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Walter Jasper beherrscht ein aussterbendes Handwerk

Künstler mit ruhiger Hand

Sassenberg

Walter Jasper beherrscht ein Handwerk, das selten geworden ist. Um Schrift auf die Wand aufzubringen, braucht er weder Plotter noch Schablone. Der Malermeister schreibt frei Hand in rund 20 verschiedenen Schriftarten. „Jeder Buchstabe ist ein ganz klein wenig unterschiedlich“, macht er auf die Details aufmerksam, an denen die echte Handschrift problemlos erkennbar ist.

Ulrike von Brevern

Walter Jasper gestaltet im Zuge der Renovierungsarbeiten die dekorativen Schriftzüge an den beiden Stirnwänden der Gnadenkirche. Sein ständiger Begleiter: Händelmusik, die er über Ohrhörer Foto: Ulrike von Brevern

„Das ist für mich hier ein déjà vu“, sagt Walter Jasper lachend und blickt auf den halb fertiggestellten Schriftzug über der Kanzel der Gnadenkirche. Bereits 2015 hatte der Diestedder Künstler und Dekorationsmaler die gleichen Worte bei der vergangen Renovierung der Kirche aufgetragen. Doch jedes Mal, wenn die Kirche gestrichen wird (die WN berichteten), verschwinden die Zeilen hinter der frischen Farbe.

Jasper beherrscht ein Handwerk, das selten geworden ist. Um Schrift auf die Wand aufzubringen, braucht er weder Plotter noch Schablone. Der Malermeister schreibt frei Hand in rund 20 verschiedenen Schriftarten. „Jeder Buchstabe ist ein ganz klein wenig unterschiedlich“, macht er auf die Details aufmerksam, an denen die echte Handschrift problemlos erkennbar ist.

Der heute 80-Jährige hätte sich in jungen Jahren gut ins gemachte Nest setzten können. Schon der Vater hatte seinen eigenen Malerbetrieb. Doch den Junior zog es auf die Kunsthochschule. Seit 1979 betreibt er seine Atelier-Galerie „Kunstforum Blauer Giebel“ in Diestedde in der aktuell die Retrospektive seines Lebenswerkes zu sehen ist.

Trotz der künstlerischen Ambition blieb Jasper aber dem Handwerk treu. Jahrelang bildete er an der Berufsfachschule junge Maler in der Kunst des Schreibens aus. Zudem arbeitete er als Dekorationsmaler – Malereien in der Weinboutique des Warendorfer Hotel „Engel“ stammen von ihm –, „Hilfsrestaurator“ und Imitationsmaler. Als solcher verwandelte er schnöde Betonsäulen des „Ritz-Carlton“ am Potsdamer Platz in Berlin in edele Marmorsäulen: „450 Quadratmeter Marmor, das war schon hart“, gibt er heute zu.

Obwohl seit vielen Jahren in Rente und seiner Kunst verpflichtet, ist Jasper für dekorative Malerarbeiten immer noch gefragt. „Weil ich besondere Techniken beherrsche, die leider verloren gehen“, begründet er. Seine Hand, die den Borstenpinsel mit der ockerfarbenen Acrylfarbe hält, zieht die Buchstaben so ruhig wie eh und je. Gegen leichtes Zittern bei einem langen geraden Strich verrät er einen Trick: „Man hält den Atem an!“

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