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Pilger Andre Grave: Aus Reise wird Spendenlauf

Wasser, Müll und Obdachlosigkeit

Ostbevern

Auch wenn Andre Grave auf dem Jakobsweg unterwegs ist. Die Bilder der Katastrophe in und rund um das Ahrtal lassen ihn nicht los. Daher hat er eine Spendenaktion initiiert.

Von Daniela Allendorfund

Auch wenn Andre Grave auf dem Jakobsweg unterwegs ist. Die Bilder der Katastrophe in und rund um das Ahrtal lassen ihn nicht los. Foto: privat

Eigentlich sollte die zweite Woche seiner Pilgerreise eine ganz besondere werden. Wie besonders oder vielmehr außergewöhnlich sie wurde, das ahnte Andre Grave jedoch nicht. In Köln traf sich der Ostbeverner mit seinem Vater Bernhard, um eine Woche mit ihm gemeinsam zu pilgern. „Mein Vater hatte sich extra eine Woche Urlaub genommen, um mich auf meinem Weg durch die Eifel zu begleiten“, erzählt Andre Grave. Das Ziel der beiden: Prüm, auf dem Jakobsweg von Köln aus eine Strecke von ungefähr 130 Kilometern. Dabei hatten sie Tagesetappen von je 26 Kilometern eingeplant. Ein ambitioniertes Ziel, wenn man nicht durch die platte Ebene des Münsterlandes wandert, sondern durch die Eifel.

„Da jeder mitbekommen hat, was in dieser Woche in der Eifel passierte, die gute Nachricht zuerst: Samstagabend pünktlich zum Glockenschlag um 18 Uhr trafen wir am Kirchplatz in Prüm ein – erschöpft, verwirrt, betroffen, aber glücklich und stolz, dass wir es geschafft haben“, erzählt Andre Grave, immer noch unter dem Eindruck der vergangenen Tage stehend. „Ehrlicherweise habe ich das von mir erwartet, ich war schon eine Woche unterwegs, also aufgewärmt, hatte meinen Rucksack perfekt gepackt und bin 30 Jahre jünger als Papa, weshalb meine Freude und mein Stolz ganz klar ihm gewidmet waren. Gut gemacht Paps.“

Doch die Zeit zwischen Auszug aus Köln und Einzug in Prüm habe eine Gefühlspanne so lang wie die Strecke selber gehabt. „Zwischen Freud und Leid, zwischen Ruhe und Geschrei, Ordnung und Chaos, zwischen Leben und Tod – all diese Dinge lösten sich innerhalb eines Tages, einer Nacht, einer Minute, sogar eines Augenblicks ab. Der Dauerregen von Mittwoch wurde Starkregen in der Nacht zu Donnerstag und endete im Trümmerfeld am nächsten Morgen“, versucht der 30-Jährige die Erlebnisse in Worte zu fassen. „Als wir beide gegen 8.30 Uhr aus dem Hotel in Euskirchen losgingen, ahnten wir noch nicht, was kommen sollte. Zwar war der Strom im Hotel nachts abgeschaltet worden, das Wie und das Warum sahen wir dann auf den Straßen – Bilder, die an diesen Tagen im ganzen Land zu sehen waren, die bis heute Thema sind und noch Monate in den Orten der Betroffenen Thema bleiben werden. Chaos. Überschwemmungen. Müll. Obdachlosigkeit. Verlust von Menschen, von Häusern, Tieren, Autos, Verlust ganzer Existenten. Überall roch es nach Heizöl, das aus den Tanks der überfluteten Keller austrat und auf die Straße gespült wurde. Durch die Gullideckel wurde der Inhalt der Kanalisation wieder hochgespült. Alles war voll. Das Wasser konnte nicht mehr weg. Autos lagen kreuz und quer übereinandergestapelt wie ein Kartenhaus oder wie schlecht eingeparkt in zerbrochenen Fensterscheiben lokaler Geschäfte.“

Und Andre Grave erinnert sich genau an eine irgendwie irritierende Begegnung am Abend vor der Katastrophe: „Da gab es diese eine Frau mit Hund an der Leine, sie sagte zu uns mit Angst in den Augen: „Das gab’s noch nie, wir werden alle absaufen.“

Immer und immer wieder hätten sich die Bilder im Laufe der Woche wiederholt. Dutzende Male in allen Nachbarorten entlang des „kleinen“ Flüsschens bis hin zur luxemburgischen Grenze. „Die Menschen änderten sich, das Gefühl in uns aber nicht. Es blieb Fassungslosigkeit.“

Und aus dieser Fassungslosigkeit heraus, entwickelte sich bei Grave der Wille, den Betroffenen zu helfen. Das wiederum mit Hilfe von Freunden und Unterstützern. Seine Idee: „Ich will meine Reise als Spendenlauf nutzen. Jede und jeder, der sich angesprochen fühlt, kann pro Kilometer einen Kleinstbetrag spenden“, sagt Grave. Und erläutert weiter: „Sagen wir einen Cent pro Kilometer. Falls ich bis Santiago komme, sind das 3000 Kilometer, also 30 Euro über einen Zeitraum von vier Monaten, also nicht viel. Wenn aber viele mitmachen: 100 Menschen, 1000 Menschen; mit Telgte und Westbevern zusammen vielleicht 5000 Menschen. Vielleicht machen die großen lokalen Firmen auch mit und geben einen Euro pro Kilometer. Vielleicht zwei Euro. Da gibt’s keine Grenzen. Groß denken und trotzdem Schritt für Schritt. Mein tägliches Mantra.“

Das „Kilometergeld“, was Grave auf diese Weise „erwandert“, soll am Ende zu 100 Prozent an die „Aktion Lichtblicke“ gehen und so die Flutopfer in der Eifel unterstützen.

Mit jedem Kilometer, den es für ihn weiter Richtung Süden ging, wurden auch die Spuren der Katastrophe weniger. Der Wille, zu helfen aber blieb. Inzwischen ist der Ostbeverner in Frankreich angekommen. Ein Land, mit dem er „erst noch warm werden muss“, wie er es beschreibt. „Seit vier Tagen bin ich in Frankreich, gerade auf einem Campingplatz und esse zum Frühstück ganz klischeehaft vier Croissants. Frankreich und ich sind noch keine Freunde geworden. Ist alles hier noch wie beim ersten Date. Man tastet sich ab, lernt sich kennen, wird missverstanden – aber irgendwie auch alles ganz süß. Mal sehen, wie wir uns verstehen. Ich habe ja noch 1700 Kilometer Zeit. Und falls es nichts wird, wartet noch die alte Liebe Spanien auf mich“, schreibt Grave in seiner letzten Nachricht.

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