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Kleines Notizbuch auf großer Reise

Werner Schubert befasst sich mit 130 Jahre umfassenden Aufzeichnungen der Familie Eilermann

Ostbevern

Werner Schubert hat sich in den letzten Monaten mit einem kleinen Notizbuch befasst. Darin: Eine große Reise. Drei Generationen der Familie Eiermann haben zwischen 1750 und 1879 darin ihre Eintragungen gemacht - inklusive Ausreise nach Amerika. 

Von Daniela Allendorf

Monatelang hat sich Werner Schubert mit den Aufzeichnungen in dem Notizbuch der Familie Eilermann intensiv auseinandergesetzt. Altdeutsche Schrift mit individueller Rechtschreibung und Handschrift galt es zu entziffern. Mit Erfolg. In einem gut 90-seitigen Buch hat Schubert neben der Übersetzung noch zahlreiche Hintergrundinformationen erarbeitet. Foto: privat

Tief hat sich Werner Schubert in den vergangenen Jahren in die der Geschichte der Auswanderer, die aus Ostbevern in die Vereinigten Staaten gegangen sind, eingearbeitet. Mehrere Bücher und Publikationen – unter anderem Listen der ausgewanderten Personen – hat er verfasst und unzählige Informationen zusammengetragen. Sein jüngstes Projekt in Sachen Auswanderer hat ihn aber ganz besonders beschäftigt. Ja, es hat ihm geradezu schlaflose Nächte bereitet.

Im Herbst 2020 erfuhr der Ostbeverner von einem kleine Notizbuch, welches zwischen 1750 und 1879 von drei Gerenationen der Familie Eilermann mit Informationen gefüllt worden war. Zunächst noch mit allerhand Notizen über das Geschehen in der Bevergemeinde, später dann – nach der Ausreise – auch aus Amerika, genauer gesagt aus dem Bundesstaat Ohio.

Seltene Aufzeichnungen

Das Notizbuches der Familie Eilermann aus der Bauerschaft Schirl liegt Werner Schubert als Kopie vor. Erfahren hat er davon, „als mich sein Besitzer aus Piqua im Bundesstaat Ohio um Hilfe beim Lesen und Verstehen des Buchtextes bat. Vermittelt hatte diesen Kontakt Prof. Dr. Walter Kamphoefner von der Texas Universität, der von meinen Forschungen zur Auswanderung aus Ostbevern nach Nordamerika wusste. So kamen diese interessanten und in ihrer Art außergewöhnlich seltenen Aufzeichnungen von drei aufeinanderfolgenden Generationen der Familie Eilermann nach Ostbevern zurück. Die erstaunliche Bandbreite der Themen von 1750 bis 1879 umfasst politisches und soziales Leben, Krieg und Naturereignisse“, ist Werner Schubert immer noch beeindruckt von diesem außergewöhnlichen Fund.

Einfach gestaltete sich die Aufgabe für den Heimatforscher aber keineswegs. Sind die Aufzeichnungen doch alle handschriftlich und – wie Werner Schubert feststellen musste – in ganz individueller Rechtschreibung. Bei der Schrift handelte es sich um die damals gebräuchliche altdeutsche Schrift. Diese ist ähnlich zu der Sütterlinschrift, die allerdings erst um 1915 in Preußen eingeführt wurde.

Werner Schubert

Die Aufzeichnungen beginnen am 15. April 1721. Als erster Schreiber sei Jürgen Heinrich Eilermann zu identifizieren. Was Werner Schubert hingegen nicht herausfinden konnte, war den Grund für Eilermanns Aufzeichnungen. Der Ostbeverner hatte sich nämlich mit den Schicksalen der Wiedertäufer von Münster in den Jahren 1534 und 1535 auseinandergesetzt. Ob er von den rund 200 Jahre vorher stattfindenden Ereignissen so beeindruckt gewesen sei, dass er sie aufzeichnete, gehe aus dem Buch nicht hervor, so Schubert.

In einem weiteren Eintrag von Jürgen Heinrich Eilermann gehe es um die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, berichtet Werner Schubert. Unter anderem sei in dem Notizbuch dezidiert aufgezeichnet, wie seinerzeit der Schultenhof Rottwinkel im Schirl aufgeteilt worden sei – in genau acht nahezu gleichgroße Kötterstellen: Aertker (56 Morgen), Ban­kemper (heute: Brune, 58 Morgen), Bücker (heute: Lütjen, 66 Morgen), Burlage (heute: Olgemöller, 48 Morgen), Buschjohann (heute: Nolle-Buschmann, 56 Morgen), Krieg (71 Morgen) und Rottwinkel (58 Morgen). „Auch hier sind die Beweggründe für die Aufzeichnung, nach mehr als 100 Jahren, nicht direkt schlüssig, und es können nur Vermutungen angestellt werden“, sagt Werner Schubert. Daneben befinden sich noch Aufzeichnungen über Naturkatastrophen in den Jahren 1788 und 1791 in dem Notizbüchlein. „Die Ernte ist durch Hagelschlag beziehungsweise wegen eines Kälteeinbruchs auf dem Felde erfroren. Große Hungersnöte gab es in den folgenden Jahren“, so der Heimatforscher.

Der große Komet

Nächste Eintragungen folgten dann von Joan Bernard Sudhues, der nach der Heirat mit Anna Maria Elisabeth Eilermann im Jahr 1802 den Namen Eilermann übernahm. Den Aufzeichnungen sei zu entnehmen, wie sehr die Ostbeverner Bevölkerung in den Jahren 1800 bis 1802 unter den wechselnden politischen Strukturen mit immer wieder neuen Obrigkeiten gelitten hat.

Auch der große Komet, der am 25. März 1811 erstmalig und danach für acht Monate sichtbar war, sei als ein beeindruckendes und beängstigendes Naturereignis aufgeschrieben worden. Eine Zeile aus dem Bericht dazu lautete: „Laßen ein Comet Sterne kamen am Frimmament mit eine Buchte wahr ihr Schwanz….“. Diese Zeile lässt erahnen wie Schubert bei der „Übersetzung“ manchmal verzweifelte, andere Experten kontaktierte, bis sich ein Sinn aus dem Text ergab.

1840 sei die Familie Eilermann dann nach Amerika ausgewandert. Vor der Ausreise wurde der Hof verkauft und in Parzellen aufgeteilt. Das Ziel der Auswanderung war Fort Loramie. „Nach der Auswanderung und dem frühen Tod des Vaters hat der älteste Sohn Joan Georg Eilermann, das Notizbuch weitergeführt“, berichtet Schubert. Diese Aufzeichnungen beschränkten sich aber auf Eintragungen von Geburten, Todesfälle werden später nachgetragen, auf Nachweise von Schulden und Verkäufen von Tieren (Schaf und Pferd) sowie Lebensmitteln (Speck) und Wolle, sowie auf den Verweis, wer Erwerber gewesen ist.

Auf gut 90 Seiten zeigt Werner Schubert die Kopien der Blätter des Notizbuches. Auf der gegenüberliegenden Seite findet man die „Übersetzung“ – unter Beibehaltung der damaligen Schreibweise und Ausdrucksform. Darüber hinaus hat er weitere Ausführungen zur Erläuterung des Zeitgeschehens – vom geschichtlichen und sozialgeschichtlichen Hintergrund, von der politischen Entwicklung, der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Auswanderung der Familie Eilermann – als Kurzinformationen für interessierte Leser eingearbeitet, um die Aufzeichnungen besser einordnen und verstehen zu können.

Wegen der Pandemie ist eine Präsentation des Buches bisher nicht möglich gewesen, schreibt der Heimatverein. Sollte sich die Lage wieder entspannen, will Schubert das aber nachholen.

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