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Veterinär Dr. Karl-Ernst Grau verabschiedet sich in den Ruhestand

„Anwalt der Tiere“ sagt Tschüss

Sendenhorst

Wenn Dr. Karl-Ernst Grau nach den Erinnerungen an seine 34-Jährige Berufstätigkeit als Tierarzt in Sendenhorst gefragt wird, fallen ihm zumeist schöne Begegnungen ein, obwohl es natürlich auch stressige und anstrengende Momente gab. Aber, so sagt Grau: „Ich hatte den schönsten Beruf der Welt. Und ich würde es immer wieder machen.“

Annette Metz

Nachts um 3 Uhr klingelt das Telefon bei Dr. Karl-Ernst Grau. Na gut, das war in der langjährigen Praxis des Sendenhorster Tiermediziners keine Seltenheit. Doch die Frage, die der Anrufer an ihn hatte, die verblüffte ihn dann doch: „Herr Doktor, ich habe hier eine kleine Spitzmaus gefunden. Was soll ich da füttern?“

Heute, am Tag, an dem sich der Veterinär nach 34 Jahren aus der Praxis verabschiedet, um in den Ruhestand zu gehen, gehört diese Episode zu den amüsanten Erinnerungen an seine Praxiszeit. Und wenn er gefragt wird, fallen ihm zumeist schöne Begegnungen in der Rückschau ein, obwohl es natürlich auch stressige und anstrengende Momente gab. Aber, so sagt Grau: „Ich hatte den schönsten Beruf der Welt. Und ich würde es immer wieder machen.“

Nach seinem Studium in Hannover erhielt der im Jahr 1952 in Erwitte geborene Karl-Ernst Grau 1979 seine Approbation. Danach übernahm er für einen erkrankten Freund zunächst ganz kurzfristig für ein Jahr eine Praxis in Mastholte. Doch schon 1980 zog er mit Sack und Pack, Ehefrau und Kindern nach Sendenhorst, um gemeinsam mit Dr. Reineke eine Praxis am Teigelkamp zu führen. „Seit ich 14 Jahre alt war, war ich mit meinem Schwager, der ebenfalls Tierarzt war, ,auf Praxis‘ unterwegs.“ So gab es für Grau eigentlich nie einen anderen Berufswunsch.

„Die ersten Jahre waren wirklich spannend“, so Grau Und er betont, dass sie ohne seine Frau gar nicht möglich gewesen wären. Denn die war sozusagen die Nachrichtenzentrale der Praxis. „Sie war oft Tag und Nacht im Dienst am Telefon, wenn wir auf den Höfen unterwegs waren“, berichtet Karl-Ernst Grau. Im wöchentlichen Wechsel mit der Frau seines Partners war sie rufbereit. „Damit sie mit den Kindern trotz Telefondienst in den Garten konnten, haben wir damals ein 35 Meter langes Telefonkabel gehabt“, schmunzelt der Veterinär. Selbst seine drei Söhne hätten am Telefon oft die Stellung gehalten.

Später, mit Funk im Auto, schnurlosen Telefonen und Anrufbeantworter sei die Organisation wesentlich einfacher geworden.

Und Grau war viel unterwegs. Nutztiere, also vornehmlich Kühe und Schweine, galt es auf den Höfen zu versorgen. Allerdings habe sich im Laufe der Jahre die Art der Arbeit an dieser Stelle verändert. „Früher waren wir bei Notfällen am kranken Tier im Einsatz.“ Inzwischen werde in erster Linie Vorsorge betrieben. Auch heute sei die Praxis, die er mit seinen Kollegen seit 2003 am Fernmeldeturm betreibt, die größte Rinderpraxis im Kreis. Aber auch mit Schweinehaltung haben sie viel zu tun. Schweinepraxis beinhalte heute von der Managementberatung bis zum Stallbau und eben der Prophylaxe zur Seuchenbekämpfung ein umfassendes Paket für die Landwirte.

Mit Schweinen hat auch ein Ereignis zu tun, an das sich Dr. Karl-Ernst Grau nur sehr ungern erinnert. „Die Schweinepest war schlimm.“ Da habe man es ständig mit geänderten Richtlinien zu tun bekommen, und es war enorme Flexibilität gefragt.

Auch zum Stichwort „Papierkram“ kann Dr. Grau ein Liedchen singen. „Wir sind ja auch zuständig für ,Lebensmittel tierischer Herkunft‘ “, erklärt er. Da müsse jede, aber auch wirklich jede Behandlung genauestens dokumentiert werden.

Später begann Grau dann auch den Kleintierbereich der Praxis auszubauen. Viele schöne und traurige Begegnungen habe er erleben dürfen. Dabei denkt er an den 19 Jahre alten Dackel, bei dem man schon lange darüber nachgedacht habe, ob man ihn nicht gehen lassen sollte. „Ich sehe mich als Anwalt der Tiere. Und beim Abschiednehmen da zu sein, ist oft die letzte Möglichkeit, einem Tier zu helfen“, sagt Grau. Am Ende sei der Dackel ganz unglücklich bei einem Sturz in einen Teich ertrunken. Er denkt aber auch an die Frau, deren Haustier an einer Hausstaubmildenallergie litt, und die ihn dann ganz entsetzt gefragt habe: „Ist das erblich. Mein Sohn hat das auch!“

Wenn nun der Ruhestand ins Haus steht, wird Grau dem Beruf dennoch verbunden bleiben. Ehrenamtlich ist er noch immer im Vorstand des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte (bpt) tätig, den er auf Landesebene 17 Jahre geleitet hat. Außerdem wurde er in den Vorstand der Tierärztekammer Westfalen-Lippe gewählt und ist Vorsitzender des Verwaltungsausschusses des Versorgungswerkes der Tierärztekammer Westfalen-Lippe. Für besondere Verdienste „um das Ansehen und Wohl der in der freien Praxis tätigen Tierärzte“ wurde ihm 2011 die höchste Auszeichnung des bpt, die „Felix-Train-Medaille“, verliehen. Da wird also einiges zu tun bleiben. „Außerdem möchte ich der Familie mehr Zeit widmen und vielleicht wieder dem Singen“, blickt er voraus.

Insgesamt ist sein Wunsch für den Ruhestand aber ganz einfach: „Ich möchte in Zukunft mal nicht so getrieben sein.“

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