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Geflügelpest zwingt in den Stall

Hühner im Homeoffice

Sassenberg

Seit dem 22. März gilt für Hühner eine absolute Ausgangssperre. Nicht wegen Corona, sondern wegen der jüngst aufgeflammten Geflügelpestgefahr müssen sie derzeit im „Homeoffice“ ihre Eier legen.Die Geflügelpest ist eine für die Haustiere hochansteckende Viruserkrankung, die oft durch Zug- und Wildvögel übertragen wird.

Ulrike von Brevern

Die Hühner im Hühnerwagen sind die Stallpflicht leid. Wenn Frank Otte in den Wagen klettert, läuft er zur Vorbeugung vorher durch eine Wanne mit Desinfektionsmittel Foto: Ulrike von Brevern

„Leider ist es hier richtig grün“, sagt Frank Otte und blickt etwas traurig auf das lange, saftige Weidegras rund um sein mobiles Hennenheim im Herzen von Füchtorf. Üblicherweise würden die Bewohnerinnen die Grasnarbe raspelkurz halten, eher bis auf den Boden kahl scharren. Doch seit dem 22. März gilt für sie eine absolute Ausgangssperre. Nicht wegen Corona, sondern wegen der jüngst aufgeflammten Geflügelpestgefahr müssen sie derzeit im „Homeoffice“ ihre Eier legen.

Die Geflügelpest ist eine für die Haustiere hochansteckende Viruserkrankung, die oft durch Zug- und Wildvögel übertragen wird. In diesem Fall allerdings ging die Gefahr von einem Hühnerbetrieb in Beelen aus. Deshalb ist Sassenberg auch zweigeteilt: In Füchtorf gilt auf Weisung des Landes Aufstallungspflicht, so wie im ganzen Kreis Warendorf. Weite Teile Sassenbergs liegen jedoch zusätzlich im schärfer reglementierten „Beobachtungsgebiet“ zehn Kilometer um den Ansteckungsherd.

Reinhild Vrochte

Für normale Eierproduzenten ist der Unterschied nicht sehr groß, erklärt Amtsveterinär Dr. Hubert Hemmis. Doch immerhin: Für Thomas und Reinhild Vrochte, die in Sassenberg insgesamt 950 Hennen halten, deren Eier sie direkt vermarkten, bedeutet es, dass sie neue Tiere nur mit Genehmigung und ausführlichem Protokoll in den Bestand holen dürften. Jeder Transport eines Huhns, selbst wenn ein privater Halter mit seinem Tier zum Tierarzt geht, muss im Beobachtungsgebiet angemeldet werden, erläutert Dr. Hemmis. Der direkte Kontakt zwischen Hühnerhof und Eierkäufer muss vermieden werden. An Verkaufsautomaten, wie die Vrochtes sie betreiben, sei allerdings nichts auszusetzen.

Einen Tag lang konnten Vrochtes die Eier ihrer Tiere nicht verkaufen, weil sie auf die Genehmigung warten mussten, erinnert sich Thomas Vrochte an den Beginn der Beschränkungen. Ansonsten beeinträchtige die Seuche kaum, denn die Ställe seien groß genug, so dass die Hühner auch drinnen Bewegungsfreiheit haben. Die Hühner ihrerseits drängten gerade bei Kälte auch nicht unbedingt nach draußen, weiß Reinhild Vrochte. „Das ist wie bei uns Menschen. Einige zieht‘s raus, andere sitzen lieber auf dem Sofa.“ Einzig die Spaziergänger an der Vennstraße vermissen die scharrenden Hühner.

Ähnlich geht es Füchtorfer Fußgängern, erlebt auch Frank Otte. Er kämpft bei seinen 120 Eierproduzentinnen jetzt vor allem mit der Langeweile. Kein Scharren, kein Picken, kein im Sandbaden, stattdessen Leben auf 17 Quadratmetern statt des gewohnten Auslaufs – das lassen sie auf Dauer nicht mit sich machen. Damit sie nicht aus Langeweile aufeinander los gehen, muss der angehende Landwirt für ein Unterhaltungsprogramm sorgen.

Frank Otte

Der frische Strohballen am Eingang etwa gehört dazu. „In einer Woche haben sie den komplett verteilt“, überlässt Otte einen Teil seiner Arbeit absichtlich den Bewohnerinnen. Ein Speiskübel mit feinem Sand lädt zum Wannenbad. Frische Körner, die Otte während des Eiersammelns im Stroh verstreut, wollen zwischen den Halmen gesucht und gefunden werden. Ein Pickstein aus gepresstem Getreideschrot und Muschelkalk dient ebenso der gesunden Ablenkung, wie das Futter selbst, das in Mehlform dargereicht einige Zeit zum Verspeisen braucht. Dennoch geht es den Hühnern im Geflügelpest-Lockdown wie den Menschen auf dem Corona-Sofa: Die Futteraufnahme steigt.

Auf die Eierproduktion habe die Stallpflicht keine Auswirkung, erzählt Otte. Die Tiere sind weiter fleißig, einzig der Geschmack, der Eier, die er ebenfalls über seinen Verkaufsautomaten vor der Tür vermarktet, variiere: „Es fehlt die frische Grasnote.“

Wie lange die Tiere noch im Stall bleiben müssen? Otte zuckt mit den Schultern. Er hofft, dass sie spätestens mit Beginn des Sommers, wenn die Zugvogelzeit vorüber ist, wieder raus dürfen. In der Zwischenzeit überlegt die Familie schon, wie ein infektionssicherer Auslauf konstruiert werden könnte: Er muss nach oben Schutz bieten, gegen herabfallenden Vogelkot. Wildvögel dürfen nicht hineinkommen und natürlich darf sich auch auf dem Boden kein Infektionsherd befinden. Das würde eine Bodenplatte statt saftigen Grases bedeuten.

Das Beobachtungsgebiet wird voraussichtlich in der kommenden Woche aufgehoben. Der ursprüngliche Sperrbezirk rund um Beelen wurde bereits zum Beobachtungsgebiet herabgestuft. Vorher steht in den Betrieben noch eine Gesundheitskontrolle durch das Veterinäramt an. Vrochtes haben sie schon ohne Problem hinter sich gebracht.

Dennoch macht ihnen das Thema weiter Gedanken: „Wir hatten jetzt lange Ruhe damit“, sagt Thomas Vrochte, „aber das ist eine Pest, die ist nicht ohne!“ Vor der Übertragung sei niemand gefeit, auch nicht der private Hühnerhalter mit nur wenigen Tieren. Angesichts der hohen Ansteckungsgefahr ende schon der reine Verdacht, noch vor der Bestätigung, für alle Hühner im Bestand tödlich. „Dass gesunde Tiere sterben müssen, das will niemand haben“, sagt Reinhild Vrochte leidenschaftlich. Schon darum appelliert sie auch an kleine Hühnerhalter, sich im Interesse aller an den Hühner-Lockdown im Stall zu halten, der zunächst weiter gilt.

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