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Pilger Andre Grave passiert Grenze zu Spanien

„Café con leche“ statt „Café au lait“

Ostbevern

Andre Grave hat den französischen Teil seines Pilgerweges hinter sich gelassen. Dabei hat sich auf der Route durch das deutsche Nachbarland viel verändert. Nicht nur die Landschaft und dass mit zunehmender Nähe zum Ziel in Santiago de Compostela mehr Pilger unterwegs sind, auch die innere Einstellung des Ostbeverners wandelt sich zusehends.

Von Daniela Allendorf

Mit „Pilger-Freundin“ Bea ist Andre Grave viele Kilometer gelaufen und hat zahlreiche Eindrücke und Erinnerungen auf dem Weg quer durch Frankreich gesammelt. Foto: Andre Grave

„Ein letztes ‚Bonne Journée‘ und ‚Merci beaucoups‘ in Richtung Osten, bevor ich strahlend und mit offenen Armen über die Pyrenäen nach Spanien gleite, um hier meine Reise fortzuführen und in etwa vier Wochen beenden werde. Jetzt bin ich aber gerade erst da und möchte es so gut es geht genießen.“

Es läuft gut für Andre Grave. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Gerade liegen unzählige Kilometer des „Camino Frances“ hinter ihm. Dabei ging es dort direkt mit der schwersten Etappe des insgesamt rund 800 Kilometer langen Weges los. Startpunkt: Saint-Jean-Pied-de-Port (SJPDP). Ein Stück, das hatte es in sich hatte. „Weniger die (Höhen-) Meter waren es, die mir sonst die Luft aus der Lunge und den Schweiß auf die Stirn trieben, vielmehr machte mir das Wetter zu schaffen, welches mit dichtem Nebel und nassem Wind einiges an Kälte zu bieten hatte. Sowas war ich ja überhaupt nicht mehr gewohnt. Ich musste das Ortseingangsschild von „Alaska“ wohl übersehen haben“, sagt Grave im Nachhinein schon wieder schmunzelnd. Sonst nur mit Shirt und kurzer Hose bekleidet, musste der Pilger dann doch die Windjacke aus dem Rucksack holen, um sich keine Lungenentzündung einzufangen. Das gelang. Nach fünf Stunden

, 26 Kilometern und 1700 Höhenmetern war der heiße Kaffee mehr als verdient, und „ich konnte das erste mal zurückblicken auf zwei Monate pilgern quer durch Frankreich. Auf viele kleine Abenteuer, immer wieder wechselnde Landschaften, auf ganz viel Hilfe und als glückliches Fazit, dass die Menschen, zumindest die, die ich traf, viel sympathischer sind als ihr Ruf. Jetzt habe ich sie also acht Wochen ‚gedatet‘, die stolze Französin. War Zwischendurch sogar mal ganz verknallt. Wir haben uns kennengelernt, nicht nur Klischees, sondern das echte Frankreich. Ein Urlaubsflirt, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.“

Doch es hat sich auch einiges verändert. Besonders seit der Halbzeit seines Weges in Le-Puy-en-Velay. „Der bis dahin verschlafene Jakobsweg erwacht zum Massenereignis.“

Täglich starten in dem französischen Ort, der von der Einwohnerzahl in etwa doppelt so groß ist wie Ostbevern, rund 200 Pilger. „Viele von ihnen nur wochenweise, was man daran erkennen kann, dass sie in Jeans laufen. Kurz und gut, es wurde voll und dieser Zustand hat sich nach SJPDP, wo wieder viele starten – 2006 auch ein gewisser Hape Kerkeling – noch einmal verschärft.“

Doch nicht nur die Situation um ihn herum verändert sich. „Gleichzeitig merke ich, wie dünnhäutig ich reagiere, gerade bei Tipps und Ratschlägen von anderen, die mit ,du musst...’ beginnen. Am besten von deutschen Männern, die sowohl 30 Jahre älter, als auch 30 Kilogram schwerer sind als ich. Die den ersten Tag laufen, natürlich ohne Gepäck, weil das wird per Taxi geliefert und mit ihren Weisheiten mir erzählen wollen, wie das Spiel funktioniert. Herrlich.“

Jetzt – in Pamplona – merkt der Ostbeverner: „Meine Reise geht bald zu Ende. Ich spüre das. Nicht nur anhand der immer weniger werdenden Kilometer, auch in mir. Eine zufriedene Ruhe nimmt immer mehr Raum ein. Ich freue mich riesig auf die letzten Wochen und Kilometer. Alles ist klar und einfach. Ein Zustand, der sonst eher selten bei mir der Fall ist.“

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