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Projekt im Altenzentrum lockt Erinnerungen hervor

Reden hilft gegen Einsamkeit

Sassenberg

Jedes einzelne Stück weckt die Erinnerungen. Die Gedanken gehen auf Reisen, und es wird schnell einfach mal „von früher“ erzählt. Genau das soll das „Erinnerungsstübchen“ im Altenzentrum St. Josef auch bewirken.

Von Ulrike von Brevern

Mathilde Bäumer ist sichtlich begeistert vom „Schlapphut“, den sie im „Erinnerungsstübchen“ wiederentdeckt hat. Foto: Ulrike von Brevern

Ein Stück Stoff, mit altmodischen Holzklammern zwischen einem Handtuch und einem Mieder zum Trocknen aufgehängt, hat es Mathilde Bäumer angetan: „Das ist ein Schlapphut“, sagt die alte Dame erfreut, so als erkläre sich das von selbst. Ein Hut soll das sein? Tatsächlich bastelt Mathilde Bäumer aus dem Wäschestück, das an einigen Stellen verstärkt ist, im Nullkomma- nix eine Kopfbedeckung mit großem Sonnenschild vorne und langem Sonnenschutz hinten.

Den unkomplizierten Hut, der unter dem Kinn zugebunden wurde, trugen Frauen auch vor wenigen Jahrzehnten noch gelegentlich draußen bei der Arbeit. „Das war gut gegen die Sonne im Gesicht“, erzählt Mathilde Bäumer gut gelaunt: „Der war sehr begehrt!“ Und als ihr Blick auf den Waschzuber aus Zink auf dem Tisch nebenan fällt, erinnert sie sich auch gleich noch daran, wie früher in Milte die Wäsche in der Hessel gespült wurde.

„Erinnerungsstübchen im Begegnungsraum“

Genau solche Erinnerungen sind es, die Frauke Kuhlmann und Delia Felke vom Sozialdienst des Altenzentrums St. Josef mit dem „Erinnerungsstübchen“, das sie gut eine Woche lang in einem Begegnungsraum eingerichtet haben, hervorlocken wollen. Die Thementische beschäftigen sich vor allem mit Dingen aus der weiblichen Erlebniswelt früherer Zeiten: Waschen, Nähen, Kochen. Sogar eine Trockenhaube und Lockenwickler sind dabei. Doch auch Josef Markfort findet hier einen Anknüpfungspunkt an seine Erinnerungen. Er betrachtet interessiert den Kaffeeröster, in dem Roggen zu Ersatzkaffee verarbeitet wurde. Nein, einen solchen habe es in seiner Familie nie gegeben, erzählt er: „Den brauchten wir nicht!“. Schließlich wohnte die Oma mit ihrem kleinen Einzelhandel gleich nebenan und dort bekam man nicht nur Kaffee, sondern auch diese leckeren Bonbons – „Aber vorher musste man immer etwas dafür getan haben!“

Ihre Ausstellungsstücke haben Kuhlmann und Felke teils im Fundus des Seniorenheims, teils auf Flohmärkten entdeckt. Wichtig für die Auswahl: Die Stücke sollten für Gesprächsstoff sorgen, auch der Bewohner untereinander. „Es ist wichtig, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Sprechen ist ein Mittel gegen Einsamkeit“, betont Felke. Wer kaum spricht, kann auf die Dauer auch im Wortsinn sprachlos werden.

Frauke Kuhlmann und Delia Felke Foto: Ulrike von Brevern

Zwar musste der freundlich gedeckte Kaffeetisch coronabedingt verwaist bleiben, dennoch bemühten sich die Sozialbetreuerinnen um ein Erleben „mit allen Sinnen“. So umhüllt Mathilde Bäumer beim Öffnen der Kaffeemühle der Duft frisch gemahlenen Kaffees. Sie strahlt, weil sie genau das erwartet zu haben scheint.

Felke freut sich über den Erfolg der Aktion „Erinnerungsstübchen“: „Zum Teil haben wir Tränen gelacht, auch zusammen mit den Angehörigen.“ Auch schwere Erinnerungen wurden gelegentlich wach, doch da hörten die Betreuungskräfte mindestens ebenso gut zu. Wegen der Nachfrage, auch von Seiten der Angehörigen, wurde die Aktion noch ein wenig verlängert, bis das Erinnerungszimmer nun wieder neuen Zwecken dient.

Josef Markfort Foto: Ulrike von Brevern
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