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Edmund Teuber verfasst Buch über seine Vertreibung aus Schlesien

Erzählt, gelacht und geweint

Ostbevern

„Trotz allem bin ich ein Glückskind“, sagt der Ostbeverner Edmund Teuber mit Blick auf seine Lebensgeschichte von der ein Teil ihn ganz besonders geprägt hat – die Vertreibung aus Schlesien in seiner Jugend. Dieses Ereignis jährt sich jetzt zum 75. Mal. Teuber nahm das zum Anlass ein Buch darüber zu schreiben.

Von Anne Reinker

Edmund und Renate Teuber freuen sich über die Fertigstellung des Buches über die Vertreibung aus Oberschlesien. Das Bild rechts zeigt das Paar 1955 bei einem ersten Ausflug nach Bad Rothenfelde. Unten ist Edmund Teuber 1953 mit seinem ersten Motorrad zu sehen Foto: Anne Reinker/privat

Erlebnisse in der Kinder- und Jugendzeit prägen mitunter ein Leben lang. Sind diese verbunden mit Kriegsgeschehen, umso mehr. Das ist auch bei Edmund Teuber so. Viele schreckliche, aber auch manche dankbar machende Erinnerungen an die Vertreibung seiner Familie aus Schlesien und den Neuanfang in Westfalen erfüllen ihn und bewegten ihn dazu, diese ausführlich in einem Buch festzuhalten. Mit Blick auf seine Lebensgeschichte sagt er: „Trotz allem bin ich ein Glückskind.“

Schon vor mehreren Jahrzehnten begann Edmund Teuber, sein Erlebtes zu notieren. Bestärkt von seiner Familie – allen voran Ehefrau Renate – wagte er den Schritt, dieses in einem Buch zu veröffentlichen. „Ruhige und bewegte Zeiten meines Lebens“, nannte er sein Werk. Für ihn eine emotionale Reise zurück in schlimme Jahre. Am heutigen Samstag jährt sich seine endgültige Vertreibung aus Oberschlesien zum 75. Mal.

Edmund Teubers über hundertseitiges Buch umfasst vor allem die Kinder- und Jugendzeit, die Vertreibungen aus Schlesien und der Neubeginn in Ostbevern.

Die Wiege Edmund Teubers stand in Altewalde, Kreis Neisse in Oberschlesien. Bis er und seine Familie 1946 durch Polen vertrieben wurden, war der elterliche Hof sein Lebensmittelpunkt. „Was den Krieg betraf, erfuhren wir von unseren Lehrern immer nur die guten Neuigkeiten“, erzählt der Ostbeveraner. Der politische Gedanke der Nationalsozialisten sei verstärkt in die Schulen getragen worden. „Kinder und Jugendliche sind so leicht zu beeinflussen“, sagt Edmund Teuber mit einer leichten Betroffenheit in seiner Stimme.

Dass er ein Glückskind ist, wurde ihm schon als Sechsjährigen bewusst, als er einen starken Stromschlag überlebte. Zudem wuchs er in einem für damalige Verhältnisse privilegierten Zuhause auf, das der harten Arbeit und der Einsatzbereitschaft der Eltern zu verdanken war. Auf die harten Zeiten während der Vertreibungen hatte dies allerdings kaum positiven Einfluss. Das Erleben von Tod, Folter und Gewalt, der Umgang mit den vielen Toten in der unmittelbaren Umgebung, der Verlust des Elternhauses und der schwierige Beginn in der Bevergemeinde waren für ihn und seine Eltern prägend.

„Der Verlust der Heimat traf uns schwer“, erklärt Edmund Teuber. Ein Schicksal, das er damals mit zwölf Millionen Menschen teilte. Hinzu kamen die Schikanen und Gewalttaten der Eroberer, die Rache und Vergeltung übten. Man war dem Vertreibungsterror schutzlos ausgeliefert, erinnert sich der Senior.

Am 13. Juni 1946 musste die Familie mit der zweiten Vertreibung endgültig ihre Heimat verlassen und wurde gut zwei Wochen später nach der Ankunft in Warendorf der Gemeinde Ostbevern zugewiesen. „Seit dem 28. Juni 1946 bin ich Ostbeverner Bürger“, berichtet Edmund Teuber stolz.

Doch was sich erst einmal so einfach anhört, war mit vielen Strapazen und einschneidenden Erfahrungen verbunden. Die schwere Zeit bis dahin und das Gefühl des Nichtwillkommens hier haben Edmund Teuber in seinem Leben gelenkt. „Uns allen war damals längst bekannt, dass wir hier nicht mit offenen Armen aufgenommen werden“, erinnert sich Teuber. „Integration gab es damals kaum.“

Dass diese dann doch gelang, ist einigen Bürgern und den Gegebenheiten in Ostbevern und der Region zu danken. Der Familie ist in der schlechten Zeit auch sehr viel Gutes zuteilgeworden. „Noch immer begleitet mich die Erinnerung an viele hilfsbereite Menschen, die bis heute Freunde geblieben sind“, sagt der 88-Jährige. Edmund Teuber konnte wieder zur Schule gehen, eine Ausbildung beginnen und ab dem Jahr 1966 als technischer Angestellter und Meister der Landesversicherungsanstalt arbeiten.

Einen großen Halt fand er auch in der Kolpingsfamilie, der er sich anschloss und die eine Art zweites Zuhause für ihn wurde.

Das neue Zuhause fand die Familie Teuber 1957 in der Eichendorff-Siedlung, die vorrangig für bauwillige Vertriebene geplant wurde. „Die nicht von den Vertriebenen erstellten Häuser, die schon vor 1945 erbaut wurden, nahmen den Namen Eichendorff-Siedlung nicht an und nennen sich noch heute Dorfbauerschaft“, erklärt Edmund Teuber. „Diese Tatsache und die Hausnummernverteilung sorgt oft für Verwirrung bei Fremden, die diese geschichtlichen Zusammenhänge nicht kennen.“

Als Glückstag bezeichnet der Senior den Tag des Kennenlernens seiner späteren Frau Renate, die eine ähnliche Lebensgeschichte hat und aus der damaligen DDR flüchtete.

Seine Herkunft hat Edmund Teuber nie vergessen und seinem Geburtsort erstmals 1974 einen Besuch abgestattet. Ein großer Wunsch ging ihm in Erfüllung, als er 2007 seiner Frau und den drei Kindern seine verloren gegangene Heimat zeigen konnte. „Ich habe viel erzählt, wir haben viel gelacht und geweint“, berichtet er heute von der emotionalen Reise zurück in seine Kinder- und Jugendzeit.

Dankbar sei er über die Möglichkeit, vielen Bekannten seine Heimat gezeigt haben zu können und so besser begreifbar zu machen, was der Verlust von Heimat bedeutet. Ein Ostbeveraner habe einmal gesagt: „Edmund, erst wenn man wirklich selber sieht und spürt, was Heimat für Vertriebene bedeutet, kann man den Schmerz verstehen. Erst jetzt ist mir bewusst, wie es euch bei eurer Ankunft in Westfalen gehen musste.“

Oft hat sich Edmund Teuber gefragt, ob er wirklich die düstere Zeit seiner Jugend veröffentlichen soll. Schwergefallen sei es, die Geschehnisse von früher wieder aufleben zu lassen.

Die Gründe dafür bewogen ihn, sich erneut damit intensiv auseinanderzusetzen. Nicht nur wollte er seiner Familie tiefe Einblicke in seine Lebensgeschichte ermöglichen, sondern auch der Allgemeinheit eine wichtige Botschaft mitgeben: der Erinnerung und Mahnung für Frieden und Gerechtigkeit.

Ab dem 28. Juni, genau 75 Jahre nach der Eingemeindung Teubers, ist das Buch des Wahl-Ostbeveraners in den Buchhandlungen unter der ISBN 978-3-95780-236-1 für 19,90 Euro erhältlich.

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