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Pilgerreise für Flutopfer

Ostbeverner wandert nach Santiago de Compostela – die Hälfte des Weges ist bald geschafft 

Ostbevern

Es ist einer dieser Tage, an denen es so gar nicht recht laufen will. Träge startet Pilger Andre Grave von einem Campingplatz in Frankreich. Doch was so mühsam begann, entpuppt sich am Ende als unvergesslich. Bald schon hat Grave die Hälfte des Weges nach Santiago de Compostela hinter sich gebracht. Und noch immer läuft er für die Opfer der Flutkatastrophe in der Eifel.

Von Daniela Allendorf

Eine der vielen Begegnungen, die Andre Grave auf seiner Pilgerreise nach Santiago de Compostela nachhaltig beeindruckt hat, war die mit Margo und Jan. Foto: Andre Grave

„Jakobsweg? Warum machst du das, Andre?“ Eine Frage, die ihm häufig gestellt werde, erzählt Andre Grave, der seit dem 6. Juli auf dem Weg von Ostbevern nach Santiago de Compostela ist. Die Antwort findet sich in zahlreichen kleinen und größeren Geschichten, die der 30-Jährige auf seinem Weg erlebt. Eine davon ist die von Margo und Jan:

„Es war einer dieser Tage, die sehr schwerfällig beginnen sollten, bei dem ich das Gefühl hatte, ich kommt nicht vorwärts, wie als wäre ich festgeklebt. Wie in diesen Träumen, in denen man weglaufen will vor irgendwas und man kommt nicht von der Stelle, genauso fühlte sich dieser Morgen an“, schreibt Grave später für sich auf.

Aufgewacht ist er an diesem Morgen auf einem Campingplatz in Frankreich. Die 45 Kilometer des Vortages stecken ihm noch in den Knochen. Es ist heiß. Es ist laut. Unwillig packt der Pilger sein Hab und Gut zusammen. Träge. Vergesslich. Trotzdem ein kurzer Moment guter Laune: „Bevor ich losging gab‘s noch eine Rasur. Und damit ich nicht vergesse über mich selbst zu lachen, hab ich mir einen fetten Schnuppi stehen lassen“, notiert er später.

33 Kilometer – bei rund 30 Grad

Die Tagesetappe: 33 Kilometer – bei rund 30 Grad Celsius. Eine alte Römerstraße der Weg. Nur geradeaus, am Ende noch ein paar Hügel, fertig. Soweit die Theorie. Doch die Trägheit bleibt. Die alte Militärstraße zieht sich kilometerlang schnurgerade, links und rechts nichts außer Felder. „Ich mittendrin und hatte keine Lust mehr. Warum?“ Eine Antwort gab es in diesem Moment nicht. Stattdessen: Asphalt mit kleinen Kieselsteinen, die immer wieder in die Schuhe rutschten, laute Trecker mit Anhängern, die dem Pilger Heu und Staub ins Gesicht blasen. Die Laune bleibt am Nullpunkt. Besserung ist nicht in Sicht. Es folgt ein „verflucht steiler Anstieg“ über den Berg. Bei der spärlichen Markierung der Muschelsymbole im Wald und als ihm dann noch das Wasser ausgeht, fällt seine Laune endgültig ins Bodenlose. In diesem „dünnhäutigen, labilen Zustand“ kreuzt ein anderer Wanderer den Weg. Schon aus der Ferne winkend, gab es ein fröhliches „Bonjour“ für den Ostbeverner. „Dein Bonjour kannst du dir, zusammen mit deinem Baguette und deiner Käseplatte unter dem Arm, sonst wo hinstecken, du ekelhaft gut gelaunter Mensch“, schießt es durch Andre Graves Kopf, der nicht mehr als einen zuckenden Mundwinkel als Alibilächeln für den Mittfünfziger mit blonden Haaren und 80er-Jahre-Rucksack übrig hat.

Drei Stunden später – es ist inzwischen 19 Uhr – kommt der Ostbeverner in der kleinen Stadt Bourbonne-les-Bains an und hat nur noch Hunger. Doch eine Mahlzeit ist nicht in Sicht. Denn die Supermärkte schließen abends oft bereits um 19 Uhr. Vier Bars und Restaurants später, sieht es nicht besser aus. „Entweder keine oder geschlossene Küche. Freitags? 19 Uhr? Geschlossene Küche? Ich glaube mein Schwein pfeift la paloma! Ich war schon im ,Scheißegal-Modus’ auf dem Weg ins Hotelrestaurant, um mir Bruschetta und Pesto Nudeln für 37 Euro reinzuschaufeln, bis mir auf dem Weg dahin ein Passant, der mein Leiden wohl mitbekommen hatte, sagte ‚Pizzeria après Hôtel‘.“

Der Silberstreif am Horizont: „Après kannte ich von Après-Ski. Verstand also was er sagte und ging, nach einem schnellen, aber ernst gemeintem Merci zum beschriebenen Ort, setzte mich und wusste: Ab jetzt wird alles besser.“ Als er versucht die Speisekarte zu entziffern und die unbekannten französischen Wörter irgendwie einzuordnen und herzuleiten, sieht er plötzlich im Augenwinkel jemanden vor sich stehen. „Oh ne, dachte ich leise. Bitte geh, ich will nicht reden. Ich will essen und schlafen.“ Und trotzdem wandert Gaves Blick nach oben: Da stand er wieder. Der Mann mit den blonden Haaren, 80er Jahre Rucksack und schlechtem Timing. Schon wieder. „Oh nein – schrie es mit brennendem Scheiterhaufen in meinem Kopf“, schließlich ist die gute Laune an diesem Tag noch immer nicht wiederhergestellt. Aber es dauerte nur zwei Sätze lang, da sind die Flammen erloschen. Schlechte Laune, schlechte Gedanken? Verflogen! Denn als der Fremde sagte: „Hi, ich bin Jan, wir haben uns heute Nachmittag beim Wandern getroffen. Ich habe gesehen, du bist auf dem Weg nach Santiago, das ist toll. Ich sitze da in der Ecke mit meiner Frau Margo, wir haben ein Haus am Stadtrand, wenn du willst, kannst du heute Abend bei uns schlafen. Ich kann dich morgen früh wieder herbringen. Überleg es dir, wir haben Platz und würden uns freuen. Bis später.“ Dann geht er wieder.

„Jan und Margo kommen aus Utrecht in Holland, haben vor 15 Jahren eine leerstehende Ruine in Frankreich gekauft und sie nach und nach renoviert. Jetzt ist es ihr wunderschönes Sommerhaus und Rückzugsort. Jan geht Mitte August 800 Kilometer quer über die Pyrenäen und hat an diesem Tag eine Trainingseinheit gemacht, als wir uns trafen. Margo macht individuelle Grabsteine für besondere (letzte) Kundenwünsche. Das und noch mehr erzählten sie mir bei Tee und Rotwein am Lagerfeuer ihres Hauses. Denn natürlich habe ich ja gesagt und bin mitgekommen.“

Pilger Andre Grave ist zur Zeit in Frankreich unterwegs. Foto: Andre Grave

Abends, als der Ostbeverner, der in der kommenden Woche bereits die Hälfte des Weges nach Santiago de Compostela hinter sich bringt, im Bett liegt, kreisen die Gedanken noch um den absurden Tag. Schon erstaunlich wie schnell sich ein Gefühl ändern kann und eine einzige Begegnung aus einem schlechten Tag einen unvergesslich Guten macht. Dankbarkeit und glückliche innere Ruhe begleiteten ihn so in den Schlaf. Und genau diese Erkenntnis ist seine Antwort für diesen Tag: „Jakobsweg! Deswegen mache ich das.“

Am nächsten Morgen im Badezimmer ist sein Lachen nicht zu überhören: „Ich hatte ja noch diesen Schnurrbart.“ Die gute Laune? Endgültig wiederhergestellt.

Spenden für Flutopfer sind willkommen

Ein bisschen Wehmut überkommt Andre Grave jedoch beim Gedanken an dieses Wochenende. Denn in seiner Familie stehen Feierlichkeiten – ein Geburtstag und eine Hochzeit – an, die im kleinen Kreise begangen werden sollen. Leider könne er nicht persönlich dabei sein, aber „welche Entschuldigung kann besser sein, als Spenden für die Hochwasseropfer in der Eifel zu sammeln?“ Für alle Spender, die Spendenquittungen benötigen, werden diese über die „Aktion Lichtblicke“ ausgestellt.

Wer Andre Grave bei seiner Sammlung für die Flutopfer unterstützen möchte, der kann dies unter der IBAN DE36 4036 1906 7807 6785 01 tun. Die Spender, die eine Spendenquittung brauchen, bittet Andre Grave im Verwendungszweck den Namen oder das Unternehmen sowie die Adresse anzugeben.

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