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Mit dem Nabu-Experten unterwegs

Auszeit in der Natur

Telgte

Die Natur direkt vor der Haustür erleben, ist nicht schwer: Wer beispielsweise Heckrindern und Konik-Pferden – mit Abstand – näherkommen und mehr über die Artenvielfalt an der Ems erfahren möchte, kann an einer Führung teilnehmen. Der Nabu macht es möglich.

Von Hannah Frie

NABU Foto: privat

In drei Weidelandschaften an der Ems grünt, blüht, quakt und zirpt es auf vielfältige Weise. Denn in den Gebieten „Pöhlen“, „Vadrup“ und „Lauheide“ sorgen Konik-Pferde und Heckrinder als tierische Weidepfleger dafür, dass wieder neue Lebensräume für seltene Pflanzen und Tiere entstehen. Zugleich bringen sie selbst durch ihr ursprüngliches Aussehen und ihr freies Leben etwas Wildnis zurück an die Ems.

Die Nabu-Naturschutzstation Münsterland kümmert sich um die teils gepachteten, teils angekauften Flächen und begleitet das Projekt auch wissenschaftlich. Dabei gilt es – soweit möglich – der Natur ihren Lauf zu lassen und nur in notwendigen Fällen regulierend einzugreifen.

„Feldgrillenkonzert“ erleben

Mit einem „Feldgrillenkonzert“, wie es Andreas Beulting, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Naturschutzgebietsbetreuer beim Nabu, treffend beschreibt, wird der Besucher der Emsaue „Pöhlen“ gleich auf ein eindrucksvolles Naturschauspiel eingestimmt. An lauschigen Abenden werden die Grillen zudem vom Quaken der Frösche begleitet. Vom Aussichtspunkt „Pöhlen Nord“ aus kann man den Klängen der Tiere lauschen und aus der Ferne nicht nur die Heckrinder und Koniks, sondern auch viele Vogelarten beobachten. Wildgänse sind hier häufig zu Gast, hinzu kommen Neuntöter, Rohrammer, Krickente, Schafstelze und Schwarzkehlchen. Und mit etwas Glück sind selten gewordene Arten wie Kiebitz oder Feldlerche zu sehen.

Auf dieser etwa 27 Hektar großen Fläche mit einem heute weitgehend verlandeten Altarm der Ems stehen ganzjährig drei Konik-Hengste und 17 Heckrinder, die hier gemeinsam eine struktur- und artenreiche Weidelandschaft erzeugen, die wiederum anderen Tierarten Lebensraum schenkt. So schaffen die Weidetiere auf ihren Wanderungen durch das Areal Trampelpfade und Wälzstellen mit offenem Boden, der von Wildbienen und Grabwespen genutzt wird, um Erdnester anzulegen. Auch Rebhühner und Sandlaufkäfer finden sich an diesen Stellen ein. Sogar der Dung der Rinder und Pferde schafft neue Lebensgrundlagen, denn darin tummeln sich unzählige Fliegen und Mistkäfer, die eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel und Fledermäuse darstellen. Darüber hinaus sorgt das Fressverhalten von Pferd und Rind, die beide vornehmlich Gräser abweiden, für einen besonderen Blütenreichtum. Dieser zeigt sich gerade an dem emsauentypischen Sandmagerrasen, auf dem inzwischen wieder seltene Pflanzen wie Heidenelke, Hasenklee und Feld-Thymian ungestört wachsen.

Nass- und Feuchtwiesen

Daneben sind auf dem Areal Nass- und Feuchtwiesen zu finden, auf denen etwa Breitblättriges Knabenkraut, Sumpfdotterblume und Kuckucks-Lichtnelke gedeihen. Laut Beulting kommen jedes Jahr neue Pflanzen- und Tierarten hinzu.

Heckrinder können wie die Koniks problemlos ganzjährig draußen im Herdenverband leben. Heckrinder sind eine Auerochsen-Abbildzüchtung, die von den Gebrüdern Heck, Zoodirektoren in München und Berlin, in den 1920er-Jahren begonnen wurde. Die kräftigen Tiere haben mächtige Hörner und ein helles Maul. Da Bullen und Mutterkühe, die Kälber mit sich führen, unberechenbar reagieren können, wenn ihnen Menschen zu nahekommen, darf keine der Weideflächen unbefugt betreten werden.

Bei den Konik-Pferden handelt es sich um Nachfahren der letzten Tarpane in Polen, die mit Hauspferden vermischt wurden. „Koniks weisen deutliche Ähnlichkeiten mit dem Wildpferd auf“, erklärt Beulting. Denn die kompakten, kleinen Pferde besitzen wie die ausgestorbenen Tarpane ein helles, meist graues, Fell mit einem sogenannten Aalstrich, einem dunklen Strich auf ihrem Rücken, den Wildpferde als Teil ihrer Tarnfarbe trugen. Mähne und Schweif sind schwarz, wobei die Mähne helle Strähnen zeigt, und an den Beinen sind kleine Zebrastreifen zu erkennen.

Tierarzt kommt nur routinemäßig

Ihre Jungtiere bringen beide Weidetierarten problemlos selbst zur Welt. „Bislang musste hierbei noch nie ein Tierarzt hinzugezogen werden“, so Andreas Beulting. Dies sei bisher generell nur in wenigen Fällen, etwa bei Verletzungen, nötig gewesen. Somit müssen sich die Tiere zumeist nur routinemäßigen tierärztlichen Untersuchungen unterziehen. Darüber hinaus schauen ein ortsansässiger Landwirt sowie Nabu-Mitarbeiter regelmäßig nach dem Wohlbefinden von Heckrindern und Koniks.

„Die Grundidee ist, dass die Tiere hier das ganze Jahr stehen können“, erläutert Naturschutzgebietsbetreuer Beulting das Konzept der Weidelandschaften. Aufgrund einer extensiven Weidewirtschaft stehe selbst vom Herbst bis zum neuen Aufwuchs im Frühling genug Futter zur Verfügung. Nur im Bedarfsfall, wie im Februar 2021, als das Schneechaos geherrscht habe, werde Heu zugefüttert. Wasser finden die Tiere in den stehenden Gewässern. Hier fühlen sich viele Frösche und andere Amphibien sowie Wasservögel wohl. „Wir haben hier in Pöhlen eine der größten Laubfroschpopulationen an der Ems“, berichtet Andreas Beulting. Und auch bei den Knoblauchkröten sei in diesem Weidegebiet „eine stabile Population“ zu verzeichnen. Bei der jüngsten Zählung seien weit über 100 Tiere gezählt worden.

Stall nicht zwingend erforderlich

Zurück zu den Weidetieren. „Oft fragen die Leute, ob die Tiere denn keinen Stall bräuchten“, erzählt Beulting. Ein Stall sei nicht zwingend erforderlich. „Aber sie benötigen natürliche Unterstände, vor allem bei Nässe und Kälte.“ Diese finden sie auf den vielfältigen Weidegebieten, die über Gebüsche und Baumbestände wie Erlen und Pappeln verfügen. In der Emsaue „Vadrup“ steht zudem ein Unterstand zur Verfügung. Hier leben zurzeit fünf Koniks mit ihren drei Fohlen sowie 14 Rinder auf einer knapp 30 Hektar großen Fläche, die im Westen von der Ems begrenzt wird. Nicht nur die Pferde haben in diesem Gebiet Nachwuchs, denn es brüten dort Weißstörche, Uferschwalben und Eisvögel.

In der Emsaue „Lauheide“ befinden sich 13 Rinder und fünf Pferde in einem circa 23 Hektar großen Areal, das zwischen der Ems und dem Waldfriedhof liegt. Dieses Weidegebiet zeichnet sich durch seine naturnahe Gestalt mit renaturierter Ems, knorrigen Bäumen und dichten Gebüschen aus.

Wer den Heckrindern und Koniks – mit Abstand – näherkommen und mehr über die Artenvielfalt an der Ems erfahren möchte, kann an einer Führung teilnehmen.

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