Neue Serie „Zeitgeschenke“: Kolpingsfamilie hofft auf jüngere Mitstreiter

Eine Gemeinschaft leben

Sendenhorst

In einer neuen Serie werden in der kommenden Zeit Menschen aus Sendenhorst und Albersloh vorgestellt, ihren Mitmenschen „Zeitgeschenke“ machen. In Zusammenarbeit mit der studentischen Arbeitsgruppe, die das „Gugl“-Projekt voranbringen möchte, kommen Menschen zu Wort, die sich ehrenamtlich einbringen. Den Anfang machen Mitglieder der Kolpingsfamilie.

Josef Thesing

Josef Schmedding, Hubert Descher, Ulrich Ermer, Ludwig Oertker und Egbert Heimeier (v.li.) sprachen im Alten Pastorat mit Ann-Sophie Quante vom „GUGL“-Projekt. Foto: Josef Thesing

Das vergleichsweise hohe Durchschnittsalter ist etwas, was Hubert Descher und seine Mitstreiter schon länger beschäftigt. „Es gelingt nicht, die Kinder und Enkelkinder für die Kolpingsfamilie zu begeistern“, sagt er. Und Josef Schmedding, ebenfalls im Vorstand der Gemeinschaft fügt an, dass es schwierig sei, „Menschen zu finden, die uns unterstützen“.

10 Uhr, an einem ganz normalen Wochentag im Alten Pastorat. Dass fünf Männer hier um diese Uhrzeit zum Gespräch über das ehrenamtliche Engagement in der Kolpingsfamilie, zu der auch der Kolpingchor gehört, zusammenkommen können, hat einen Grund: Sie sind alle Rentner. Und da bald Frühling ist, hoffen sie bei dem einen oder anderen Jüngeren auf den guten Vorsatz, sich der Gemeinschaft anzuschließen, die viel Zeit darin investiert, für die Allgemeinheit – oder auch für einzelne Gruppen, die Unterstützung brauchen – etwas zu tun. Zum Beispiel Zeit schenken. „Der Einstieg fällt vielen aber wohl schwer“, meint Ludwig Oertker.

130 Mitglieder hat die Gemeinschaft, die längst kein Gesellen- oder Handwerkerverein mehr ist, in Sendenhorst. Tendenz: eher sinkend. „Es kommen keine mehr nach“, meint Ulrich Ermer. Das gelte insbesondere auch für den Kolpingchor, in dem er mitsingt. Mit 67 Jahren ist er dort fast der Jüngste – nahezu zehn Jahre weniger als das Durchschnittsalter der 20 Sänger, die sich donnerstags von 20 bis 22 Uhr zur Probe treffen, aber keine großen Konzerte mehr geben. „Wenn jemand einfach mal hineinschnuppert, wäre das schon mal ein Anfang“, meint er. Zugleich ist ihm bewusst, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass sich jüngere Menschen dauerhaft diesem Chor anschließen werden. „Heute bindet sich niemand mehr so lange, wie wir es tun.“ Deshalb vermutet er, dass weitere „alte Männerchöre wegsterben“.

Ulrich Ermer

Die Kolpingsfamilie hat ein umfangreiches Jahres- und Aufgabenprogramm, das sich ausdrücklich nicht nur an die ältere Generation wenden soll, es im Großen und Ganzen aber tut. „Ich bin nach der Zusammenstellung der Aktivitäten selbst überrascht, was wir alles machen“, erklärt Hubert Descher.

Zu den Themenfrühstücken, bei denen es auch um Aktuelles geht, kommen stets zwischen 30 bis 45 Personen. Die Vorbereitung und Durchführung nimmt für fünf Personen aus dem Team jeweils drei Stunden Zeit in Anspruch.

Ludwig Oertker organisiert die beliebten Radtouren, die immer an der Pumpe in der Fußgängerzone starten. Sechs gibt es in jedem Jahr, von denen eine einen ganzen Tag dauert und etwa 50 Kilometer lang ist. Eingekehrt wird natürlich auch. Etwa 35 Radler nehmen daran teil. „Wir setzen uns immer interessante Ziele“, sagt Oertker. Geradelt wird langsam, viele Teilnehmer verfügen heute über ein E-Bike. Bei den Touren, auch den fünf kürzeren, werden Firmen oder Institutionen angefahren, die etwas zu sagen haben. Dazu gehören in diesem Jahr zunächst das Hospiz in Ahlen und das Tanklager der Raiffeisen-Genossenschaft in Freckenhorst. „Die Vorbereitung jeder Tour dauert etwa fünf bis sechs Stunden“, erzählt Oertker. Es gebe auch Absagen von Unternehmen, aber nicht viele.

Ludwig Oertker über die Radtouren

Oetker fährt jede Strecke zwei bis drei Mal vorher ab, damit auch alles gut geht. Die Halbtagestouren starten stets um 13.30 Uhr. „Sie sind offen für alle. Jeder kann mitfahren.“

Der Kolpinggedenktag, der „Tag der Treue“, der Gebetsruf, die Aktion „Sauber Stadt und Land“, Mitgliederversammlungen, Vorstandssitzungen, der traditionelle Kartenspielabend, Abendessen für die Helfer und ein gemütliches gemeinsames Bierchen gehören ebenfalls zum Alltag der Kolpingsfamilie. „Man muss ja nicht alles mitmachen, man kann aber“, meint Ulrich Ermer.

Der Kern der Kolpingsfamilie ist für die fünf Männer, zu denen noch Egbert Heimeier gehört, schnell ausgemacht: die Gemeinschaft leben und das Für-Einander-Dasein. Früher war Kolping ein mehr oder weniger Christlicher Verein. „Heute sind wir weltoffen“, erklärt Josef Schmedding – auch wenn die christlichen Werte weiter sehr viel zählen würden.

Die Motivation, etwa bei den aufwändigen Altkleidersammlungen mitzumachen, sei die Überzeugung, dass es gut und richtig sei, etwas für andere zu tun. „Soziales Engagement“ nennt Schmedding das.

Dazu gehört auch die Pflege der Krieger-Gedenkstätte auf dem Friedhof, für die die Kolpingsfamilie seit 60 Jahren verantwortlich zeichnet. Sieben Arbeitseinsätze sind es im Jahr für die zehn bis 25 Helfer, die ebenfalls in die Jahre gekommen sind. „Wir wollen damit in Erinnerung rufen, wie grausam unsere Welt sein kann, und dass das nie wieder passieren darf“, sagt Ulrich Ermer. „Auch da fehlen jünger Menschen“, fügt er an. Die Gedenkstätte besteht aus Kreuzen mit Namen von Menschen aus Sendenhorst, die im Krieg irgendwo gefallen sind. Aber es gibt auch 17 Gräber von Fremdarbeitern und unbekannten russischen Soldaten.

Die Altkleidersammlungen sind wohl die größte Aufgabe der Sendenhorster Kolpingsfamilie. Sechs Teams mit je drei Ehrenamtlichen kümmern sich Woche für Woche um die fünf Container, und das seit 20 Jahren. Mit dem Anhänger wird der Inhalt zum Hof Bisterfeld gefahren, auf dem eine Garage angemietet wurde. Das Depot wird sechs Mal im Jahr geleert. Dann kommt ein Lkw vorbei, der die Altkleider zum Kolping-Recyclingwerk in Fulda bringt. „Im Jahr sind das pro Person etwa 24 Stunden Arbeit“ hat Hubert Descher ausgerechnet.

Und es bringt der Kolpingsfamilie gemeinsam mit der jährlichen Straßensammlung etwa 9000 Euro im Jahr, mit der soziale oder auch christliche Projekte und unterstützt werden: die Arbeit des DAF, Bischof Martin Happe in Mauretanien, die Innenrenovierung der Ludgeruskirche, der Verein „Beweggründe“, die indische Heimat von Pfarrer Antony und einiges mehr. „Wir haben natürlich auch einige Betriebskosten für Fahrzeuge und Co.“, sagt Hubert Descher.

Und auch einigen Ärger, denn in den Containern lande immer mehr Müll. Da mache das Leeren zunehmend weniger Spaß.

Wer Kontakt zur Kolpingsfamilie aufnehmen will, kann sich an Hubert Descher, 25 33, und Josef Schmedding, 16 09, wenden. Weitere Informationen gibt es unter www.kolpingsfamilie-sendenhorst.de.

  • Wer sein „Zeitgeschenk“ vorstellen will, darf sich gerne an die Lokalredaktion der WN oder an julia.urban@online.de vom „GUGL“-Projekt wenden.
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