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Lese-Zeitreise in die Welt münsterländischer Adelssitze

Alltagswelt und große Gefühle

Sassenberg

Tagebücher, Briefe, Gedichte, Rechnungen: All diese Quellen erzählen, wie sich der Alltag in den Herrenhäusern des Münsterlandes vor etwa 200 Jahren gestaltete. Was stand auf dem Speisezettel? Wer saß an welchem Tisch mit? Eine Lese-Zeitriese in die Welt münsterländischer Adelssitze um 1800. Den Anfang machte Haus Harkotten in Sassenberg-Füchtorf.

Von Ulrike von Brevernund

Die beiden Schauspieler Carsten Bender und Carolin Wirth liehen den Adeligen ebenso wie anderen Quellen aus der Vergangenheit ihre Stimmen . Hausherrin Myriam Freifrau von Korff (l.) und Dr. Birgit Gropp hatten das Material der Lesung zusammengestellt und den Abend moderiert. Foto: Ulrike von Brevern

Wie lebte es sich eigentlich um 1800 auf einem Adelssitz im Münsterland? Auf diese Frage erhielten rund 25 Zuhörer bei der Lesung „Alltagswelt und große Gefühle“ im Foyer von Haus Harkotten eine sehr persönliche Antwort. Der intime Rahmen war zwar der Pandemie geschuldet, passte aber gut. Ging es doch um Tagebücher, Briefe, Gedichte, Rechnungen. Aber auch anderer Texte hatte Moderatorin Dr. Birgit Gropp, die sich seit 2019 intensiv mit der Geschichte des Hauses Harkotten beschäftigt, zusammengestellt, um die Zeit gesellschaftlichen Umbruchs vor gut 200 Jahren lebendig werden zu lassen. In den kommenden drei Monaten tourt die Veranstaltung durch das Münsterland.

Ein dunkler Esstisch, von der Leselampe nur spärlich beleuchtet, war die einzige Requisite für die beiden Münsteraner Schauspieler Carolin Wirth und Carsten Bender, die den Adligen, Autoren und Verwaltungskräften auf der Lese-Zeitreise ihre Stimme liehen. Doch damit erzielten sie eine starke Wirkung. Das Publikum schien live dabei zu sein, wenn etwa August von Korff seine Gedanken zu Papier brachte über den von ihm befürchteten Niedergang der ländlichen Gesellschaft in Folge der Bauernbefreiung. Ebenso lebendig wirkten die Schilderungen von Katharina Busch Schücking über die Höhen und Tiefen einer Badekur in Bad Pyrmont: Kranke sehe man wenige, dafür den puren Luxus und auf die Preise werde überall zehn Prozent aufgeschlagen.

„Vieles kommt uns heute sehr bekannt vor“, sagte Agnes Boes vom Förderverein Harkotten im Anschluss an die Lesung augenzwinkernd. Dazu gehörte auch der Umgang mit einer frisch eingeschleppten Epidemie, im damaligen Fall – der Cholera. Es gab Verschwörungsmythen und ein irrationaler Glaube an obskure Heilmittel. Wie viele andere, setzte man im Hause Korff auf Kupferherzen, die an einem Seidenfaden um den Hals getragen werden mussten. Das setze einen „galvanischen Prozess“ in Gang, der die Cholera homöopathisch bekämpfe.

Seine Stärke ziehen die von der Moderatorin zusammengestellten Quellen oft aus dem Alltäglichen. Dabei geht es auch um diejenigen, die sich um den adeligen Haushalt kümmern. So ist der exakte Aufgabenplan der Köchin überliefert. Harkotten und seine Bewohner stehen im Mittelpunkt, schon deshalb, weil Dr. Birgit Gropp hier forscht. Beleuchtet wird aber auch das Beziehungsgeflecht mit anderen münsterländischen Adelssitzen oder zu Einrichtungen wie dem Freckenhorster Damenstift.

Die Stimmung jener Zeit ist überzeugend eingefangen. Faktenwissen ist schwerer mitzunehmen, denn die damals oft gleichen Namen erschweren gelegentlich die Zuordnung. Da gilt es sehr genau zuhören – oder auf das Buch zu warten, das im April herauskommen soll.

Die nächste Lesung ist am Freitag (3. Dezember) um 17.30 Uhr in der Stiftskammer in Freckenhorst, am 17. Dezember im Museum Abtei Liesborn und am 21. Januar im Sophiensaal in Warendorf.

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