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Brunnen mit besonderen Löchern

Ausgrabungen in Sendenhorst: Archäologen legen Bericht vor

Sendenhorst

Bereits im Hochmittelalter war der Kern von Sendenhorst dicht besiedelt. Das haben Archäologen bei ihren Grabungen in diesem Jahr herausgefunden, bei denen sie auch besondere Brunnen freigelegt haben. Nun haben sie ihren Bericht vorgelegt.

Im unteren Bildabschnitt sind vor dem Stadtpanorama die in diesem Jahr archäologisch begleiteten Neubauvorhaben im Südosten von Sendenhorst sichtbar. Foto: LWL/Esmyol

Die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) haben die Ausgrabungen der vergangenen Monate in Sendenhorst zusammengefasst und dokumentiert. In ihrem Bericht stellen sie fest, dass die Bodenfunde in Sendenhorst „800 Jahre Stadtgeschichte enthüllen“. Wie berichtet, hatten die Fachleute des LWL in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung kurz über ihre Arbeiten berichtet, dabei aber einen Schwerpunkt auf den rechtlichen Rahmen durch den Denkmalschutz – vor allem auch bei „vermuteten Bodendenkmälern“ – gelegt.

Da das zu Ende gehende Jahr in Sendenhorst von mehreren Neubaumaßnahmen im Stadtkern geprägt gewesen sei, hätten die Untersuchungen einer archäologischen Fachfirma im Südosten der Altstadt dem Landschaftsverband LWL „tiefe Einblicke in die Stadtentwicklung vom Mittelalter bis in die Neuzeit“ ermöglicht. „Durch Befunde und Funde bei den Ausgrabungen werden 800 Jahre Stadtgeschichte lebendig“, erklärt der LWL-Archäologe Dr. Andreas Wunschel.

Viele Siedlungsspuren aus dem Hochmittelalter

Bei den Ausgrabungen im Süden des Stadtkern hätten die Fachleute zahlreiche Siedlungsspuren des Hochmittelalters (12. bis 13. Jahrhundert) entdeckt. Dazu gehören diverse Gräben und Pfostenlöcher. Die Gräben hätten vermutlich als Parzellengrenze sowie auch zu Drainagezwecken gedient. „Dass sich solche Siedlungsspuren aus dem Hochmittelalter bis heute in dieser Zahl und in einem über Jahrhunderte dicht bebauten Altstadtkern erhalten haben, ist bemerkenswert“, hebt Grabungsleiter Dr. Ulrich Holtfester in seinem Bericht hervor.

Nachdem die Verfüllung des Brunnens entfernt worden war, wurde die hölzerne Brunnensohle des Fasses, mit dem extra mit Löchern versehenen Fassboden, sichtbar. Foto: Archäologie am Hellweg e.G.

Der LWL blickt dabei auch auf die spektakulären Funde zurück, die vor rund 20 Jahren auf der „Wüstung Großer Hof“ gemacht worden waren, als vor einer Erweiterung des VEKA-Geländes gegraben wurde. Dabei waren laut LWL außerordentliche Funde ans Tageslicht gekommen, unter anderem Schachfiguren und Spielsteine, die von der adeligen Lebensweise der einstigen Bewohner in „Seondonhurst“ zeugten. Aktuell werden die Steine gemeinsam mit anderen hochkarätigen Funden des Hochmittelalters aus Westfalen, Deutschland und ganz Europa in der Ausstellung „Barbarossa. Die Kunst der Herrschaft“ im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster präsentiert.

Im Spätmittelalter habe es ab dem 14. Jahrhundert in Sendenhorst einen regelrechten Bauboom gegeben, wie die aktuellen Ausgrabungen zeigten. Auf eine erhöhte Siedlungsdichte weisen auch zahlreiche Brunnenfunde hin. Sie wurden besonders häufig nahe dem Südgraben entdeckt. Im Spätmittelalter habe sich dieses Areal in unmittelbarer Nähe der Stadtbefestigung befunden, deren Überreste bis heute im Boden erhalten seien. In dieser Zeit befanden sich die Brunnen häufig auf der Rückseite der Grundstücke, so der LWL. „Die große Menge der in diesem Jahr ausgegrabenen Brunnen spricht für eine kontinuierliche Nutzung des Areals über eine lange Zeit hinweg“, heißt es im Bericht.

Ein ganz besonderer Brunnen

Gefunden wurde auch ein ganz besonderer Brunnentyp, dessen Unterkonstruktion aus einem hölzernen Fass bestand. Keramikfunde belegten, dass es im 14. Jahrhundert verbaut wurde. „Der Fassboden wurde an mehreren Stellen systematisch angebohrt, damit das Brunnenwasser beim Nachlaufen bereits grob gefiltert wurde“, berichten die Archäologen. Ein Steinkranz auf dem Fass setzte die Brunnenröhre nach oben hin fort.

Bilder gibt es nun auch vom „Aachhorn“ aus Sendenhorst, einem Pilgerhorn aus dem 14. bis 16. Jahrhundert (wir berichteten). „Es handelt sich um ein tönernes, von Pilgern benutztes Blashorn, welches unter anderem im Zusammenhang mit Wallfahrten nach Aachen zum Einsatz kam“, berichtet Dr. Andreas Wunschel von der LWL-Archäologie für Westfalen.

Massenhaft Scherbenfunde stammen aus der Grube mit Abfällen einer Glaserwerkstatt. Foto: Archäologie am Hellweg eG

Hinweise auf das Wirtschaften in der Stadt im 17. und 18. Jahrhundert gebe ein „in Westfalen-Lippe nur selten archäologisch fassbarer Befund: die Abfallgrube einer Glaserwerkstatt“, berichtet der LWL. Unzählige Glasfragmente gäben verschiedene Hinweise auf die örtliche Glasverarbeitung. So fänden sich an zahlreichen Stücken Abschneidespuren mit einem sogenannten Kröseleisen. Außer grünen kämen auch hochwertige blau gefärbte und sogar nachträglich bemalte Gläser vor. Mit den ebenfalls in der Abfallgrube aufgefundenen „Bleiruten“ – bleierne Fassungen für einzelne Glasstücke – konnten aus dem bunten Glas prächtige Fenstergläser hergestellt werden. „Einer hohen Nachfrage erfreuten sich die teuren Meisterstücke bei der Ausgestaltung von Kirchen oder für Fenster wohlhabender Bürger“, so der LWL. Die große Menge an aufgefundenen Fensterglasresten ermögliche einen Einblick in die einheimische Glaskunst und die damaligen Motive der Fenstergläser.

Weiterführende Recherchen in den Archiven, und naturwissenschaftliche Analysen sollen demnächst weitere Fragen klären: Woher kam das Glas, und wo befanden sich die Glashütten, in denen das eigentliche Rohglas hergestellt wurde? Irgendwann wird es vielleicht Antworten geben.

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