmen gut kontrollierbar sind und hervorragend umgesetzt wurden – zum Teil mit hohem finanziellen Aufwand für Trennwände, Lüftungssysteme und Digitalisierungsmaßnahmen. Ein weiteres Problem ist, dass es bei den staatlichen Hilfen leider teils immer noch Hürden gibt, die dazu führen, dass die finanziellen Ausfälle nur zum Teil oder gar nicht ausgeglichen werden. Deshalb hoffen wir hier auf Nachbesserung und Unterstützung, um die mittelständische Struktur des Brauwesens und die großartige Vielfalt der Gastronomielandschaft zu erhalten. Eine wichtige Korrektur hat es hier erfreulicherweise gerade erst gegeben, mit der nun auch Brauereigaststätten für die November- und Dezemberhilfe 2020 antragsberechtigt sind. Das ist aber nur eines von mehreren Themen. Die Brauereiverbände und die Brauereien selbst haben hier der Politik bereits weitere Problemfelder und Lösungsansätze aufgezeigt.

Pott über staatliche Hilfen

Haben Sie konkrete Vorschläge, wie sich Ihre Absatzlage verbessern ließe?

Pott: Rund ein Jahr nach Beginn der Pandemie scheint die einzige Antwort der Politik nach wie vor der Lockdown zu sein. Es gibt offenbar immer noch keine klare Strategie, wie wir mit dem Virus leben können. Es muss uns gelingen, mit einer cleveren Test- und Kontaktnachverfolgungsstrategie Corona-Ausbrüche schneller und effektiver zu bekämpfen und damit das gesellschaftliche Leben wieder zurückzugewinnen. Die Einführung der Luca-App ist da ein gutes Mittel – ebenso wie die überall entstehenden Testzentren. Der Anfang ist gemacht. Nun wünschen wir uns, dass die Gastronomie, die funktionierende Hygienekonzepte hat, auch bald vollumfänglich öffnen darf. Das würde am Ende dann auch den Brauereien helfen, etwas entspannter in die Zukunft zu blicken.

„Clevere Test- und Kontaktnachverfolgungsstrategie“ gefragt

Was ist überhaupt dieses Jahr noch realistisch?

Pott: Das hängt stark von der Impfgeschwindigkeit ab. Im Gastronomiegeschäft hoffen wir auf eine kurzfristige Öffnungsperspektive, nicht nur für Biergärten, sondern auch für die Innenbereiche. Größere Veranstaltungen sind wohl frühestens im Spätsommer realistisch. Vielleicht dienen dann erfolgreiche Hygienekonzepte bei der Fußball-Europameisterschaft als Vorbild.

Mit welcher Situation ist die Lage Ihrer Erfahrung nach am ehesten vergleichbar?

Pott: Für die Brauereibranche ist das sicher einzigartig. Der Fassbierverkauf ist 2020 um mehr als 50 Prozent eingebrochen, und dieses Jahr wurde bisher gar kein Fassbier verkauft. Vielfach stehen aktuell sogar negative Absatzzahlen in der Statistik durch zurückgenommene Fässer, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Auch das ist ein Problem des langen Lockdowns und führt bereits seit einigen Wochen zu Warenvernichtungen in den Brauereien. Auch das komplette Festequipment mit Theken, Zapf- und Kühlanhängern steht ungenutzt herum. So etwas hat es vorher noch nie gegeben.

Kann man aus betriebswirtschaftlicher Sicht irgendeine Erkenntnis für künftige Szenarien ziehen – oder war das schlicht höhere Gewalt?

Verschiedene Geschäftsfelder sind wichtig

Pott: Betriebswirtschaftlich gesehen ist es wichtig, verschiedene Geschäftsfelder zu haben, um solche Krisen zumindest etwas besser abfedern zu können. Das war für uns aber auch bereits vor der Krise ein klares Ziel. Der Fokus liegt natürlich weiterhin auf der Produktion und dem Verkauf von regionalen Bierspezialitäten. Zu weiteren Bereichen zählt bei uns aber auch die Lohnabfüllung in Bügelflaschen für Brauereikollegen und das Auftragsbrauen für Brauerei-Startups im „Brauatelier“ – unserer vor rund zweieinhalb Jahren eröffneten Kreativbrauerei. Darüber hinaus ist die gläserne Erlebnisbrauerei zusammen mit unserem Braugasthof „Pott’s Brau & Backhaus“ unser Aushängeschild. Wir können es deshalb kaum erwarten, wieder Gäste bei uns zu begrüßen und mit Herz und Leidenschaft zu bewirten.

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