1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Ostbevern
  6. >
  7. Ein ganz besonderes Theater

  8. >

900-Jahr-Feier in Ostbevern mit Kaiserschießen und Heimatabend

Ein ganz besonderes Theater

Ostbevern

„Alle waren hochengagiert. Das Wir-Gefühl ist gewachsen“, sagt Hildegard Tünte-Poschmann rückblickend auf die 900-Jahr-Feier der Gemeinde Ostbevern. Monatelang war im Vorfeld geplant worden, bevor es denn vom 27. August bis zum 4. September 1988 endlich soweit war.

Von Karl-Heinz Kock

„Der Dieb und der Ehebrecher“ lautete der Titel des plattdeutschen Schauspiels, das die Laienspielschar auf die Bühne brachte. Trachten wie in alten Zeiten gab es beim historischen Markt und zum Schützenfest mit dem ersten Kaiserschießen gab es einen großen Umzug durch das Dorf. Foto: Klaus Brandes

Monatelang war geplant, gewerkelt, geschrieben und geprobt worden – vom 27. August bis 4. September 1988 war es dann endlich so weit. Die Bevergemeinde konnte ihr 900-jähriges Bestehen feiern und sich den Gästen von ihrer besten Seite zeigen. Die örtlichen Vereine und Organisationen brachten vielfältige Ideen ein, die zum Gelingen der Festwoche beitrugen. „Alle waren hochengagiert. Das Wir-Gefühl ist gewachsen“, weiß Hildegard Tünte-Poschmann rückblickend zu berichten. Und ebenso erfreulich: Die Bürger kamen in Scharen zu den zahlreichen Veranstaltungen.

Gutes Wetter sorgt für gute Stimmung

Das weitgehend gute Wetter während der neun Jubiläumstage trug nicht unwesentlich zur guten Stimmung in Ostbevern bei. Lediglich die Bröcker hatten ein wenig Pech mit den Rahmenbedingungen ihres Dorfbiwaks. Ausnahmsweise mussten einmal die Regenschirme aufgespannt werden. Der Cäcilienchor Brock, der Spielmannszug Frei Weg, der Musikverein Ostbevern und die Volkstanzgruppe des Katholischen Bildungswerkes sorgten für Unterhaltung auf der Bühne, die vor der alten Schule aufgebaut war.

Prominenter Besuch fand sich derweil an der Loburg ein. Der ehemalige Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann stellte sich dort zwei Stunden lang einer Diskussion mit den Oberstufenschülern. Allzu kritisch fielen die Fragen nicht aus, wobei berufliche Zukunftssorgen der Pennäler im Mittelpunkt standen. Informatik und Weltwirtschaftssprachen wie Chinesisch, Japanisch oder Russisch empfahl der spätere Vizekanzler den angehenden Akademikern. Beim Empfang der Kommune trug der Münsteraner sich zudem im Trauzimmer der Gemeinde ins Goldene Buch ein.

Hildegard Tünte-Poschmann

Wesentlich kritischer fielen da schon die Fragen aus, denen sich der Angeklagte im Rahmen der ausverkauften Theateraufführung der Laienschauspielschar stellen musste. „Der Dieb und der Ehebrecher“ lautete der Titel des plattdeutschen Schauspiels von Autor Dr. Hermann Wiegmann, das einen ganz besonderen Bezug zum Jubiläumsdorf hatte. Die dargestellten Gerichtsprozesse haben sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts tatsächlich auf Haus Bevern abgespielt. Trotz aller Bemühungen seines Anwaltes und der Familie endet die Verhandlung für den Dieb nicht gut – er wird zum Tode verurteilt. Glimpflicher geht es für den Ehebrecher aus, der zur Strafe im Büßerhemd hinter dem Pfarrer in die Kirche einziehen und ein öffentliches Gebet für Sünder über sich ergehen lassen muss. Trotz des ernsten Inhaltes bot das Ensemble dem Publikum auch komische Momente und wurde mit viel Applaus belohnt.

Zuschauermagnet Heimatabend

Deutlich ausgelassener ging es auf dem Heimatabend zu – stets ein Zuschauermagnet in der Bevergemeinde. Mehr als 1000 Besucher hatten sich dazu im großen Festzelt auf der Droste-Kampfbahn eingefunden. Sie wurden von Fahnenabordnungen der bannertragenden Vereine begrüßt. Musik und Showeinlagen wechselten sich anschließend in bunter Folge ab. Markus Redbrake und Joachim Meyer zu Wendischhoff demonstrierten in einem Schaukampf die Tricks und Kniffe des Tischtennissports. Alfred Höppener erzählte von lustigen Erlebnissen in der Ehe, in der Kneipe und auf dem Dorfplatz. Und schließlich musste auch noch ein Prominenter im Sack erraten werden.

Zahlreiche Höhepunkte hatte auch das Dorffest in petto. Die Showband Steve Atkins war aus den Niederlanden angereist, um für gute Stimmung zu sorgen. Shanty-Sänger, Volkstanzgruppen und der Ostfriese Jan Willem als „singender Doppelzentner“ mit Gipsbein unterhielten die Gäste, ehe auch mal nachdenkliche Töne angeschlagen wurden. Knut Kiesewetter war als Stargast des Abends verpflichtet worden. „Da war ich auch“, kann sich Tünte-Poschmann noch gut an den Auftritt des Nordfriesen im Münsterland erinnern. Als Glücksfee durfte die spätere Bürgermeisterin zu vorgerückter Stunde damals dann auch noch die Gewinner der Tombola ziehen.

Hildegard Tünte-Poschmann

Aber es wurde nicht nur gefeiert, die Ostbeverner interessierten sich auch für die Vor- und Frühgeschichte ihres Ortes. Walter Finke vom Westfälischen Museum für Archäologie ließ in der Aula der Joseph-Annegarn-Schule den Beginn der Besiedlung an der Bever Revue passieren. Ausgrabungen im Schirl hatten dem Wissenschaftler wenige Jahre zuvor interessante Funde geliefert. Ganz im Zeichen ihres Entwicklungshilfeprojektes in Honduras stand der Tag der Hauptschule – ein Schulfest mit folkloristischen Darbietungen einer eigens gegründeten Tanzgruppe, mittelamerikanischer Küche und einer Ausstellung von Holz- und Textilarbeiten des Partnerprojektes.

Zum Ausklang der 900-Jahr-Feier lachte am ersten Septemberwochenende 1988 noch einmal die Sonne über der Bevergemeinde. Genau die richtigen Voraussetzungen für das erste Kaiserschießen in Ostbevern. Alle fünf ortsansässigen Schützenvereine hatten sich aus Anlass des Jubiläums zu dieser Premiere zusammengefunden. Amtierende und ehemalige Könige durften an den Schießstand treten. Ein ganz besonders erfahrener Anwärter sicherte sich dann den erstmals vergebenen Kaisertitel – schließlich hatte Hubert Deppe 1972 schon in Brock-Nord und 1978 beim Schützenverein Westbevern-Brock den Vogel von der Stange geholt.

20.000 Besucher beim historischen Markt

Fast 20.000 Einheimische und Ausflügler aus umliegenden Gemeinden bevölkerten das umgestaltete Zentrum Ostbeverns beim Historischen Markt. „6000 kamen am Samstag“, freute sich Josef Schulte von der Gemeindeverwaltung, „doppelt so viele am Sonntag.“ Handwerk und Handel aus vergangener Zeit hatten die Veranstalter angekündigt und hielten Wort. Rustikale Bretterbuden, farbenfrohe Trachten und ein Comeback fast vergessener Arbeitsmittel und -methoden sorgten für nostalgische Erinnerungen. Das neuverlegte Pflaster der Hauptstraße wurden zum Tanzen ebenso genutzt wie vom Landwirtschaftlichen Ortsverein zum Dreschflegeln. Strohballen dienten als Sitzunterlage der Open-Air-Kneipe und 50 Buden luden zum Flanieren und Probieren ein. Gaukler, Zauberer, Puppenspieler und Musikanten rundeten das bunte Bild ab.

„Es war rappelvoll beim Markt um die Kirche herum“, kommt Tünte-Poschmann noch heute ins Schwärmen, wenn sie an den Abschluss der Feierlichkeiten denkt. „Viele haben Trachten wie in alten Zeiten angezogen. Da war Begeisterung und ein Wir-Gefühl auf allen Seiten.“ Wohl keiner ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass es gut ein Jahr später schon wieder etwas zu feiern gab - diesmal nicht, weil im Münsterland ein vielbeachtetes Gemeindejubiläum anstand, sondern weil sich nach 28 Jahren der Eiserne Vorhang öffnete und die beiden deutschen Staaten wieder zueinander fanden.

Startseite
ANZEIGE