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Rainer Flaute hält Bentheimer Schafe

Wehe, wenn der Wolf kommt

Füchtorf

Rainer Flaute selbst ist trotz landwirtschaftlicher Wurzeln Vertriebsmanager, kein Landwirt. Der 52-Jährige hat jedoch seine individuelle Lösung gefunden, sich seine nebenberufliche Bio-Oase geschaffen. Und in dieser spielen seine Schafe eine große Rolle. Er musste sogar einen Sachkundenachweis für die Schafhaltung ablegen.

Von Ulrike von Brevern

Rainer Flaute hat seine Schafe im Griff.. Foto: Ulrike von Brevern

Schafe sind verflixt schnell, wenn sie wollen. Gerade noch steht die Herde aus zwölf Mutterschafen und ihren 21 verspielten Lämmern friedlich grasend auf der großen Koppel in Rippelbaum und schon galoppieren sie mit donnernden Klauen Richtung Stall. Wenn Rainer Flaute auf die Koppel kommt, ahnen sie schon, dass es da etwas Gutes geben könnte. So dumm sind sie nicht.

Seit 2015 beschäftigt sich Flaute mit der Schafhaltung. „Wieder“, betont er, denn schließlich liefen schon in seiner Jugend auf dem elterlichen Hof immer zwei, drei Schafe herum. Mehr noch: Im Standardwerk über „Füchtorfs 180 Höfe“ wird schon für 1770 für die Brandversicherung ein Schafstall im Besitz der Familie Flaute angegeben. „Wenn jemand den Schafzüchter im Blut hat, dann bin ich es“, sagt der Nachfahre darum auch lachend.

Sachkundenachweis erforderlich

Im Blut alleine reicht allerdings nicht. Rainer Flaute selbst ist trotz landwirtschaftlicher Wurzeln Vertriebsmanager, kein Landwirt. Darum musste er zunächst einen Sachkunde-Nachweis erwerben, der heute in der zum Schafstall umgebauten Scheune an einem der uralten Holzbalken prangt. Darauf steht schwarz auf weiß, dass sich Flaute nach sechs Tagen Schulung mit dem Aufbau einer Schafhaltung auskennt. Inzwischen ist noch jede Menge Erfahrung hinzugekommen.

Beruflich verkauft er Recyclingtechnik, fliegt überall in der Welt herum: Lagos, Sao Paulo, Shanghai. „Da sehen Sie von oben plötzlich, wie klein dieser Erdball ist und haben genug Zeit darüber nachzudenken, wie wir damit umgehen sollten.“

Ausgelassen toben die Jungschafe über die Wiese. Foto: Foto: Ulrike von Brevern

Der 52-Jährige hat seine individuelle Lösung gefunden, sich seine nebenberufliche Bio-Oase geschaffen. „Wenn man davon leben muss, kann man so nicht wirtschaften“, hält er mit Blick auf die hauptberuflichen Nachbarn verständnisvoll fest. Die drei Hektar Mais-Acker unmittelbar am Hof sind in Dauergrünland umgewandelt. Wie mit dem Lineal gezogen entstanden darauf vier Koppeln, die von den Schafen kurzgehalten werden und auf denen zudem das Gras für die zehn Ballen Heu wachsen kann, die für die Winterfütterung gebraucht werden. 36 Obstbäume, die der Kreis finanziert, werden bald aus einem Drittel der Fläche Streuobstwiesen machen.

Bentheimer Landschafe

Mit dem Bentheimer Landschaf grast hier eine zwar robuste und anspruchslose, aber aussterbende Rasse. Die Tiere sind weder gut im Milchgeben noch im Fleischansetzen, deswegen wurden sie lange nicht gezüchtet. Aber sie können Landschaftspflege – und das umso besser. Sie mögen ihren Stall bei Flautes, doch brauchen würden sie ihn nicht, sagt der Schafhalter.

Die Lämmer auf der Koppel drücken sich nicht an die Mütter, sondern bilden rassetypisch ihren eigenen „Kindergarten“, spielen und albern miteinander herum. Sie sind Mitte März geboren. „Der März, wenn es schon wärmer wird und es Nahrung gibt, ist eine gute Zeit zum Lammen. Man spricht nicht umsonst von ‚Osterlämmern‘“, sagt Flaute.

Eine Urkunde belegt die Kenntnisse in der Schafhaltung. Foto: Foto: Ulrike von Brevern

Wie mit allem kämen die Bentheimer auch dann gut allein zurecht. Doch Flaute kümmert sich gerne. In den ersten beiden Tagen nach dem Lammen zum Beispiel – wenn sich Mutter und Kind noch nicht an Geruch und Geräusch erkennen – bleibt gelegentlich ein Lamm auf der Suche nach der Mutter hungrig. Dann eilt der Schafhalter zur Hilfe. Schafe und Lämmer tragen deshalb eindeutige Farbmarkierungen auf der zottigen Wolle und dem weißen Fell. Die Mühe wird belohnt mit einer erhöhten durchschnittlichen Quote von fast zwei Lämmern pro Mutterschaf.

Zwei Lämmer pro Mutterschaf

Nach sechs Monaten ist für die meisten Lämmer das Leben vorbei. Ein Umstand, der die Touristen, die an Flautes Koppel vorbeiradeln und mit denen er gerne ins Gespräch kommt, oft schockiert. Ein guter Anlass, um über Erfordernisse der Landwirtschaft, Umweltschutz und das, was jeder selber tun kann, zu reden.

Flautes Lämmer kommen zum Bioschlachter. Aber selbst da erzielt er trotz steigender Preise keinen wirklich auskömmlichen Erlös. „Wenn doch jeder Klimaschutz will und der Landwirt pflegt und tut, dann soll sich doch auch jeder finanziell daran beteiligen“, lautet daher das Mantra des ehemaligen CDU-Ratsherrn.

Und was ist mit dem Wolf? Das sei die einzige ernsthafte Gefahr, die ihm für seine Tiere einfalle, gibt Flaute zu und freut sich zugleich, dass die Autobahnen rund ums heimische Gebiet den Fressfeind der Schafe derzeit noch abhielten. „Wenn ein Wolf in der Herde war, ist es mit der Herde vorbei“, sagt er schlicht. Überlebende Tiere seien so traumatisiert, dass die weitere Haltung keinen Sinn mehr ergebe. Er müsste mit einer neuen Herde von vorn anfangen.

„Ich habe zwei Zäune. Mehr kann ich nicht tun“, sagt der Schafhalter und klingt dabei ungewohnt fatalistisch.

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