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Wolfgang Thierse im Gespräch mit Sendenhorster Bernhard Daldrup

Kulturkampf bereitet Sorge

Sendenhorst

Mit vielen interessanten Gedanken zog der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Zuhörer in den Bann, die ins Haus Siekmann gekommen waren, um Thierse im Gespräch mit dem Sendenhorster Bundestagsabgeordneten Bernhard Daldrup zu folgen.

Von Dierk Hartleb

Dass es derzeit gut für die SPD laufe, liege vor allem an der norddeutschen Art von Olaf Scholz, die bei den Menschen gut ankomme, erklärte Wolfgang Thierse (r.) im Gespräch mit dem SDP-Bundestagsabgeordneten und -Kandidaten Bernhard Daldrup. Foto: Reinhard Baldauf

„Für dich mache ich eine Ausnahme“ hatte Wolfgang Thierse Bernhard Daldrup beschieden, als Letzterer nachfragte, ob er im Bundestagswahlkampf in den Wahlkreis kommen würde. Am Donnerstag war es so weit.

Wer in diesen Tagen mit Thierse spricht, kommt an dem Thema Identitätspolitik nicht vorbei. Die Veröffentlichung seiner Gedanken zum Thema Identität in der FAZ am 22. Februar dieses Jahres löste einen „Shitstorm“ aus, dessen Heftigkeit nicht voraussehbar war. „Ich habe über 1000 Mails, Anrufe und Briefe bekommen“, sagte Thierse im vorangehenden Pressegespräch. Und dabei auch sehr viel Zustimmung erfahren.

Wolfgang Thierse

Im anschließenden Gespräch mit Bernhard Daldrup auf der Bühne in Haus Siekmann klang durch, wie sehr den Germanisten und Kulturwissenschaftler dieser Sturm der Entrüstung vor allem aus der LSBT-Richtung (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) für den Gebrauch der Wortes normal getroffen hat. In der Zeit der Corona-Pandemie sehnten sich alle nach Normalität und sein Verständnis von normal entspreche der Definition des Dudens. „Wir stehen in einer Art Kulturkampf“, meinte Thierse weiter, der ihn zunehmend besorge. Was nicht sein dürfe, dass „die Betroffenen entscheiden, was richtig ist“. Die größte Errungenschaft des Rechtsstaates sei, dass die Rechtssprechung Sache einer unabhängigen Justiz und nicht der Opfer sei.

Mit der Eingangsbemerkung „Es läuft ganz gut für die SPD“, hatte der Gastgeber seinen Gast in den Wahlkampfmodus versetzt. „Ratschläge sind auch Schläge“, zitierte Thierse ein Bonmot aus dem Zitatenschatz des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau. Er wundere sich auch über die Zustimmung, die die SPD gerade erfahre, warnte aber zugleich davor zu glauben, die Wahl sei schon für die Sozialdemokraten gelaufen. „Die SPD soll sich nicht zu viel darauf einbilden“, sagte Thierse weiter, denn die große Zustimmung sei im Wesentlichen das Verdienst von Olaf Scholz. Dessen norddeutsche Art komme an, konstatierte Thierse. Und der beste Wahlhelfer der SPD heiße derzeit Markus Söder.

Olaf Scholz kommt an

Mit dem Begriff Respekt habe Scholz das Vokabular der Sozialdemokraten erweitert, warf Daldrup ein. Das Wort beziehe die traditionellen Werte der SPD wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität ein, erklärte Thierse. Diese Werte einschließlich des Respektes vor der Meinung des Anderen würden umso wichtiger, weil die Gesellschaft immer mehr auseinanderzufallen drohe. Die Rolle des Stammtisches habe inzwischen das Internet übernommen, das wie eine Echokammer wirke und für der Verbreitung von Fake News Vorschub leiste.

Den Ausführungen des ehemaligen Bundestagspräsidenten hätten die 50 Besucher auch noch länger zugehört, wenn draußen nicht eine E-Limousine gewartet hätte. Die Lust an der geplanten Bahnfahrt hatte Thierse ein kämpferischer Gewerkschaftsführer namens Claus Weselsky vergällt. Zu weiteren Bemerkungen zum Bahnstreik ließ er sich nicht hinreißen.

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