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Überwältigende Spendenbereitschaft für die Ukraine

Andreas Scholz fährt an die Grenze

Sassenberg

Der Neu-Füchtorfer Andreas Scholz fährt zur ukrainisch-polnischen Grenze. Ursprünglich um seine ehemalige Schwiegermutter und vielleicht ein paar Verwandte und Freunde abzuholen. Auf dem Hinweg, so bot er über Soziale Netzwerke an, könne er im Bulli Hilfsgüter mitnehmen. Die Reaktion war überwältigend. Inzwischen muss er schon zusätzlich einen Laster anmieten, um alles mitzubekommen.

Von Ulrike von Brevern

Disponent Andreas Scholz (l.) hat eine Welle an Spendenbereitschaft in Sassenberg losgetreten. Sein Chef Andreas Hollmann, Geschäftsführer von „Hagedorn Schüttgut“, unterstützt ihn nach Kräften. Foto: Ulrike von Brevern

Andreas Scholz ist überwältigt. „Dass das solche Kreise zieht, hätte ich nie gedacht“, sagt er, während das nächste Auto mit Sachspenden auf den Betriebshof von „Hagedorn Schüttgut“ an der Carl-Zeiss-Straße einbiegt. Gerade hat sich ein Freiwilliger verabschiedet, der auch als Fahrer einspringen würde, falls gewünscht. Seine eigentliche Arbeit als Disponent erledigt Scholz souverän parallel per Handy.

Ursprünglich wollte Scholz nur mit einem Bulli Richtung Ukraine aufbrechen – immer die A4 runter, an Krakau vorbei bis zur Grenze. Auf dem Hinweg wollte er Hilfsgüter mitnehmen, auf dem Rückweg Verwandte, die er an der Grenze einzusammeln hofft. Nach dem Überfall auf die Ukraine hatte seine geschiedene Frau, eine Ukrainerin, ihn um Hilfe beten: Was bloß aus ihrer Mutter und den anderen werden solle, die knapp 200 Kilometer südlich von Kiew leben? „Sie sollen zur Grenze kommen, ich hol sie. Am Freitag bin ich da, egal wie“, sei seine Antwort gewesen.

Helga Wiewel hat einiges eingekauft. Foto: Ulrike von Brevern

Die Nachricht über seine Pläne, die der frisch zugezogene Füchtorfer in sozialen Netzwerken absetzte, wurde spontan zum Selbstläufer. Jetzt wird er Mittwochmittag zusätzlich zum Bulli einen 7,5-Tonner abholen und ihn mit all den Spenden beladen.

Helga Wiewel gehört zu denen, die über ihren Kegelverein von der Fahrt hörte und spontan handelte. Babynahrung und Windeln hat sie eigens gekauft, Decken aus dem Haushalt zusammengerafft. „Man hat darauf gewartet, dass man spenden kann, da wo man weiß, dass es auch ankommt“, sagt sie. „Ich habe selbst ein Enkelkind!“ Sicher, sie wolle auch Geld spenden, doch „die Menschen brauchen unsere Hilfe heute! Genau jetzt!“

Unterstützung vom Arbeitgeber Hagedorn

Geldspenden nimmt Scholz gar nicht an. Das ist ihm nun doch zu heikel. Dafür sponsort ihm die Hagedorn Unternehmensgruppe aus Gütersloh den LKW für den wachsenden Berg an Hilfsgütern und hat auch selbst noch fünf Paletten an Lebensmitteln dazu gespendet, erzählt der Disponent. Seine Chefs, die beiden Geschäftsführer Andreas Hollmann und Alfred Winkelmann, hätten seine Initiative spontan mit in die Unternehmensgruppe getragen.

Hollmann weiß, um wie viel schlimmer eine Lage sein kann, wenn man sie mit eigenen Augen sieht. Er war mit seinen Mitarbeitern beim Aufräumen nach der Flutkatastrophe im Ahrtal dabei: „Schrecklich. Das ist live was ganz anderes als die Bilder im TV“, hält er fest.

Scholz hat Erfahrung in unsicheren Gegenden

Blauäugig macht sich Scholz nicht auf den Weg. Er hat jahrzehntelange eigene Erfahrung im Fernverkehr, fuhr nicht nur in den damaligen Ostblock, sondern auch nach Marokko oder in den Iran und Irak. Während seiner Bundeswehrzeit war er in den 90ern unter anderem als Sanitäter im Kosovo.

Scholz Lebensgefährtin Carmen Kennig und ihre Freundin Silva Lehmkuhl entladen weitere Spenden. Ein Karton mit Schmerzmitteln und Verbandsmaterial, den die Füchtorfer Lindenapotheke gespendet hat, und mehrere Kisten voll Decken, die die Firma Biederlack-Logistik aus Greven Silva Lehmkuhl mit auf den Weg gegeben hat. Die Frauen bringen Ordnung in den Spendenberg in der Halle, damit das Laden am Mittwoch zügiger geht.

Silva Lehmkuhl und Carmen Kennig sortieren die Spenden in der Halle von „Hagedorn Schüttgut“. Foto: Ulrike von Brevern

Sonntagabend oder Montag früh will Scholz zurück sein. Rund 1300 Kilometer sind es bis zur polnisch-ukrainischen Grenze. Zwei Tagesreisen mit dem LKW. Zu seiner Ex-Schwiegermutter besteht derzeit kein Kontakt, doch er hofft, sie zu finden. „Sonst nehme ich eben andere Menschen mit“, sagt er. Um die Unterbringung kümmere sich seine Ex-Frau. In Hamm, wo sie lebt, gebe es schon Vorbereitungen für Auffangeinrichtungen.

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