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Rehkitzrettung startet um 4 Uhr morgens

„Sonnenlicht ist unser Feind“

Sassenberg

Mittels einer Drohne werden mitten in der Feldmark Kitze gerettet, bevor die Landwirte am frühen Morgen mit dem Mähen beginnen. In einem Korb werden die Kitze gerettet vor den scharfen Messern der landwirtschaftlichen Maschinen, und das Retterteam trägt obendrein Sorge dafür, dass die Mütter ihre Kitze auch wiederfinden können.

Von Ulrike von Brevern

Glücklich nach erfolgreicher Rehkitzsuche: (v.l.) Simon Kortenbreer, Markus Arenbeck. Foto: Ulrike von Brevern

4 Uhr morgens. Der Mond kann die tiefe Schwärze, die sich über den Feldern ausbreitet, nicht erhellen. Von Ferne wirkt der grellerleuchtete Transporter der Sassenberger Rehkitzretter mitten in der Feldmark wie eine Rettungsinsel.

Sechs Männer scharen sich um den Stehtisch, von dem aus Norbert Meinersmann gleich die Drohne steuern wird. Markus Arenbeck gehören die Flächen mit Ackergras, die das Fluggerät gleich nach fest programmiertem Kurs systematisch überfliegen wird. Simon Kortenbreer wird später auf dem Traktor sitzen, der das Gras mäht. Jürgen Jakoby, Willi Schubert und Kevin Meinersmann sind erprobte Enthusiasten. Für sie beginnen viele Tage in der Rehkitzsaison um vier Uhr morgens.

Rettung im Morgengrauen

„Denkt dran: immer zuerst den Korb!“, schärft Norbert Meinersmann dem Team etwas brüsk ein, ehe die fünf Männer im hohen, feuchten Gras verschwinden. Bald zucken nur noch die Lichtkegel ihrer Taschenlampen über das Feld.

Rehkitzrettung Sssenberg – Fernsteuerung der Drohne. Foto: Foto: Ulrike von Brevern

„Sonnenlicht ist unser Feind“, betont Meinersmann, während das Sirren der Drohne sich entfernt. „Dann wärmt sich alles auf und es ist nichts mehr zu erkennen.“ Auf dem Feldmonitor vor ihm streichen kleine Wärmepunkte in Gelb durchs grau-weiße Bild. Ganz selten nur merkt der Drohnenpilot auf. „Die Wärmedifferenz ist nicht groß genug“, sagt er wissend.

Auch Junghasen und Bodenbrüter werden gesucht

Mit aufwendiger Technik jagen die Männer an diesem Morgen nicht nur Rehkitzen hinterher, die sich aus angeborenem Instinkt ins hohe Gras ducken und selbst vor dem herannahenden Mähbalken nicht weglaufen würden. Auch Junghasen und Bodenbrüter wie die Rebhühner gehören zu ihren Zielen.

„Es ist so viel los in der Welt, da müssen wir an den Umweltschutz manchmal erinnern, genauso wie an das Soziale unser Arbeit“, sagt Meinersmann. Bei dem leidenschaftlichen Pionier der Rehkitzrettung per Drohne geht regelmäßig ein erklecklicher Teil seines Jahresurlaubs für die selbstgestellte Aufgabe drauf. Darum wirbt er um Nachahmer, und dank großzügiger öffentlicher Förderung verbreitert sich die Basis der Drohnenteams tatsächlich.

Der Füchtorfer Hegering zum Beispiel hat mit dem Hegering Milte für rund 7000 Euro aus dem Regionalbudget von Vitalplus NRW ein Startpaket mit Fluggerät, Plastikkörben, Walkie-Talkies und was sonst noch dazugehört erworben. Aber warum Kitze retten, wenn man sie als erwachsene Tiere am Ende doch erschießt? „Man möchte nicht, dass die Tiere Verstümmelungen oder gar einen so qualvollen Tod erleiden“, beantwortet Hendrik Knemeyer vom Hegering Füchtorf die etwas provokante Frage nüchtern. „Das ist nicht im Sinne der Jägerschaft. Auch auf die Fasanenpopulation habe der Drohneneinsatz bereits spürbar positive Folgen.

Rehkitzrettung Sassenberg: Das Kleine wird vor den scharfen Messern von Landmaschinen bewahrt. Foto: Foto: Ulrike von Brevern

Fünf Uhr in der Feldmark. In Richtung Sassenberg geht der Mond langsam unter, gegenüber wirft die Sonne erste zaghafte Strahlen über den Horizont. Nebel steigt aus dem Gras auf, und die Männer stapfen mit tropfenden Hosen zum Transporter zurück. Außer einem aufgeschreckten Fasan haben sie nichts entdeckt. Das macht sie spürbar nervös, denn in anderen Jahren gab es hier viel zu retten. „Die Kitze kommen in diesem Jahr spät wegen des kühlen Frühjahrs“, ist Jakoby überzeugt. Trotzdem. Wenn sie etwas übersehen haben?

„Das Auge, das ist das schwierigste!“

„Das Auge, das ist das schwierigste!“ bestätigt Lukas Möllmann, der in Füchtorf für die Drohne zuständig ist. „Da muss man üben wie beim Fahrradfahren.“ In Füchtorf wird das Fluggerät verliehen, denn niemand kann Meinersmanns Einsatzbereitschaft leisten. Drei ausgebildete Drohnenpiloten gibt es bereits, gerne sollten es noch mehr werden. Leider flog die Drohne bereits zu Beginn der Saison gegen eine Eiche. Möllmann geht von einem Garantiefall aus. „Fliegen ist der Punkt der einfach ist“, sagt er, „da programmiere ich eine Route, drücke auf Start und der fliegt. Dann muss ich aber auch wissen, was ich sehe.“

Die gelben Punkte auf Meinersmann Monitor sind mal kleiner mal größer aber alle ausgefranst. „Wenn da ein Kitz ist, sind sie strukturierter“, sagt der Profi. Die Drohne könnte auch schneller fliegen, als die geruhsamen zehn Stundenkilometer an diesem Morgen. „Die Grenze bin ich, ich muss den Monitor noch verfolgen können“, betont Meinersmann.

Als die Männer vom nächsten Feld ebenfalls ergebnislos zurückkehren, wächst die Nervosität - auch bei den beiden Landwirten. Rehkitze zu vermähen, gehört für sie zu den schlimmen Erfahrungen in ihrem Beruf. Deshalb montiert Arenbeck später am Traktor auch noch eine elektronische Warnsirene, falls sich doch noch ein Tier im Gras versteckt.

Rehkitzrettung Sassenberg: Gerettet – Jürgen Jakoby freut sich über den Erfolg. Foto: Foto: Ulrike von Brevern

Auf dem letzten Stück ortete die Drohne dann doch ein Kitz. „Dafür lohnt es sich morgens in aller Frühe aufzustehen!“, sind sich die Männer aus Sassenberg und Füchtorf in ihrem Urteil über diesen Moment bis in den Wortlaut einig. Am Boden ist auch in wenigen Schritten Entfernung von dem Tier absolut nichts zu entdecken. Die Halme verbergen den Schlafort perfekt. Exakt dirigiert Meinersmann Jacoby per Schulterfunkgerät. „Ein bisschen Jagdeifer ist in diesem Moment schon dabei“, hat letzterer zuvor zugegeben. Sobald er das Kitz sieht, wirft er rasch den Korb nach vorn. Werden die Kitze größer, versuchen sie genau in diesem Moment gelegentlich doch zu fliehen. Aber sie würden wieder zurückkehren, ehe die tatsächliche Gefahr vorbei ist.

Das Schönste ist die Tiere freizulassen

In die Griffe des Korbes steckt Jürgen Jakoby rote Fahnen als Markierung, aber auch um den Korb am Boden zu fixieren. Zunächst geht die Suche auf dem Feldweiter. Später legt Jacoby einen Korb mit Gras aus, bettet das Kitz um, während Kevin Meinersmann den ersten Korb als Deckel bereithält. Der wird mit Kabelbindern fest fixiert und das ganze Konstrukt an eine sichere geschützte Stelle außerhalb der Wiese getragen.

Rehkitzrettung Sassenberg: Schnell kommt der Korb zum Einsatz. Foto: Foto: Ulrike von Brevern

Als Simon Kortenbreer gegen sechs Uhr mit dem Mähen beginnt, ist der Einsatz von Meinersmann und seinem Team zu Ende. Allerdings erst vorläufig. In einigen Stunden kommt Jakoby wieder. Er wird einen guten Platz für die beiden Kitze finden und darauf achten, dass ihre Mütter sie auch wiederfinden. „Das ist ohnehin das Schönste“, bekennt er: „die Tiere wieder freizulassen!“.

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