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Musikerlebnis der Extraklasse in St. Johannes

Bönig reizt Eule-Orgel virtuos aus

Sassenberg

Ein Orgelerlebnis der Extraklasse bot Wilfried Bönig in St. Johannes

Von Christoph Schulte im Walde

Wieselflink bediente Winfried Bönig, Domorganist in Köln, Tasten und Pedale der Eule-Orgel, und erzeugte mal zarte sphärische Klänge, mal kraftvolle akustische Attacken. Foto: Christoph Schulte im Walde

Ein großes Publikum hatte sich locken lassen und es wurde mit einem Orgelerlebnis der Extraklasse belohnt. Bei der zweiten musikalischen Andacht in St. Johannes saß Winfried Bönig, Domorganist in Köln, am Orgel-Spieltisch, der eigens vor den Chorraum gerückt worden war. So kamen das Publikum musikalisch wie optisch auf seine Kosten. Auf dem Programm standen herausfordernde Werke.

Naji Hakim ist in der internationalen Orgelszene eine ganz große „Hausnummer“. Der 1955 in Beirut geborene Komponist und Organist, der seit langem in Paris lebt und arbeitet, hat vor allem in den 1980er und 1990er Jahren mit buchstäblich „unerhörten“ Orgelstücken für Furore gesorgt. Eines dieser Stücke trägt den Titel „The Embrace of Fire“, und war bei der Andacht zu erleben – dargeboten von jenem Organisten, dem Naji Hakim es 1986 gewidmet hat: Winfried Bönig.

Hoher Besuch für Sassenberg, denn immerhin ist Bönig nicht weniger als Organist am Dom zu Köln. Und er war als Widmungsträger Garant für eine ziemlich authentische Interpretation des dreisätzigen Werkes, das für ungeübte Ohren vermutlich erst einmal etwas sperrig gewirkt haben dürfte.

Großartig inszeniertes biblisches Bild

Hakims musikalische Sprache nährt sich aus jener eines Igor Strawinsky, eines Olivier Messiaen und gewiss auch den mystischen Klängen, wie Charles Tournemire sie erfunden hat. Gepaart mit Zutaten aus dem reichen Schatz des gregorianischen Chorals und orientalischen Traditionen. Das alles ist Naji Hakim – und just dies macht ihn zu einem einzigartigen Komponisten, wenngleich er sich in der letzten Zeit einer eher bekömmlichen, um nicht zu sagen leicht seichten Ausdrucksweise bedient.

„The Embrace of Fire“ aber gehört zu den Werken, die wohl auch in 50 Jahren noch gespielt werden. Da ist jede Menge los. Und die Eule-Orgel in St. Johannes Evangelist unter Winfried Bönigs Fingern und Füßen lieferte das klangliche Fundament. Mal zart und sphärisch, mal kraftvoll und fähig zu all der akustischen Attacke, die Hakim investiert, um das auf die Erde niedergehende „Feuer“ in Szene zu setzen, von dem Lukas in seinem Evangelium berichtet. Ein großartig inszeniertes biblisches Bild, voll und ganz inspiriert von dem sehr speziellen Klang der Orgel in Sacré-Coeur in Paris, die Naji Hakim jahrelang gespielt hat.

Ganz andere Töne schlägt Herbert Howells an: in seinem Psalm-Präludium, mit dem Winfried Bönig seine Orgelandacht eröffnete, äußert sich die Erfahrung von Leid und Tod im Ersten Weltkrieg. Sanfte Töne, sich kurz einmal aufschwingend, wieder in Sanftheit zurückkehrend. Weit entfernt davon Johann Sebastian Bachs schlichte, aber innig wirkende Choralbearbeitung „Meine Seele erhebt Gott, den Herrn“ – das Magnifikat der Gottesmutter, hier wunderbar kantabel gestaltet.

Orgel lieferte äußerste Reserven

Den ultimativen „Kracher“ lieferte Winfried Bönig, dieser wieselflinke, vom mobilen Orgel-Spieltisch aus agierende Virtuose, mit Louis Vierne: dem Final-Satz aus dessen 6. Sinfonie. Ein echtes Husarenstück, bei dem die Eule-Orgel ihre äußersten Reserven zu liefern hatte.

Und das Publikum? Es bekam einen Organisten zu sehen, der auf den letzten drei, vier Seiten der Partitur mit den Füßen so viel zu tun hatte wie ein Hochglanz-Pianist mit seinen Händen auf den weißen und schwarzen Tasten. Nur dass im Fall der Orgel beides zusammenkommt: oben und unten! Riesiger Applaus des großen Publikums.

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