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Sichtweisen zum Islam

„Freiheit für ein selbstbestimmtes Leben“

Sendenhorst

Zum zweiten Mal nach 2011 folgte Professor Mouhanad Khorchide einer Einladung der Pax-Christi-Gruppe. Das Thema diesmal: „Welcher Islam ist mit einer modernen pluralen Gesellschaft vereinbar?“ Mouhanad Khorchide ist Inhaber des Lehrstuhls für Islamische Theologie an der Universität Münster.

Dierk Hartleb

Aufmerksame Zuhörer hatte Professor Mouhanad Khorchide im Haus Siekmann, wo er auf Einladung der Pax-Christi-Gruppe über einen zeitgemäßen Islam sprach. Foto: Dierk Hartleb

„Ich bin Orientale“, warnte Professor Mouhanad Khorchide am Mittwochabend im Haus Siekmann die zahlreichen Zuhörer. „Wir haben es nicht so mit der Zeit“, fügte Khorchides, Inhaber des Lehrstuhls für Islamische Theologie an der Universität Münster, hinzu. Zum zweiten Mal nach 2011 war Khorchide einer Einladung der Pax-Christi-Gruppe gefolgt. Das Thema diesmal: „Welcher Islam ist mit einer modernen pluralen Gesellschaft vereinbar?“

In seinem Vortrag sprach sich Khorchide für ein historisch kritisches Verständnis des Islam aus, und nicht für einen „literalistisches“, das den Koran als Grundlage des Glaubens wortwörtlich nehme. Der Koran sei im siebten Jahrhundert geschrieben worden und dürfe nicht als „Handlungsanweisung für ein gottgefälliges Leben“ begriffen werden. Diesem „monologisch“ verstandenen Verständnis liege die Sichtweise zugrunde, dass Gott verehrt werden wollte. Die von ihm geschaffenen Menschen dienten allein dem Zweck, ihn zu verherrlichen.

Diesem Gottesbild stellte Khorchide einen dialogischen Islam gegenüber, dessen Gottesverständnis von Liebe und Barmherzigkeit gekennzeichnet sei. „Gott liebt die Menschen“, folgerte Khorchide. Er gebe den Menschen die Freiheit, über ihr Leben selbst zu bestimmen, „und greift nicht korrigierend ein“. Deshalb komme es darauf an, wie der Mensch handle. Dabei spiele es auch kein Rolle, ob er Muslim, Jude, Christ, Atheist oder Agnostiker sei.

Das terroristische Auftreten des sogenannten Islamischen Staates (IS) habe in der islamischen Welt und den Theologen zu einer Diskussion über das religiöse Verständnis geführt. Denn die meisten Opfer des IS, der vorgebe, im Auftrag des Islam zu morden, seien Muslime gewesen.

Die Diskussion darüber, ob nur der Islam zu Gott führe, beschäftigte seitdem viele islamische Theologen. Deshalb sei er für die Zukunft optimistisch, dass sich das Verständnis des Islam allmählich verändere. Seine Zuversicht gründete Khorchide auch auf die Tatsache, dass an dem 2012 gegründeten Zentrum für Islamische Theologie inzwischen 850 Studierende eingeschrieben sind. Von den mehr als 2000 Bewerbern könnten nur jeweils 220 und 230 aufgenommen werden. Das zeige, dass sich junge Muslime auch nicht von Warnungen abschrecken ließen, dass am Zentrum angeblich „Häretiker“ die islamische Lehre vertreten würden.

In der anschließenden Diskussion riet Khorchide zu mehr Gelassenheit in der Diskussion um das Kopftuch, das ursprünglich ein soziales Symbol gewesen, dann ein religiöses, und nun drohe, und durch die anhaltende öffentliche Diskussion mehr und mehr zu einem politischen Symbol zu werden.

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